Weihnachtsmarkt mit Notbremse in der Hand

Erfurt.  Die Stadt steht vor einem Dilemma: Der Markt soll keine Menschenmassen anziehen, aber trotzdem „noch ein bisschen Spaß machen“.

Erfurt hat den schönsten Weihnachtsmarkt der Welt. Wie er in diesem Jahr aussehen wird, ist aber noch offen.

Erfurt hat den schönsten Weihnachtsmarkt der Welt. Wie er in diesem Jahr aussehen wird, ist aber noch offen.

Foto: Marco Schmidt

Die deutschlandweit steigenden Corona-Infektionszahlen haben die Stadtverwaltung dazu bewogen, das Weihnachtsmarktkonzept zu überdenken. Ein Ergebnis stehe noch aus, sagt Kulturdezernent Tobias Knoblich (parteilos), der von einem „Weihnachtsmarkt mit Augenmaß und der Notbremse in der Hand“ ausgeht.

„Es gibt den starken Willen der Stadtspitze, dass es den Weihnachtsmarkt geben soll“, betont Knoblich. „Wir kämpfen dafür und finden es richtig, etwas zu etablieren, das akzeptabel ist und funktioniert.“ Fest stehe aber auch, dass das Konzept des Altstadtherbstes nicht wie geplant identisch übernommen werden kann, weil sich die Voraussetzungen geändert haben.

Mit einem Abbruch wegen Corona muss immer gerechnet werden

Schwellenwerte von Corona-Fallzahlen, bei denen eine Absage in Erwägung gezogen werden müsste, gebe es bisher ebenso wenig wie einen Stichtag, an dem sich die Stadt endgültig auf die Durchführung festlegt. Wichtigste Richtschnur seien die Verordnungen des Landes, die aktuell Weihnachtsmärkte erlauben. Mit einer Notbremse, auch einem Abbruch im laufenden Betrieb, müsse angesichts der Corona-Lage immer gerechnet werden.

Die Situation stürzt die Organisatoren in ein Dilemma, das sich bereits beim ambivalenten Umgang mit den Reisebussen offenbarte: Die richtige Balance zwischen Attraktivität und Sicherheit ist schwer zu ermitteln. Einerseits sollen Menschentrauben und ein zu großer Zuspruch unterbunden werden. Andererseits soll etwas auf die Beine gestellt werden, das laut Tobias Knoblich „noch ein bisschen Spaß macht“.

Dezentrale Standorte sollen das Marktgeschehen entzerren

Ein Weihnachtsmarkt sei auch ein gutes Gegengewicht zu der witterungsbedingten Häuslichkeit im Advent, findet der Dezernent. „Wir sind gut beraten, ein beherrschbares Ventil anzubieten“, meint er. Auch der Aspekt der Wirtschaftsförderung müsse in der Abwägung beachtet werden.

Keine Option ist offenbar die Reduzierung des Marktes auf den Domplatz. Um das Marktgeschehen zu entzerren, sollen vielmehr möglicht viele dezentrale Standorte angeboten werden. „Wir wissen, wie man Publikumsströme lenken kann“, sagt Knoblich.

Zu den Standort-Optionen zählt auch der Hirschgarten. „Eine Marktsituation, wie sie im Vorjahr einigen vorschwebte, wird es nicht geben“, betont Knoblich. Dass der Platz vor der Staatskanzlei aber zur Förderung eines Rundlaufes als „Verbindungselement mit zwei bis drei Buden“ in Erscheinung tritt, schließt er nicht aus.

Was an welchen Standorten konkret passiert, wird noch geprüft. Das gilt wohl auch für den Glühweinverkauf. Eine Absage erhalten haben bereits die Betreiber des Nostalgiekarussells auf dem Domplatz und des Karussells am Angerkreuz.

Für die Karussell-Betreiber zerbricht der letzte Strohhalm

Alois Sonntag von der niederbayrischen Schaustellerfamilie Stey bedauert diese Absage, welche die Stadt mit Aspekten der Marktfläche begründet habe. „Wir verstehen zu 100 Prozent, dass die Gesundheit und Sicherheit vorgehen“, sagt Sonntag. „Aber für uns war der Erfurter Weihnachtsmarkt der letzte Strohhalm.“

Das Nostalgiekarussell, das die letzten 20 Jahre immer auf dem Domplatz stand, bleibt nur für den Erfurter Weihnachtsmarkt im Bestand der Familie. Alois Sonntag hatte es bereits für den Auftritt in Erfurt hergerichtet.

Offen ist auch noch der Umgang der privaten Marktbetreiber. Für den Luthermarkt am Lutherdenkmal laufen die Vorbereitungen einschließlich eines Hygienekonzeptes, bestätigt der Betreiber Peter Jahr. Abschließend entschieden sei die Durchführung aber noch nicht.

Stadt macht mit Weihnachtsmarkt keinen Gewinn

Auf dem Wenigemarkt deutet sich eine Veränderung an. In Kreisen der Verwaltung wird nicht ausgeschlossen, dass die bereits erfolgte Vergabe an eine Betreibergruppe um ein Jahr verschoben und der Standort dieses Jahr zu einer Außenstelle des städtischen Marktes werden könnte.

Ein finanzielles Interesse hat die Stadt am Weihnachtsmarkt nicht. Spielten frühere Ausgaben noch Geld in die Stadtkasse, rechnet Dezernent Knoblich in diesem Jahr eher mit Verlust: Weniger Einnahmen stünden höheren Ausgaben etwa für Sicherheitspersonal entgegen.