Wissenschaftler aus Erfurt zu sozial benachteiligten Stadtteilen

Der Erfurter Sozial-Professor Marcel Helbig über sozial benachteiligte Stadtteile, ihren hohen Ausländeranteil und die Bildungschancen der Kinder

Marcel Helbig hat seit 2015 die Sonderprofessur für „Bildung und soziale Ungleichheit“ an der Uni Erfurt inne. Die Studie „Wo findet ‚Integration‘ statt?“ hat er gemeinsam mit Stefanie Jähnen am Wissenschaftszentrum Berlin erarbeitet.

Marcel Helbig hat seit 2015 die Sonderprofessur für „Bildung und soziale Ungleichheit“ an der Uni Erfurt inne. Die Studie „Wo findet ‚Integration‘ statt?“ hat er gemeinsam mit Stefanie Jähnen am Wissenschaftszentrum Berlin erarbeitet.

Foto: Bernhard Ludewig, WZB

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Als Sie vor gut einem Jahr Erfurt als eine Stadt beschrieben, die deutschlandweit mit die größten Unterschiede zwischen armen und reichen Stadtvierteln aufweist, war der Aufschrei groß. Wie fielen die Reaktionen auf die neue Studie aus, die besagt, dass in den ärmeren Stadtvierteln in Erfurt die Ausländeranteile seit 2014 am stärksten gestiegen sind?

Außerhalb von Thüringen wurde über die Studie bisher wenig berichtet. Das überrascht mich, weil sie mit der Wohnungspolitik und der Integration von Zugewanderten doch brennende Themen aufgreift. Vielleicht will man ja das Thema nicht so betonen, weil es vom politischen Rand instrumentalisiert werden könnte.

Vielleicht verwundert es viele Menschen auch gar nicht, dass viele Ausländer in den Plattenbauten am einfachsten eine bezahlbare Wohnung finden?

Natürlich ist die Entwicklung eine logische Fortsetzung dessen, was wir schon vor den gestiegenen Zuwanderungszahlen ab 2015 beobachtet haben. Wir sollten das Thema auch nicht auf die Flüchtlinge verengen. Im selben Zeitraum hat es auch eine große Zahl von Zuwanderungen aus Osteuropa gegeben. Auch diese Menschen kommen nicht als Wohlhabende, sondern sind oft in Helfertätigkeiten eingesetzt. Sie ziehen dahin, wo sie sich Wohnungen leisten können. In Erfurt hat es zum Beispiel auch einen großen Zuzug im Umfeld der Logistikunternehmen gegeben.

Eine vergleichsweise hohe Konzentration an Ausländern in bestimmten Stadtteilen bedeutet auch, dass vergleichsweise viele Kinder mit beschränkten Deutsch-Kenntnissen die Schulen besuchen. Was bedeutet das für die Bildungschancen sowohl der ausländischen als auch der deutschen Kinder?

Herkunft und Sprachanlage sind nicht so entscheidend wie die Armut. Schulen, die vorher schon durch ihre soziale Zusammensetzung belastet waren, bekommen nun zusätzliche Integrationsaufgaben. Einige Bundesländer haben das erkannt und machen etwas dagegen. Hamburg erfasst zum Beispiel, welche Schulen am meisten sozial belastet sind, und reduziert dort die Klassenstärken.

Was bedeutet das für die Forderung nach einer Maximalquote für Ausländerkinder an Schulen?

Die Erfahrung zeigt, dass das wenig bringt. Wir haben uns die Schulgesetze der Bundesländern seit 1949 angesehen. In Berlin wurde etwa Ende der 60er-Jahre bereits eine maximale Quote von 15 Prozent von Migranten an Schulen eingeführt. Später wurde sie dann auf 20 und dann auf 25 Prozent heraufgesetzt. Man passt sich also vielmehr den Gegebenheiten an. Da solche Quoten schwer umsetzbar sind, halte ich sie für Augenwischerei. Bei weiterführenden Schulen haben die Gymnasien ohnehin ein günstigeres Verhältnis als die Regelschulen, die dann die Hauptlast tragen. Das sagt gerade bei frisch zugewanderten Kindern aber nichts über die Bildungsorientierung oder die Intelligenz aus, sondern sagt mir vor allem, dass die frühe Einteilung der Schüler auf Gymnasien und den Rest gerade für diese Kinder schädlich ist.

Immer mehr Gemeinschaftsschulen werden gegründet.

Flächendeckende Gemeinschaftsschulen wären ein Mittel, die Defizite von Kindern mit Migrationshintergrund in den frühen Jahren ein Stück weit auszugleichen. Aber Gemeinschaftsschulen haben, wenn sie parallel zu Gymnasien existieren, oftmals ein Problem damit, gymnasiale Oberstufen zu bilden. Die vorhandene Oberstufe ist ein entscheidender Punkt, damit Gemeinschaftsschulen auch von „Gymnasialeltern“ angenommen werden.

Den hohen Ausländeranteil in ärmeren Stadtteilen vor allem im Osten begründen Sie unter anderem mit dem großen Wohnungs-Leerstand. Aber heißt es nicht immer wieder, dass Erfurt keinen nennenswerten Leerstand hat?

Aber wenn wir Leerstand haben, dann in den benachteiligten Lagen. Es ist aber richtig: Viele Zuwanderer streben in die großen Zentren. Sie machen nichts anderes als viele junge Deutsche. Sie verlassen das Land und ziehen in die größeren Städte. Und weil es in Erfurt, Jena und Weimar nicht so viele Wohnungen gibt, beobachten wir, dass zum Beispiel Gera gerade eine besonders große Integrationslast trägt, weil es dort auch bedeutsame Leerstände gibt. Wir sehen das auch im Westen, wo viele Ausländer nicht nach Köln oder Bonn, sondern ins Ruhrgebiet ziehen. Oft sind es die Städte mit großem Wohnungsleerstand, in denen sich Zuwanderung in ärmeren Stadtteilen ballt. Gera fällt es zugleich schwerer, die Zuwanderer in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Erfurt mit seinem hohen Logistikanteil fällt das kurzfristig etwas leichter. Wenn man allerdings fünf bis zehn Jahre weiterdenkt, ist längst nicht klar, wie sich die Logistik hier entwickeln wird.

Über die soziale Trennung wurde viel diskutiert. Inzwischen gibt es zumindest theoretische Ansätze, das Problem anzugehen: Das Bauland-Modell soll Sozialwohnungen auch in reiche Viertel bringen, Neubauten für die Mittelschicht sollen Plattenbaugebiete aufwerten. Sind das auch die Ansätze, um die Ausländer gleichmäßiger zu verteilen?

Tatsächlich bringt es nicht viel, in ethnischen Kategorien zu denken. Es kommt viel stärker darauf an, wo sich geringe Einkommen konzentrieren. Lösungsansätze funktionieren für beide Gruppen.

Die Stadt erklärt die Konzentration von Ausländern in manchen Stadtteilen auch mit der vorhandenen Infrastruktur. Setzen diese Voraussetzungen einer gleichmäßigeren Verteilung nicht Grenzen?

Die Vororte sind ein Stück weit außen vor, weil dort das Einfamilienhaus eher die Regel ist. Vom ÖPNV ist Erfurt aber sehr gut erschlossen – wenn es danach geht, kann man überall wohnen. Die Stadtteile mit hoher Konzentration wie Rieth oder Berliner Platz sind ja auch nicht zentrumsnah. Und die Beratungs- und Anlaufstellen lassen sich mit dem ÖPNV ebenso gut erreichen.

In vielen Städten weltweit gibt es eine Chinatown, ein Little Russia oder ein Araberviertel, die oft als Bereicherung empfunden werden. Ist eine gleichmäßigere Verteilung von Ausländern in Erfurt überhaupt erstrebenswert?

Ankunftsquartiere sind bis zu einem bestimmten Punkt okay. Es gibt aber mittlerweile Städte im Osten mit einer derart hohen Ballung von Armut und Zuwanderung, dass die Bezeichnung Ankunftsquartier fast schon zynisch klingt.

Die Hoffnung, dass man sich aus diesen Quartieren selbst hocharbeiten kann, trifft leider oft nicht ein. Hier sollte uns gerade auch die „Integration“ in einigen westdeutschen Städten eigentlich eine andere Erfahrung gelehrt haben. Vielleicht könnte auf lange Sicht etwa im Bereich Ilversgehofener Platz eine Art Multikultiquartier mit einem positiven Image entstehen, das mit Läden und Gastronomie aus aller Welt Anziehungskraft auf andere Bevölkerungsgruppen hat. Insgesamt sind aber, nicht nur in Erfurt, die Entwicklungsperspektiven für die sozial benachteiligten Gebiete nicht gerade rosig.

Erfurt verfügt über vergleichsweise geringe Steuereinnahmen, hat Herausforderungen wie die Buga und den Schulbau vor der Brust und kann es sich kaum leisten, so wie süddeutsche Städte riesige Geldmengen in baupolitische Maßnahmen zu stecken. Was könnte die Stadt dennoch tun?

Städte mit den größten sozialen Herausforderungen werden zu sehr allein gelassen. In süddeutschen Städten ist die Integration viel einfacher, weil viel weniger für Sozialleistungen aufgewendet werden muss und eine größere Handlungsfähigkeit etwa in der Baupolitik besteht. Ich glaube, wir müssen umdenken: Der Bund muss viel stärker auf gleichwertigere Lebensbedingungen hinwirken. Die größeren ärmeren Städte brauchen viel mehr Bundesmittel. Wie man auch beim Schulbau sieht, sind sie ziemlich allein gelassen. Und die Integration kommt da noch oben drauf. Seit Jahren herrscht eine Mangelverwaltung. In einigen Städten wurden vielleicht nicht immer die besten Entscheidungen getroffen, aber sie hatten auch nicht die besten Perspektiven.

Wenn die Aufnahme von Zuwanderern vor allem durch kommunale Wohnungsunternehmen erfolgt und diese nur in bestimmten Gegenden Wohnungen frei haben, dann werden die Zuwanderer auch nur dort untergebracht. Auch private Investoren, die sich verhoben haben und einen hohen Leerstand in einzelnen Blöcken aufweisen, denken natürlich nicht zuerst an eine schlaue Belegungspolitik.

Also ist die Stadt machtlos?

Es ist nicht einfach, da großflächig einzugreifen. Baupolitik ist nicht billig und wirkt nur langfristig. In Schwerin kam zum Beispiel die Idee auf, ob bei anstehenden Sanierungen Subventionen gegen Belegungsrechte vergeben werden können. Denn für neuen Sozialwohnungsbau in der Innenstadt ist kein Platz.

Auch in der Erfurter Altstadt leben über 3000 und damit überdurchschnittlich viele Ausländer. Dort wohnen durchaus auch wohlhabende Erfurter. Funktioniert die Integration in der City besser?

Auf das Großgebiet trifft das statistisch zu. Aber tatsächlich besteht die Altstadt aus drei statistischen Gebieten. In der City lebt so gut wie kein Sozialhilfeempfänger. Dafür umso mehr im östlichen Bereich. Aus städtebaulicher Sicht mögen die Blöcke am Juri-Gagarin-Ring nicht so schön sein. Aber wir beobachten, dass es dort, wo Plattenbauten innenstadtnäher liegen, eine bessere Durchmischung gibt. Diese Mikromischung verschafft eine etwas bessere Integrationsperspektive.

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