Zeit der Bastler und Tüftler

Erfurt.  In der Corona-Krise erfahren Baumärkte einen bemerkenswerten Zulauf

Schlange stehen am Baumarkt

Schlange stehen am Baumarkt

Foto: Michael Keller

Die Sonne blinzelt immer öfter aus den Wolken. Was aber tun mit der Zeit, wenn die Kontaktsperre alles im Klammergriff hält? Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Bauen und Basteln am Haus, in der Wohnung, im Garten. Es schlägt die Stunde der Hobbyhandwerker. Die langen Warteschlangen vor Erfurts Baumärkten dienen als Beleg für den aktuellen Ansturm. Wenngleich das Bild verzerrt wird durch die Vorsorgemaßnahmen. Das Kontingent der Einkaufswagen wurde limitiert, damit sich nicht zu viele Kunden drinnen drängeln. Der Einlass erfolgt nur in Schüben. Dazu der Sicherheitsabstand. Das Ende vom Lied: am Toom-Baumarkt in der Straße der Nationen zieht sich die Wartegemeinschaft über gut und gern 120 Meter hin. Ähnliches ist bei den beiden OBI-Baumärkten zu beobachten. Hier sei es am Wochenende noch extremer gewesen, sagt ein junger Security-Mann. 150 Meter langer Geduldsfaden. Man schleppt Zementsäcke, Holzlatten, Tapetenrollen, Blumensortimente, Gartenerde. Und Holzkohlesäcke. Ein Mann buckelt einen Gasgrill zum Auto. So viel Zeit muss sein in Thüringen. Beachtlich: alles läuft diszipliniert und ohne Hektik ab. „Ihr Erfurter habt's doch gut“, seufzt der Security-Mann. Er komme aus Sachsen und da seien sogar die Baumärkte dicht.

Drei Kategorien kann man in der Wartegemeinschaft antreffen. Da sind die Nachholebedürftigen, die die Corona-Zwangspause nutzen wollen, ihr schon lange geplanten, aber immer wieder vor sich her geschobenen Projekte zu verwirklichen.

Da ist zum Beispiel Patrick Kutzleben (42). „Ich bin zu Hause, habe nun Zeit und muss in Haus und Garten einiges erledigen und bauen, wofür bisher kaum Zeit war, wenn man sechst Tage die Woche wie ich arbeitet“, sagt er.

Dann gibt es die Kreativen, die immer einen Plan haben, um etwas zu verändern, zu erneuern, zu modernisieren. Holger Wilhelms (53) aus Kindelbrück ist so einer. Der Finanzberater hat in Haus und Garten genug zu tun, wie er sagt. Umbau, Renovierung – es passt gerade, wo jetzt Zeit übrig ist.

„Ich bereite mich auf die Garten- und die Campingsaison vor", verrät Armin Kröder aus Schwansee. Der 73-Jährige will sich dementsprechend mit den dazugehörigen Sachen eindecken. Zeit hat der Ruheständler dafür auch sonst, aber zurzeit juckt es in den Fingern. Wie jedes Jahr im April.

Eine Markise soll angebaut werden. „Da habe ich auf dem Nachhauseweg vom Angeln schnell mal Halt gemacht“, sagt Klauspeter Werner (62). Der Kurzentschlossene hat üblicherweise wenig Zeit. Ein Aktionist sei er aber nicht. „Ich kann mir meine Zeit auch gut in produktiv und unproduktiv aufteilen“, gibt er zu.

Auch Andreas Krestel (42) hat bei sich nicht unbedingt einen Anfall von Kreativität ausgemacht. Er könne sich auch gut der Langeweile hingeben. Aber weil's gerade passt, soll ein Schrank mit Isoliergrund gestrichen werden. Also pilgert er zum Baumarkt. Bisschen Abwechslung wenigstens.

"Langeweile? Sowas gibt's bei mir überhaupt nicht. Es gibt immer was zu tun. Man lebt nur einmal", sagt Edda Wagner. Die rüstige 81-Jährige ist mit ihrer Freundin Adelheid Hofmann (74) auf Einkaufstour. Der Hausputz ist durch, nun ist der Balkon dran. Blumen zur Bepflanzung, Erde für die Zimmerpflanzen, neue Sitzauflagen. Der Einkaufszettel der beiden rüstigen Damen ist umfangreich.

„Das Abenteuer Hausbau ist vorbei. Nun ist der Garten dran“, sagt ein Herr, Mittfünfziger vielleicht. Er kommt, wie das Kennzeichen seines knallroten Honda Jazz verrät, aus dem Kyffhäuserkreis. Woher, will er auch nicht verraten. Auch nicht seinen Namen. Er sei Friseurmeister und zuhause bekannt wie ein bunter Hund. Um mal Ruhe zu haben und nicht ständig angesprochen zu werden, hat er sich mit dem Auto seiner Frau getarnt und ist nach Erfurt gerauscht, um im Baumarkt einzukaufen. Säckeweise Blumenerde, Stiefmütterchen en masse.

„Momentan brauche ich nicht zu arbeiten. Aber irgendwann kommt dann die Nach-Corona-Zeit. Da werde ich mich vor Arbeit nicht retten können. Da geht dann nix mehr im Garten und deswegen nutze ich jetzt die Zeit“, spricht's und fährt von dannen.