Zwergensprache-Kurse für Babys in Erfurt

Erfurt  In Erfurt gibt es einen Zwergensprache-Kurs, bei dem Eltern und Babys gemeinsam Gebärden lernen. Wie funktioniert das?

Das Zeichen für „Blume“ erinnert an eine sich öffnende Blüte – Katja Möller macht ihrem Sohn Henry das Zeichen mit einer aus einem Handschuh gebastelten Blume vor.

Das Zeichen für „Blume“ erinnert an eine sich öffnende Blüte – Katja Möller macht ihrem Sohn Henry das Zeichen mit einer aus einem Handschuh gebastelten Blume vor.

Foto: Julia Reinard

„Mit Babys kommunizieren, bevor sie sprechen können.“ – Das ist das Motto einer Gebärdensprache für Babys, genannt „Zwergensprache“. Ihr selbst erklärtes Ziel: Den Babys Zeichen anzubieten, die sie bereits nutzen, wenn sie die Worte noch nicht bilden können. In Erfurt bietet Camilla Leithold „Zwergensprache“-Kurse an. Das klang für mich mit meinem Baby interessant – und für sieben andere Familien mit Säuglingen ebenfalls. Und so lernen wir seit sechs Wochen spielerisch gemeinsam Gebärden.

Ein guter Zeitpunkt für ein erstes Fazit, denn einige Babys machen bereits Zeichen! Henry, das mit einem Jahr älteste Baby im Kurs, schlägt vor dem Körper sein Fäustchen in die geöffnete andere Hand, wenn er „noch mal“ ein Lied hören möchte oder „noch mal“ etwas vom Essen wünscht. Seine Mutter Katja Möller freut sich darüber sehr. Sie nutzt die Zeichen zu Hause häufig. Dass sich die fünfjährige Schwester Ella sehr für die Zeichen begeistert und sie auch nutzt, ist weiterer ein Pluspunkt.

Auch Marlen Klingenschmidts Sohn Emil zeigt schon eine Gebärde: Der gut sieben Monate alte Junge öffnet und schließt seine Hand, der Daumen ist etwas abgespreizt, wenn er „Milch“ von ihr möchte. Dieses Zeichen wurde in der ersten Stunde gezeigt und seine Mutter machte es ihm seitdem immer wieder vor dem Stillen vor, begleitet vom Wort „Milch“. „Dass er es jetzt selbst zeigt, hat mir schon geholfen“, sagt Marlen Klingenschmidt und erzählt, wie ihr Sohn weiter Milch einforderte, als sie annahm, er sei bereits satt. Als er nach dem erneuten Stillen von selbst aufhörte, waren dann beide zufrieden.

In Camilla Leitholds Kurs lernt man rund 70 Zeichen kennen. Wobei manche eigentlich keines Kurses bedürfen: „Winke-winke“ hat fast jedes Baby auch zuvor gelernt; genau wie, sich über den Bauch zu reiben, wenn etwas schmeckt. Doch wie kann ein Baby zeigen, dass es keine Milch möchte, sondern „essen“? Dass es ganz konkret eine „Banane“ essen möchte? Dass es eine „Blume“ entdeckt hat oder eine „Ente“ gesehen? Dafür müsste man dann doch warten, bis die Sprache da ist oder das Kind sich anders verständigt, im besten Fall mit Zeigen, im schlechtesten mit Schreien. Die „Zwergensprache“ bietet stattdessen an: die Fingerspitzen einer Hand zusammen und nach vorn halten und so zum Mund führen (als würde man etwas Kleines mit den Fingern „essen“), eine unsichtbare Banane schälen („Banane“), die zusammengeführten Finger nach oben hin öffnen (wie eine aufblühende „Blume“), die vier parallel liegenden Finger zwei Mal auf den Daumen tippen (entspricht dem Schnabel der „Ente“).

Die Zeichen wirken oft fast intuitiv. Viele entstammen der Deutschen Gebärdensprache, zum Teil wurden sie vereinfacht, so dass Babys sie besser zeigen können. Als sogenannte „Zwergensprache“ hat Vivian König sie entwickelt. Unter dieser Bezeichnung sind Bücher und eine App erschienen und es gibt den gleichnamigen Kurs, der in Thüringen noch in vier anderen Orten angeboten wird. In jeder Kurseinheit lernt man mehr als eine Handvoll Zeichen, die auch gleich in Liedern angewendet werden – schließlich ist die Wiederholung die Mutter der Weisheit, wie es so schön heißt. Camilla Leithold bringt für die Babys Spielzeug mit, das thematisch passt. Zu Beginn und am Ende werden Lieder gesungen, die für die Kinder allmählich zu Ritualen werden.

Mein Kind und ich fühlen uns wohl im Kurs, es ist eine entspannte, heitere Runde. Ich zeige ihm oft Zeichen und muss zugeben, allein sie zu können, macht Spaß – doch das Baby hält sich zurück, es macht selbst noch keine Zeichen. Ich finde das in Ordnung. Doch könnte man auf die Idee kommen, schon in diesem Kurs die Lernerfolge der Babys zu vergleichen. Camilla Leithold wünscht sich das nicht: „Es geht nicht um höher, schneller, weiter.“ Ziel des Kurses sei, dass die Kinder mit ihren Eltern eine schöne Zeit haben und sich Zeichen aneignen, die sie im Alltag nutzen können und die ihn vielleicht vereinfachen.

Ihre Erfahrung, auch mit ihren zwei eigenen Kindern: „Kinder sind effizient. Sie machen keine Sachen, die sie nicht brauchen können. Wenn es ihnen nicht hilft, machen sie es nicht.“ Im Umkehrschluss heißt das: Wenn die Kinder Zeichen zeigen, dann, weil sie ihnen helfen, verstanden zu werden, weil sie ihr Leben erleichtern. So hätten es ihre eigenen Kinder getan und das habe sie immer wieder als Rückmeldung aus ihren seit nunmehr fünf Jahren angebotenen Kursen erhalten.