An der Basis fehlt es an Sachkenntnis

Gotha  Interview der Woche: Mario Franke, Vorsitzender des KFA-Sportgerichts, über Strafen, fehlendes Wissen und Veränderungen des Fußballs.

Das Regelbuch des Thüringer Fußball-Verbandes enthält alle Spielordnungen, wenn auch manchmal schwer durchschaubar. Viele Trainer haben Probleme mit der Regelkunde.

Das Regelbuch des Thüringer Fußball-Verbandes enthält alle Spielordnungen, wenn auch manchmal schwer durchschaubar. Viele Trainer haben Probleme mit der Regelkunde.

Foto: Marco Kneise

Es waren erstaunliche Zahlen, die Mario Franke bei der KFA-Saisoneröffnung am vergangenen Samstag präsentierte. Die Fußball-Vereine aus dem Landkreis mussten in der abgelaufenen Saison des Öfteren zur Kasse gebeten werden. Wir sprachen mit dem Ohrdrufer über die ehrenamtliche Arbeit als Vorsitzender des Sportgerichts und die Herausforderungen, denen sich der KFA und die Vereine stellen müssen.

Mehr als 32.000 Euro mussten Vereine im abgelaufenen Spieljahr insgesamt an den KFA bezahlen. Haben die Klubs zu viel Geld?

Das müssen die Vereine selbst sehen. Die Strafen gehen an den KFA, und damit ja auch an den TFV (Thüringer Fußball-Verband). Natürlich könnten sie die Gelder sinnvoller einsetzen. Doch wenn man sich nicht an Regeln hält, Feldverweise kassiert oder die Regeln nicht richtig liest, kann es Geld kosten. Neben den 116 Verfahren des Sportgerichtes resultieren diese Beträge auch aus circa 350 Strafanordnungen des Spielausschusses und des Schiedsrichterausschusses.

116 Verfahren wurden vom Sportgericht geahndet – das sind rund zehn pro Monat. Geschieht auf den Fußballplätzen im KFA Westthüringen so viel Schlechtes?

Wir hatten auch schon höhere Zahlen. Im Vergleich mit den Vorjahren ist die 116 eine Durchschnittszahl. Die Geschehnisse auf den Plätzen machen rund 70 Prozent aus. Daneben kommen noch Dinge wie fehlendes Schiedsrichtersoll oder Rückzüge von Mannschaften – formalbürokratische Vorgänge, die aber mit reinzählen.

Zahlen und Statistiken sind immer relativ. Überwiegen Bagatelldelikte oder schwere Verfehlungen im abgelaufenen Spieljahr?

Das hält sich in etwa die Waage. Zwölf Vereine wurden mit mehr als 450 Euro im Spieljahr bestraft – das sind etwa 50 Prozent des gesamten finanziellen Umfangs der durch das Sportgericht verhängten Strafen. Der Rest setzt sich aus anderen Strafen zusammen – ein nicht unerheblicher Teil davon allein durch die Nichterfüllung des Solls an Schiedsrichtern. Trotzdem sind das insgesamt knapp 15.000 Euro an Geldstrafen und Gebühren – keine kleine Summe.

Wie groß ist der Faktor Unwissenheit der Regelkunde?

Den kann man nicht direkt angeben, ist aber relativ hoch. Obwohl die Ordnungen für alle einsehbar sind, gibt es einen großen Mangel an Kenntnissen. Gerade an der Basis ist das leider sehr ausgeprägt. Ich habe das Gefühl, dass Informationen dorthin gar nicht oder nicht richtig ankommen. Natürlich gibt es einige Bestimmungen, die nur sehr schwer zu durchschauen sind. Aber erstaunlich ist, wie wenig manchmal über Delikte wie Gelb-Rot-Sperren, Altersklassenübergang, Wartefristen oder Stammspielerregelungen bekannt ist.

Ein Versäumnis der Trainer?

Schwer zu sagen. Manche wissen es einfach nicht, auch ist die Qualifikation an der Linie sehr unterschiedlich. Vom Trainer mit B-Lizenz bis zum Übungsleiter ist alles dabei. Sie müssten mal sehen, was bei Weiterbildungen mitunter los ist. Egal, wer dort sitzt – bei manchen Regeln werden die Augen immer größer. Viele wissen aber auch nicht, wen sie bei solchen Sachen fragen können. Anderen fehlt wiederum der Antrieb. Dort läuft alles nach dem Motto: Elf Mann auf den Platz und losrennen. Doch so einfach geht es nicht. Es gibt Regeln, sonst haben wir keinen gleichen Wettbewerb.

Inwieweit verändert sich der Fußball auf und neben dem Platz?

Im Durchschnitt ist er ein Abbild unserer Gesellschaft. Es gibt positive, aber auch negative Dinge – ganz unterschiedlich. Gerade im Nachwuchsbereich ist der Ehrgeiz der Eltern mitunter zu groß. Da ist ein Drang da, als ginge es um die WM. Das ist völlig überzogener Ehrgeiz.

Ist der Umgangston rauer geworden?

Es ist sicher nicht nur alles höflich. Aber die Vergehen bleiben in etwa gleich, und nicht alles, was auf dem Platz passiert, landet auch bei uns. Wo es keine Meldung und Klage gibt, entfällt die Sanktion. Die Dunkelziffer ist bestimmt höher, viele Vergehen werden nicht weiterverfolgt. Das kommt aber auch daher, weil die Schiedsrichter mittlerweile ein dickes Fell haben.

Immer wichtiger scheint die Migrations- und Integrationsfrage zu werden. Haben Sie da Veränderungen wahrgenommen?

Es gibt eine ansteigende Tendenz zu Beleidigungen, wobei das aber größtenteils unabhängig von der politischen Wertung ist. Klar ist, dass wir Schimpfwörter nie gänzlich verhindern werden können. Der biertrinkende Fan, der gröhlt – da kann kein Verein etwas für. Allerdings setzen wir auf eine größere Prävention seitens der Vereine. Zu oft wird noch weggeschaut und nicht eingeschritten. Wir geben uns keinen Illusionen hin und glauben, dass das für immer verschwindet. Aber der Fußball ist ein Sport und soll doch Spaß machen. Er darf nicht für andere Sachen missbraucht werden.

Tatsächlicher Rassismus versus falsche Verdächtigungen – das ist ein sehr enges Feld. Wie geht man mit diesem sensiblen Thema um?

Im abgelaufenen Spieljahr gab es etwa eine Handvoll Beschuldigungen. Die Verfahren sind schwierig und umfänglich. Da gibt es Vorwürfe, die erhoben werden und von der Gegenseite natürlich abgestritten werden. Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Es gibt auch kein Rezept auf unserer Ebene, dem perfekt entgegen zu treten. Dafür gibt es zu wenig Leute, ist alles Ehrenamt. Wenn es mal zu einer Verhandlung kam, sind die aus Sicht des Sportgerichts relativ problemlos verlaufen. Die Einsicht ist da, auch bei den Bestraften, selbst wenn kleine Restzweifel bleiben.

Was macht Ihnen Mut, dass die Zahl der Delikte in dieser Saison sinkt?

Ich hege die Hoffnung. Es ist ein Haufen von Verfahren, die man abarbeiten muss. Da gehen Wochenenden, Abend- und Spätstunden drauf. Wir werden bei manchen Strafen empfindlich bleiben müssen, um den Leuten die Konsequenzen der Fehler vor Augen zu führen. Dennoch plädieren wir im KFA für Prävention statt Strafe. Die Urteile kann jeder auf der Homepage nachlesen, so sind wir transparent. Den Hauptteil müssen aber die Vereine übernehmen. Sie müssen mehr gegensteuern, die Herausforderungen annehmen. Wir bieten gerne Unterstützung an, leider wird diese zu wenig genutzt. Das Angebot steht aber jederzeit.

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