„Bei den langsamen, anhaltenden Tönen finde ich Ruhe“

Gotha  Chris Albrecht kümmert sich im Handglockenchor Gotha um die vielen Kleinigkeiten und hat dafür die Thüringer Kulturnadel bekommen. Außerdem hilft ihm die Musik gegen Hektik.

Chris Albrecht spielt im Handglockenchor bevorzugt   die Bassglocken. Er ist überdies der Kassenwart des Fördervereins.

Chris Albrecht spielt im Handglockenchor bevorzugt   die Bassglocken. Er ist überdies der Kassenwart des Fördervereins.

Foto: Wieland Fischer

Chris Albrecht spielt im Handglockenchor Gotha bevorzugt Bass-Instrumente. Doch nicht nur in der Erwachsenengruppe der Musikantenschar sorgt der 49-Jährige für das (Klang)-Fundament. Ob Große oder Kleine, die Jüngeren oder Älteren, sie alle profitieren von der Arbeit, die Chris Albrecht am Rande außerdem leistet. Finanzen, Fahrdienste, Fernreisen oder Filmbeiträge im Internet, er kümmert sich um vieles, was zum laufenden Betrieb gehört – ehrenamtlich.

In einem Handglockenchor, in dem jede Glocke, jeder Ton nur einmal vorhanden ist, und das über vier Oktaven, wird jeder zum Solisten, der wiederum auf andere Mitspieler an seiner Seite angewiesen ist. In diesem Zusammenspiel ist Chris Albrecht eine tragende Stimme – „die gute Seele und eine treibende Kraft“, stellt der musikalische Leiter Matthias Eichhorn fest.

„Ohne Chris Albrecht und seine Unterstützung auf finanzieller, organisatorischer, logistischer und ideeller Ebene käme die Arbeit des Handglockenchores in kürzester Zeit zum Erliegen“, weiß Christoph Kallinich, Vorsitzender des Fördervereins für den Glockenchor Gotha. Als Anerkennung für all seinen Einsatz ist Chris Albrecht jetzt die Kulturnadel des Freistaates Thüringen verliehen worden.

Aus dem Zuhörer wird ein Mitspieler

Diese Würdigung habe ihn total überrascht. „Ich bin nämlich der, der nicht so gerne ganz vorne steht“, bekennt Albrecht. Schon gar nicht, habe er sich ausgemalt, dass er eine Auszeichnung für seine Arbeit in Sachen Musik erhalten würde. Denn der Computerfachmann ist auf diesem Gebiet ein Späteinsteiger. „Ich konnte nie sonderlich gut singen, war nur ein interessierter Zuhörer.“

So hat er erlebt, wie seine Tochter Johanna im Handglockenchor heranwächst. Irgendwann sagten sich einige Eltern: „Wir möchten das auch spielen.“ Als sich 2012 dazu eine Gruppe von Erwachsenen formierte, gehörten Chris Albrecht und seine Frau Franziska Schenk dazu. „Ich hatte bis dato nie ein Instrument gespielt.“ Jetzt genieße er es, dass er durch den Handglockenchor eine neue Welt entdeckt – die Musik.

Im Ensemble spielt er bevorzugt die Bassglocken. „Bei den langsamen, anhaltenden Tönen finde ich Ruhe“, schildert Chris Albrecht, der sich selbst als einen etwas hektischen Menschen charakterisiert.

Der Handglockenchor Gotha ist für ihn Teil seines Lebens geworden. Er weiß sich unter Gleichgesinnten und bringt sich immer wieder aufs Neue darin ein. Denn unter Leitung von Matthias Eichhorn ist das Ensemble nicht nur zu einem Familienunternehmen mit neun Gruppen sowie Projekten in Gothaer Schulen angewachsen, sondern inzwischen fast ein kleiner Wirtschaftsbetrieb mit einem Etat, der in Jahren wie diesem, wenn zig Konzerte und eine Sommertournee in den USA anstehen, mehr als 40.000 Euro umsetzt. Allein der Kauf einer Bassglocke schlage mit etwa 5000 Euro zu Buche. All das zu ermöglichen, sei Sache des Fördervereins, sagt dessen Kassenwart. Dass er dabei auch ein Mitspieler ist und Musik hautnah erlebt, sei für ihn ein großes Glück und Geschenk. Dafür bringe er sich gerne ein.

Albrecht verwaltet nicht nur die Finanzen des Fördervereins. Er hat auch immer neue Ideen und setzt sie um. Nicht nur einen Stand auf dem Gothaer Weihnachtsmarkt hat der Schatzmeister organisiert, auch die Trinkschokolade in Tassen im Glockendesign geht auf ihn zurück. Nebenbei repariert Albrecht Glocken, wenn Teile daran verschlissen sind. „Eine Schraube auswechseln kann ich.“ Geht es darum, eine Glocke in die Drehbank einzuspannen oder einen Bolzen auszuwechseln, weiß er einen Fachmann in seiner Familie, der das kann und erledigt.

Livestream erstellt für Leute in Südamerika

Sein jüngstes „Kind“ ist der Internetauftritt des Handglockenchores Gotha. 2017, anlässlich des 30-jährigen Bestehens, als einige Jugendliche der Schar im Schüleraustausch in Südamerika waren, erstellte er einen Livestream. Der werde inzwischen weltweit angeklickt, zahlreich wohlgemerkt, freut sich Albrecht. Er ist der Kümmerer, für das Kleine wie das Große im Hintergrund. In alldem unterstütze ihn seine Frau Franziska maßgeblich, betont der Geehrte.

Stolz schwingt mit, wenn er sagt, dass das 1987 von Kirchenmusikdirektorin Elke Eichhorn unter dem Dach der Augustinerkirche gegründete Ensemble – eine Schenkung aus Dayton/USA von vier Oktaven Handglocken an die damalige thüringische Landeskirche war der Auslöser – jetzt der größte Handglockenchor Deutschlands ist und einer besten.

Diesen Samstag beim Orchesterwettbewerb der Landesmusikakademie in Sondershausen wollen das Matthias Eichhorn und die Jugendgruppe aus Gotha in der Kategorie Offene Besetzung wieder unter Beweis stellen. Vor vier Jahren hatte der Handglockenchor Gotha als einziges Ensemble die volle Punktzahl erreicht.

Albrecht selbst tritt mit den Erwachsenen am Samstag, 15. November, in der Nikolaikirche in Eisenach im Gedenkgottesdienst der Hospizgruppe der Wartburgstadt auf.

Schon jetzt geht der Blick auf das traditionelle Benefizkonzert des Handglockenchores in der Augustinerkirche Gotha am Samstag, 4. Januar, mit fast allen Akteuren und Chris Albrecht mit Basstönen im Klangfundament.

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