Dem Herzen, nicht der Hand

Von Lars Reinhardt In diesen Tagen laufen Kinder mit ihren Laternen durch die Straßen. Es ist Martinstag. Hörnchen werden geteilt und der alten Geschichte gedacht, nach der ein Soldat seinen ...

Lars Reinhardt ist evangelisch-lutherischer Pfarrer in Crawinkel.

Lars Reinhardt ist evangelisch-lutherischer Pfarrer in Crawinkel.

Foto: Ines Heyer

In diesen Tagen laufen Kinder mit ihren Laternen durch die Straßen. Es ist Martinstag. Hörnchen werden geteilt und der alten Geschichte gedacht, nach der ein Soldat seinen Mantel mit einem Bettler teilte. Lange habe ich mich mit diesem Martinstag schwer getan.

Ich schaute viele Jahre wie ein Blinder auf diese Tat von Martin, bis ich folgenden Bericht über den Dichter Rainer Maria Rilke las: Rilke weilte in Paris. Wie jeden Tag führte ihn sein Weg an einer Bettlerin vorbei. Die zerlumpte Gestalt kauerte auf der Erde. Viele Menschen eilten vorbei, ließen dabei die eine oder andere Münze in ihre Hand fallen, hasteten weiter, ohne je die Frau eines Blickes zu würdigen. Rilke beobachtete dieses Treiben. Dann hatte er eine Idee und brachte eine Rose (ohne Dornen) mit. Behutsam legte er die zart duftende Blume der Bettlerin wie ein Juwel in ihre geöffnete Hand. Einige Sekunden vergingen, dann hob die Frau den Blick, schaute Rilke mit Tränen in den Augen an und bedankte sich. In diesem Augenblick begegneten sich für einen Wimpernschlag ihre Seelen. Rilke lächelte sie an und die Frau lächelte zurück. Dann stand sie auf, dankte Rilke und ging.

Menschen, die diese Szene beobachtet hatten und die Bettlerin lange kannten, sagten: „Das begreifen wir nicht. Wir haben ihr Geld gegeben und nie Dank erhalten. Du gibst ihr eine einfache Rose und sie bedankt sich derart bei dir.“ Daraufhin lächelte Rilke versonnen und meinte: „Ihr habt ihrer Hand gegeben, ich habe ihr Herz beschenkt. Gebt ihr Liebe, anstatt Geld.“

Aufmerksamkeit und Liebe hat nicht nur die Bettlerin von Rilke, sondern auch der Bettler von Martin bekommen. Rose und Mantel waren äußerliche Zeichen der innerlichen Zuwendung. Rilke und Martin haben nicht allein die leere Hand, sondern das leere Herz gesehen.

Am Martinstag geht es nicht so sehr ums Teilen und nicht darum, einen Heiligen zu verehren, viel mehr dürfen wir angestoßen werden, nicht allein die leere Hand des Hilfsbedürftigen zu sehen, sondern danach zu fragen, was sein Herz braucht.

Nehmen wir uns Zeit für die Frage, welche große Sehnsucht oder welche Leere das Herz des Menschen in meinem Umfeld ausfüllt. Nicht immer reichen unsere Möglichkeiten, um allem Mangel abzuhelfen, aber welche Stärkung bedeutet es für einen Menschen, wenn er erleben darf, dass da ein Mensch ist, der wirklich wissen möchte, wie es ihm in seinem Herzen geht. Und wie tröstlich ist doch zu wissen, dass selbst, wenn meine Mittel erschöpft sind, Gott allem Mangel abhelfen kann.

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