Die 37 Hektar des Gothaer Schlossparks stecken jeden Tag voller Geschichten

Gotha  Stadtschreiberin Birgit Ebbert fallen die Ideen vor die Füße wie im Herbst die Kastanien und Eicheln

Stadtschreiberin Birgit Ebbert

Stadtschreiberin Birgit Ebbert

Foto: Wieland Fischer

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Seit ich denken kann, sammle ich Ideen für Geschichten. Das ist nicht übertrieben, die Notizen in meiner Kinderhandschrift gibt es noch. Nun gibt es Umgebungen, in denen mich Ideen anspringen und andere, in denen mir rein gar nichts einfällt. Aber selten habe ich einen Ort erlebt, an dem die Ideen wie Funken einer Wunderkerze sprühen.

Der Schlosspark ist so ein Ort. Hier begegnet mir das Leben in seiner Vielfalt und hier fallen mir Geschichten vor die Füße wie sonst nur im Herbst Kastanien oder Eicheln. Auf 37 Hektar ist aber auch Platz genug dafür und wenn man bedenkt, dass Teile des Parks bereits Ende des 18. Jahrhundert geplant wurden, dann ist da wirklich viel Erzählenswertes passiert.

Bei meinem ersten Besuch im Januar war der Park in Zuckerschnee getaucht und wirkte schon dadurch, als gehöre er zu einem Märchen, mit den Schlosstürmen, die durch die kahlen Bäume lugten, dem Teeschlösschen und dem schneebedeckten Schneewittchensarg im Orangengarten. Vermutlich ist es nicht der Schneewittchensarg, der am Aufgang zum Schloss im Rasen steht. Trotzdem schaue ich bei jedem Spaziergang, ob die sieben Zwerge um die Ecke kommen.

Die sieben Zwerge sind mir bisher nicht begegnet, aber viele freundliche Menschen, die mich anlächelten oder sogar grüßten. Große und kleine Menschen treffe ich im Park, alte und junge, leise und laute, einzelne und Gruppen. Manchmal setze ich mich einfach nur auf die Bank und belausche die Gespräche, die die Menschen führen, mitunter auch die Selbstgespräche.

Ich bin gespannt, wann sie mir beim Schreiben wieder in Erinnerung kommen. Ganz sicher werden die Kindergartenkinder in einer Geschichte vorkommen, die im Winter selbstvergessen in dem trockenen Seebett nach Schätzen suchten.

Und der kleine Junge, der unterhalb des Museums aus dem Gebüsch den Hang hinaufkletterte und herunterrannte, unermüdlich, während die anderen Kinder sich in der Nähe der Erzieherin aufhielten. Da hätte ich zu gerne gewusst, ob er in Gedanken bereits einen Berg ersteigt.

Es kam auch vor, dass ich keinen Menschen bei meinem täglichen Rundgang durch den Park getroffen habe. Aber Tiere sind immer dort, das Eichhörnchen rast geschäftig den Baum herunter.

Wäre meine Geschichte über das Eichhörnchen Fridolin nicht schon als Erzähltheater erschienen, hätte ich sie den Gothaer Eichhörnchen gewidmet.

Stattdessen werden es vielleicht die Enten sein, die durch mich über den Schlosspark hinaus bekannt werden. Die Herren Ente, besser gesagt, die bei meinem Osterbesuch faul am Ufer lagen.

Ich glaube ja, es waren Besucher-Enten auf Kegeltour, ein Pulk von zehn Erpeln, die sich auf dem Wasser und am Ufer vergnügen. Von den Damen Ente keine Spur weit und breit.

Sollten Mensch und Tier gerade anderweitig beschäftigt sein, als für meine Geschichten Modell zu leben, bleiben mir immer noch die Denkmäler und Bauwerke im Park.

Die Sphinx auf der Insel habe ich natürlich gleich entdeckt. Der Merkurtempel am großen Parkteich lädt sowieso zu Spekulationen ein, aber auch im restlichen Park finden sich unverhofft Gedenksteine und Tafeln, die Fragen aufwerfen und dazu einladen, Antworten zu suchen oder zu erfinden.

Eines ist klar, Langeweile werde ich in Gotha nicht haben. Wenn sonst nichts los ist, gehe ich in den Park und halte Ausschau nach Ideengebern. Sie vielleicht?

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