„Eigentlich ist Rap ein herzliches Genre“

Gotha  Vor dem Schlosshof-Open-Air in Gotha spricht spricht die Sängerin „Namika“ über Identitäten, Okzident und Orient sowie die heilende Wirkung von Musik.

Die deutsche Rapperin und Popsägnerin „Namika“.

Die deutsche Rapperin und Popsägnerin „Namika“.

Foto: David Daub

Ihren Vater hat Namika nie gesehen. Den Stiefvater musste sie, da war sie sieben, nicht mehr sehen. Beide kommen vor auf „Que Walou“, dem zweiten Album der Rapperin und Popsängerin Namika („Die Schreibende“). Derzeit tourt sie mit Joris („Herz über Kopf“) durchs Land. Eins dieser Doppelkonzerte führt sie am Donnerstag, 29. August, um 20 Uhr zum Schlosshof-Open-Air in Gotha.

Wie viel der privaten Hanan Hamdi steckt in der öffentlichen Namika? Wohl nicht 100 Prozent, oder?

Doch, eigentlich schon. Alles, was Namika in ihrer Kunst schöpft, kommt ja aus meiner Person.

Namika ist eine künstlerische Figur, aber keine Kunstfigur?

Genau! Natürlich…

Wie schwierig fiel es Ihnen gleichwohl, Privates in öffentliche Kunst zu überführen? Ihr Album „Que Walou“ thematisiert viel davon.

Meine Musik war schon immer privat. Musik bedeutet für mich, Erfahrungen mit Zuhörern zu teilen, vielleicht auch schmerzhafte. Musik gibt Kraft. So habe ich sie kennengelernt. Und das hat mich unfassbar stark gemacht in Situationen, in denen ich genau das gebraucht habe. Ich fand es super, dass Musik auf Menschen so eine heilende Wirkung haben kann. Um ehrlich zu sein, ist das mein Antrieb, überhaupt Musik zu machen: um genau das zu teilen.

Warum Rap, im Kern jedenfalls?

Geschichtlich gesehen ist Rap ja eine Genre, dass aus einer Misere heraus entstanden ist. Afroamerikaner sind in den Staaten auf die Straße gegangen, um ihre Rechte einzufordern, und haben das in eine Kunstform gepackt. Das wurde dann Rap. Das fand ich unfassbar smart und cool, dieses Prinzip „Gibt Dir das Leben Zitronen, mach‘ Limonade draus“.

Und was hat diese Geschichte nun mit der Ihren zu tun?

Es ist tatsächlich eine ähnliche. Man hört ja in meiner Musik, dass ich viele Sachen durchgemacht habe, so wie viele andere Menschen in unserem Lande auch. Für mich ist Musik auch ein bisschen Therapie, weil ich mir etwas von der Seele schreiben kann. Und die Liebe, die ich dann zurückbekomme von den Fans, die meine Musik mit offenen Ohren annehmen, bedeutet ganz viel Energie für mich. Das Einzige, was ich als machen kann, ist eben, weiterhin mit Leuten zu teilen, was in mir schlummert, und dadurch vielleicht einen Hoffnungsschimmer auszulösen.

Vordergründig scheint Rap bei Ihnen aber nicht so sehr Widerstand und Protest gegen gesellschaftliche Verhältnisse zu bedeuten. Oder?

Doch, auf jeden Fall! Der Song „Que Walou“ zum Beispiel ist ja im Prinzip mein Lebenslauf, in Musik gepackt und an Lebensjahren entlang gehangelt: Sieben, vierzehn, einundzwanzig. Er blickt sogar in die Zukunft: wie ich mir mein Leben vorstelle. Den Refrain singe ich in meiner zweiten Muttersprache, Tamazight (ein marokkanischer Dialekt – die Redaktion). Die Lyrics bedeuten: „Wie nichts, wie nichts, warum wie nichts. Sollen wir für immer so bleiben und wertlos sein?“ Das ist ganz klar Gesellschaftskritik, für die ganze Welt, weil es überall noch nicht so funktioniert, wie es funktionieren sollte. Ich sehe schon, was passiert, und versuche als , dagegenzuwirken.

„Wertlos bleiben“ heißt, wertlos zu sein. Inwiefern erfuhren Sie das?

Ich sag’s mal so: Eine Frau macht solche Erfahrungen auch heute noch, allein schon, wenn wir immer noch darüber diskutieren müssen, dass Frauen das gleiche Gehalt bekommen sollen für die gleiche Arbeit, die ein Mann macht. Deutschland ist weit fortgeschritten in solchen Dingen, aber nicht weit genug. Obwohl wir ja eine Kanzlerin haben!

Das Prinzip „Gibt Dir das Leben Zitronen, mach‘ Limonade draus“ bedeutet, aus Schwächen Stärken zu machen. Betrifft das auch Ihre lange Suche nach Identität, als Deutsche, die hier als Marokkanerin betrachtet wurde, und in Marokko wiederum als Deutsche?

Ja, kulturell mehrschichtig zu sein, sehe ich heute auf jeden Fall als Stärke. Das bedeutet auch emotionale Intelligenz für mich: in vielen Welten laufen zu können, weil man eine Sensibilität für Kulturen hat. Man weiß zum Beispiel, was in einigen Ländern als höflich oder unhöflich gilt. Da fängt’s ja schon an: dass man einfach ein Grundinteresse für andere Menschen hat und eben nicht nur für sich. Es ist doch total schön, wie facettenreich die Welt ist. Man sollte jede Art von Kultur genau so respektieren wie die eigene; dann ist das eine sehr friedvolle Party, hier auf der Welt.

Sie leben in Goethes Stadt Frankfurt, ich in Weimar. Sein „Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“, trifft das auf Sie auch zu?

Ganz Deutschland ist heutzutage ja so gemischt. Und ich finde es schön, wie es ist. Deutschland ist ein unfassbar gutes Beispiel dafür, wie verantwortungsbewusst eine Regierung mit einem schwierigen Erbe agiert. Überall in Europa tut sich gerade so eine rechte Flanke auf, die sich zu einer Welle formieren möchte. Ich stehe am Rande und denke: Bitte, lass das nicht noch mal passieren, Deutschland, dafür bist du viel zu schlau!

Ich habe marokkanische Wurzeln, bin aber in Deutschland geboren und bin Deutsche – meine Großeltern auch, die haben alle einen deutschen Pass. Wir haben mit„Biodeutschen“ Tür an Tür gelebt und kamen super gut zurecht miteinander. Und viele Freundschaften sind entstanden.

Kann es sein, dass „Lieblingsmensch“ oder „Je ne parle pas français“ zwar Ihre erfolgreichsten, aber Ihnen nicht unbedingt die wichtigsten Songs sind?

Die sind genauso wichtig wie alle anderen. Ich glaube ja, sie sind nur deshalb so erfolgreich, weil ein ganzes Album darauf einzahlt. Erfolgreiche Singles sind schön und gut. Und es ist toll, durch die Musik überleben zu können. Geil! Top! Aber in meinem Fokus steht, etwas auf Albumlänge zu erzählen. Ich könnte nicht Single für Single raushauen. Das wäre ein Schritt in die Seelenlosigkeit.

Im zweisprachigen „Mashakeel“ singen Sie unter anderem: „Geht nicht nur um dich, hab Respekt vor den andern. Die Nase mal unten, das wär‘ doch ’n Anfang.“ Ist das auch Kritik am eigenen Genre?

Ein bisschen schon, na klar! Aber auch da würde ich nicht pauschalisieren. Große Egos gibt’s ja nicht nur in der Hip-Hop-Szene. Generell ist ja das Schöne an der Musik: Man kann gute Statements darin verpacken und jeder findet dann darin etwas für sich. Ich vertrete da ja generelle Werte. „Die Nase mal unten, das wär‘ doch ’n Anfang.“ Also: Es tut doch niemandem weh, mal nett zu sein!

Und ich dachte bislang, Rap und nett schließen sich aus!?

Eigentlich nicht! Eigentlich ist Rap ein sehr herzliches Genre. Es geht um Leiden und Leidenschaft.

Sie waren mal Handballerin, 3. Liga. Welche Rolle spielt das noch?

Ich bleibe immer mal hängen, wenn ich beim TV-Zappen an einem Spiel vorbeikomme. Aber selbst zu spielen, das schaffe ich leider nicht mehr. Total schade, eigentlich!

Was konnte Ihnen der Handball geben, was der Rap nicht konnte?

Auf jeden Fall schon mal physische Kraft und die Disziplin, körperlich fit zu bleiben. Handball ist aber nicht unbedingt der harmloseste Sport. Man könnte ihn als deutsches Rugby verkaufen, wenn man möchte. Und wenn man mit 18 Rückenprobleme bekommt, macht das wenig Sinn.

Also beschreibt der Handball Ihre harte Seite, und nicht der Rap?

(Pause) Jaa! Genau! So könnte man es sehen! (lacht)

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