Ein offenes Ohr für streitende Gothaer

Gotha.  Marita Jungk ist Schiedsfrau für Gotha und sorgt dafür, dass nicht jeder Konflikt vor Gericht verhandelt werden muss.

Gotha und seine Bewohner liegen Marita Jungk ihr am Herzen.

Gotha und seine Bewohner liegen Marita Jungk ihr am Herzen.

Foto: Victoria Augener

„Wir würden uns freuen, wenn sich die Gothaer weniger streiten würden“, sagt Marita Jungk, auch wenn sie dadurch weniger Arbeit hätte. Die 67-Jährige ist eine von drei Schiedsleuten, die Streitigkeiten im Stadtgebiet schlichten. Oft reichten bereits ein offenes Ohr und ein herzliches Wort, um einen Konflikt zu entschärfen, sagt Jungk. Dann komme es meist gar nicht zur Verhandlung. Das nennt sie Zwischen-Tür-und-Angel-Fälle. Von sich selbst sagt sie: „Ich mache diese Arbeit mit Verstand und Herz.“

In einer Schiedsstelle sollen Rechtsstreitigkeiten außergerichtlich geeinigt werden. Die Konflikte sind sehr verschieden: von Vermögensauseinandersetzungen und strafrechtlichen Streitigkeiten wie Beleidigung, übler Nachrede, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Schadenersatz bis zu Schmerzensgeld. Oft sind es jedoch Kleinigkeiten, durch die es zwischen einst Engverbundenen zum Bruch kommt, weiß Marita Jungk. Insbesondere ältere Menschen sitzen oft vor ihr, langjährige Gartennachbarn etwa, die wegen ihrer Grundstücke in den Streit geraten sind.

Dabei dürfe sie sich auf keine der beiden Seiten schlagen, sagt die Schiedsfrau. „Am Ende hängt es immer an den Streithähnen, sich zu einigen“, sagt die Rentnerin. Marita Jungk, die 45 Jahre als Grundschullehrerin gearbeitet hatte, ging 2017 in den Ruhestand. Doch das bloße Rentenleben wurde ihr schnell zu trist. Sie bewarb sich als Jugendschöffin und schließlich auch als Schiedsfrau.

Großvater darf Haus seiner Enkelin nicht mehr betreten

Die Arbeit in der Schiedsstelle ist ein Ehrenamt, also unbezahlt. Die monatlichen Arbeitsstunden zusammenzuzählen, fällt Marita Jungk schwer. Neben der Sprechzeit am letzten Montag des Monats telefoniert sie viel, um eine Verhandlung vorzubereiten, geht zu Ortsterminen, um sich ein Bild von der Sachlage zu machen. Die Verhandlung selbst kann mitunter bis zu dreieinhalb Stunden dauern. Dennoch würde sie die Tätigkeit jederzeit weiterempfehlen – auch wenn das Aufeinandertreffen von Streitparteien mitunter emotional sehr aufwühlend sein kann. Die 67-Jährige erinnert sich an einen Großvater, der für seine Enkeltochter ein Haus gekauft hatte, dieses nach Streitigkeiten mit ihr aber nicht mehr betreten durfte.

Konflikte sind dieselben wie vor der Corona-Zeit

Dann geht es nicht um Gut und Böse, sondern darum, zu vermitteln. „Wir sind keine Richter, wir sind Mediatoren“, sagt Marita Jungk von sich und ihren zwei Kollegen. Gut zuhören, sich in Menschen hineinversetzen, das hat die Gothaerin bei ihrer Arbeit in der Grundschule gelernt. Die Theorie eignen sich Schiedsleute durch Weiterbildungen an, zu denen beispielsweise Anwälte als Referenten eingeladen werden.

Durch die Pandemie sind im Frühjahr einige Sprechzeiten der Gothaer Schiedsstelle ausgefallen. Mittlerweile kann man sich mit Mundschutz und einigen weitere Hygieneauflagen wieder in dem Büro im Tivoli verabreden. Die Konflikte der Gothaer seien die gleichen geblieben, auch mit Corona. Streitigkeiten gibt es immer, doch dank Schiedsleuten wie Marita Jungk müssen nicht alle vor Gericht verhandelt werden.

An jedem letzten Montag im Monat ab 17 Uhr geben die Schiedsleute eine Sprechstunde im Tivoli 3. Termine außerhalb der Sprechzeit können unter Telefon: 03621/7356136 vereinbart werden.