Ein sächsischer Kurfürst aus Elfenbein

Ute Däberitz
| Lesedauer: 3 Minuten
Die Reiterstatuette August des Starken, um 1715 wird dem Künstler Wilhelm Krüger (1680-1756) zugeschrieben. 1945 wurde die Statuette aus dem Gothaer Museumsbestand entwendet.

Die Reiterstatuette August des Starken, um 1715 wird dem Künstler Wilhelm Krüger (1680-1756) zugeschrieben. 1945 wurde die Statuette aus dem Gothaer Museumsbestand entwendet.

Foto: Thomas Wolf / Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

Gotha.  Ein besonderes Augenmerk in der Friedensteinischen Sammlung ist die Reiterstatuette August des Starken, die 2001 nach Gotha zurückkehrte.

Der Reiseschriftsteller Johann Georg Keyßler (1693-1743) berichtete in einem Brief vom 13. November 1730 über die „mit vielerey merckwürdigen Dingen angefüllet[e]“ Friedensteinische Kunstkammer. Dabei richtete er ein besonderes Augenmerk auch auf einige Elfenbeinobjekte: „Bei den elfenbeinernen Kunst=Stücken bemercket man […] Augustum, den König in Pohlen, zu Pferde, von dem berühmten Krüger aus Danzig, von welchem auch ein Bettler aus Elfenbein ist, welcher jedoch wider das Decorum seines Standes mit etlichen diamantenen Knöpfen pranget.“

Als Hofmeister und Erzieher der Grafen von Bernstorff hatte Keyßler ausgiebige Reisen durch ganz Europa unternommen. Seine meist in Briefform verfassten Reiseberichte wurden 1740 erstmals veröffentlicht.

Die Reiterstatuette des sächsischen Kurfürsten Friedrich August I. (1670-1733), der 1697 als August II. zum König von Polen gewählt wurde, gelangte unter Herzog Friedrich II. in die Gothaer Kunstkammer. In den Inventaren von 1717 und 1721 wird sie erstmals erwähnt und beschrieben.

Keine signierten Arbeitenvon Wilhelm Krüger

Der genannte Urheber des Stückes, Wilhelm Krüger, war seit 1711 als Bernstein- und Elfenbeinarbeiter an der Kunstkammer in Dresden angestellt. Noch im gleichen Jahr besuchte Zar Peter I. von Russland (1672-1725) seine Werkstatt, was darauf hindeutet, dass Krüger bereits zu dieser Zeit den Ruf eines bekannten Meisters genoss.

Mit Ausnahme eines Bernsteinaltars in der Sammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien, existieren leider keine signierten oder anhand von archivalischen Belegen eindeutig identifizierbare Arbeiten Wilhelm Krügers. Die Zuschreibung der Gothaer Reiterstatuette erfolgte ausschließlich aufgrund der 1741 publizierten Schilderung Johann Georg Keyßlers.

Der genaue Zeitpunkt und die näheren Umstände ihrer Erwerbung für die Friedensteinische Kunstkammer konnte bislang leider nicht ermittelt werden.

Ab 1879 wurde die Statuette im Herzoglichen Museum präsentiert. Otto Pelka (1875-1943) – Kurator am Kunstgewerbe-Museum in Leipzig – publizierte sie in seiner 1920 erschienenen Monografie Elfenbein. Die hier veröffentlichte Abbildung und weitere historische Aufnahmen im Archiv der Stiftung Schloss Friedenstein zeigen das Stück in seiner ursprünglichen Fassung.

Im Jahr 1945 wurde die Statuette aus dem Gothaer Museumsbestand entwendet. Einer ihrer zwischenzeitlichen Besitzer hat deutliche Veränderungen an Reiter und Sockel vornehmen lassen: Die elfenbeinernen, vermutlich restaurierungsbedürftigen Zügel mit Trense und die Steigriemen wurden aus Goldblech ersetzt. Auch bei dem goldenen Kommandostab und dem in der Degenscheide befindlichen goldenen Griff mit rotem Stein handelt es sich um Ergänzungen aus dem 20. Jahrhundert, die nicht dem Original entsprechen. Ursprünglich hielt der Reiter einen Degen aus Elfenbein in seiner Rechten. Gravierende Veränderungen wurden am Sockel vorgenommen.

Den elfenbeinernen Maskaron montierte man auf die gegenüberliegende Seite des Sockels und ersetzte ihn durch ein Augustus Rex-Monogramm, das sich ursprünglich wohl auf einem anderen Gegenstand befunden haben muss, beispielsweise auf einem Kleidungsstück oder einer Tasche.

Dank Vermittlung des Kölner Kunsthauses Lempertz und großzügiger finanzieller Unterstützung durch die Kulturstiftung der Länder, den Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien, den Freistaat Thüringen und die Ernst von Siemens Kunststiftung konnte die Elfenbeinstatuette im Jahr 2001 aus dänischem Privatbesitz für das Gothaer Schlossmuseum zurück erworben werden. Bei einer künftigen Restaurierung der Statuette ist vorgesehen, die dem Originalzustand nicht entsprechenden, jüngeren Ergänzungen und Verfälschungen wieder zu entfernen.

Ute Däberitz war 1993 bis 2021 Kuratorin der Kunsthandwerklichen Sammlungen bei der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha.