Ein Tag mit historischer Bedeutung

Gotha  Stadtschreiberin: Vor 30 Jahren, als die Mauer in Berlin geöffnet wurde, war Birgit Ebbert in Schwaben. Seit einigen Monaten sammelt sie Eindrücke in Gotha und schreibt darüber.

Birgit Ebbert ist Gothaerin auf Zeit.

Birgit Ebbert ist Gothaerin auf Zeit.

Foto: Wieland Fischer

Das heutige Datum spiegelt wie kaum ein anderer Tag die Vielfalt der deutschen Geschichte wider. Am 9. November 1918 wurde die erste deutsche Republik ausgerufen. Sie hatte am 9. November 1938 längst ihr Ende gefunden, als die Nationalsozialisten systematisch jüdische Geschäfte, Synagogen und andere Einrichtungen angriffen und zerstörten. Eine der Folgen des NS-Systems war bis zum 9. November 1989 spürbar, als die Mauer, das Symbol für die Teilung Deutschlands, fiel.

Ich weiß noch genau, wo ich vom Mauerfall erfahren habe. Nicht im Münsterland, wo ich aufgewachsen bin, nicht im Ruhrgebiet, wo ich seit 20 Jahren lebe, sondern in der Nähe von Stuttgart, wohin ich für meine erste Stelle gezogen bin, weil es in Nordrhein-Westfalen damals keine Stellen für Diplom-Pädagogen gab.

Beleidigungen sind inklusive

Ich saß im Auto in Ludwigsburg, wo ich an einer Podiumsdiskussion teilgenommen hatte. Im Radio lief die Live-Berichterstattung von der Berliner Mauer. Zuerst dachte ich, es handele sich um ein Hörspiel. Dann habe ich mich gefreut, dass eine solch historische Wendung gewaltfrei durch demokratisches Handeln in einem undemokratischen Staat gelungen ist. Bei der Lehrerfortbildung, die ich am nächsten Tag und Wochenende leitete, saßen immer Teilnehmer vor dem Fernseher, weil sie begeistert waren wie ich.

Warum ich das so ausführlich schreibe? Weil ich erschüttert bin über die Entwicklung in Deutschland. Auf einmal gibt es wieder Menschen, die Demokratie nicht wichtig finden, die andere Menschen ausgrenzen, weil sie aus anderen Nationen kommen oder eine andere Sozialisation haben. In der ersten Reaktion, die ich aus der Gothaer Bevölkerung auf meine Ernennung als Stadtschreiberin bekommen habe, tauchte der Begriff „Westimport“ auf, verbunden mit beleidigenden Adjektiven. Mich hat das verwundert, weil für mich „Ost“ und „West“ im Zusammenhang mit Menschen in Deutschland keine Kategorie ist. Für mich ist die räumliche oder soziale Herkunft nie bedeutsam, ich unterscheide zwischen sympathischen und unsympathischen, engagierten oder nicht engagierten, neugierigen oder ablehnenden Menschen.

Inzwischen habe ich mit vielen Menschen in Gotha gesprochen, die sich für mich und das Aufwachsen in der BRD interessierten und gerne meine Fragen nach dem Leben in der DDR beantworten. Beide Seiten waren oft erstaunt, wie ähnlich das Alltagsleben in beiden Staaten war. Ich kenne es zwar nicht, dass man sich in eine Schlange vor einem Geschäft stellt, obwohl man nicht weiß, was verkauft wird, weil man die Ware notfalls tauschen kann. Auch manch andere Erfahrungen kann ich nicht teilen, aber das Leben zwischen Mittagessen und Schule, zwischen Jugendgruppe und Pubertät war ähnlich. Was ich vor allem mitnehme und ich mir bisher nicht so klar gemacht hatte, dass die Wende für die Menschen in der DDR ein erzwungener Neuanfang in fast jeder Hinsicht war. Allerdings haben mir viele erzählt, dass erst dadurch Träume in Erfüllung gingen. Das ist Leben: Veränderung, die positiv und negativ sein kann, aufhalten lässt sie sich nicht. Die Gothaer, die ich kennengelernt habe, haben das Beste aus der Veränderung gemacht.

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