Eine russische Zarentochter als deutsche Herzogin in Gotha

Gotha.  Jubilarin des Monats: Zum 100. Todestag von Maria Alexandrowna, aus der Marie von Sachsen-Coburg und Gotha wurde.

Anlässlich der Silberhochzeit des Herzogspaares Alfred und Maria Alexandrowna gab der Coburger Hoflieferant August Hermann 1899 diese Postkarte heraus.

Anlässlich der Silberhochzeit des Herzogspaares Alfred und Maria Alexandrowna gab der Coburger Hoflieferant August Hermann 1899 diese Postkarte heraus.

Foto: August Hermann / Repro: Matthias Wenzel

Aus der Liste der Herzoginnen aus den Häusern Sachsen-Gotha-Altenburg und Sachsen-Coburg und Gotha ist eigentlich nur die aufgeklärte Fürstin Luise Dorothea (1710-1767) so richtig in Erinnerung geblieben. Sie ist die Namenspatronin des Ortes Luisenthal und der Gothaer Dorotheenstraße.

Die im Gegensatz zur Dorotheenstraße nie umbenannte Mariengasse erinnert dagegen an die Herzogin Marie (1799-1860) – die Witwe von Herzog Ernst I. von Sachsen-Coburg und Gotha – aus dem Hause Württemberg, unter deren Protektorat die 1855 eröffnete Kinderheilanstalt Marienpflege (jetzt AWO-Kindergarten Haus der Marienkinder) stand. In ihre sozialen Fußstapfen trat vier Jahrzehnte später eine Namensvetterin von ihr.

Die Rede ist von Herzogin Marie von Sachsen-Coburg und Gotha, deren Todestag sich am 24. Oktober zum 100. Male jähren wird. Ihr Lebenslauf ist ein Beispiel dafür, dass zumindest in Adelskreisen der europäische Gedanke bereits im 19. Jahrhundert eine große Rolle spielte.

Eine internationale Karriere vorbestimmt

Geboren wurde sie nach julianischem Kalender am 5. (17.) Oktober 1853 in Zarskoje Selo bei St. Petersburg als einzige überlebende Tochter des russischen Zaren Alexander II. (1818-1881), der mit Marie von Hessen-Darmstadt (1824-1880) verheiratet war. Der Großfürstin von Russland war eine internationale Karriere vorbestimmt, als sie am 11. (23.) Januar 1874 in St. Petersburg mit dem Prinzen Alfred (1844-1900), den zweitgeborenen Sohn der englischen Königin Victoria und des bereits 1861 verstorbenen Prinzgemahls Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, heiratete.

Es war damals allerdings noch nicht abzusehen gewesen, dass sie 20 Jahre später – am 31. Januar 1894 – als Herzogin Marie von Sachsen-Coburg und Gotha in die kleine thüringische Residenzstadt feierlich einziehen würde. Ihr Gemahl Alfred hatte die Thronfolge seines am 22. August 1893 verstorbenen Onkels Herzog Ernst II. angetreten.

Obwohl die Regentschaft nur sieben Jahre dauerte, engagierte sich die Herzogin wie ihre Vorgängerinnen für soziale Belange. Ein 1895 erfolgter Besuch in der „Marienpflege für moralisch verkommene Kinder“ war der Anlass, ein „Komitee zur Gründung eines Vereins zum Zwecke der Blödenvorsorge“ ins Leben zu rufen. Dieser Verein sollte die Mittel zum Bau einer „Idiotenanstalt“ beschaffen. Als Gründungskapital stiftete die Herzogin 10.000 Mark.

Vater fällt einem Bombenanschlag zum Opfer

1897 war der Baubeginn und bereits am 15. Juli 1898 konnte der Neubau der Herzogin-Marie-Stiftung an der Pestalozzistraße eröffnet werden. Schon bald musste die für 36 Insassen berechnete Anstalt 60 Zöglinge aufnehmen. 1905 wurde deshalb ein Erweiterungsbau beschlossen, der am 19. Februar 1907 als „Neu- und Hauptbau“ durch den Anstaltsleiter Hofprediger Scholz eingeweiht wurde.

Zu diesem Zeitpunkt war Maria Alexandrowna bereits seit fast sieben Jahren Witwe. Schicksalsschläge waren ihr nicht erspart geblieben. Nachdem ihr Vater 1881 einem Bombenanschlag zum Opfer gefallen war, starb am 6. Februar 1899 ihr einziger Sohn und Erbprinz Alfred im Alter von nur 25 Jahren an den Folgen eines Selbstmordversuchs.

Zwei Wochen zuvor war noch am 23. Januar die Silberhochzeit des Herzogspaares mit allem Pomp in Gotha gefeiert und die Herzogin als „Muster einer deutschen Hausfrau“ und „Zuflucht aller Bedrängten und Bedürftigen“ gepriesen worden. „Wo nur im Lande ein Werk der christlichen Liebesthätigkeit sich aufthut, ist es stets sicher, bei der Herzogin Marie thatkräftige Förderung und ausdauernde Unterstützung zu finden“, lobte das „Gothaische Tageblatt“ aus diesem Anlass.

Sie überlebt ihren Gatten um zwei Jahrzehnte

Der frühe Tod ihres Gatten, der am 30. Juli 1900 mit knapp 56 Jahren auf Schloss Rosenau bei Coburg – wo übrigens sein Vater Albert geboren wurde – verstarb, beendete ihre Regentschaft in Coburg und Gotha. Mehr Glück als mit ihren beiden Alfreds hatte sie mit ihren vier Töchtern, die sie zwischen 1893 und 1909 mit dem späteren König von Rumänien, dem Großfürsten Kyrill von Russland, dem Erbprinzen von Hohenlohe-Langenburg (Gothaischer Regent von 1900 bis 1905) und dem Prinzen von Orléans verheiraten konnte.

Sie selbst überlebte ihren Gatten um zwei Jahrzehnte. Ihr Tod wurde im kriegs- und revolutionserschütterten Gotha im „Gothaischen Tageblatt“ vom 26. und 27. Oktober 1920 lediglich unter der Rubrik „Thüringen und Nachbargebiete“ bekanntgegeben. Demzufolge erfolgte er „unerwartet am Freitag früh in der Pension Dolder in Zürich, wo sie seit mehreren Monaten mit dem Prinzenpaar Alfons von Orleans-Bourbon und dem Großfürstenpaar Kyrill von Rußland wohnte.“

Hier muss sich jedoch ein Fehler eingeschlichen haben, denn der Freitag fiel auf den 22., alle offiziellen Quellen nennen jedoch den 24. Oktober. Ihre letzte Ruhe fand die 67-jährig an Herzlähmung verstorbene vorletzte Herzogin von Sachsen-Coburg und Gotha am 29. Oktober im herzoglichen Mausoleum in Coburg.