Gotha ist eine Stadt der Extreme und Kontraste

Cordula Simon
| Lesedauer: 3 Minuten
Cordula Simon aus Graz (Österreich) ist die 15. Kurd-Laßwitz-Stipendiatin. Gothas neue Stadtschreiberin hat Anfang April ihre Präsenzzeit begonnen, die sechs Monate dauert.

Cordula Simon aus Graz (Österreich) ist die 15. Kurd-Laßwitz-Stipendiatin. Gothas neue Stadtschreiberin hat Anfang April ihre Präsenzzeit begonnen, die sechs Monate dauert.

Foto: Claudia Klinger

Stadtschreiberin Cordula Simon geht den Kontrasten in Gotha nach.

Gotha ist eine Stadt der Extreme und Kontraste. Das Wetter kann beispielsweise, obwohl man meilenweit von jedem möglichen Meer entfernt ist, in wenigen Minuten umschlagen – obwohl es Perle am Thüringer Wald und nicht wie z. B. Odessa die Perle am schwarzen Meer heißt.

Auch die Geschichte Gothas ist zugepflastert mit Extremen: Eine omnipräsente Aristokratie und eine ausgeprägte Arbeiterbewegung. Wälder und seltene Vögel und plötzlich wieder Industrie, die frühe Liebe zu Ingenieurtechnik, ob es nun Krematorien betrifft oder die große Pumpe, die unter dem Mehrgenerationenhaus am Markt im Kellergewölbe zu finden ist, wohin ich zuletzt vor der plötzlich auftauchenden Hitze geflohen war. Momentan pumpt sie nicht, sie wird nur gelegentlich bewegt und gewartet, dort unten riecht es ein wenig nach Schmieröl.

Kommen wir zurück zur Perle: Gothas Innenstadt mit den Schlossgärten liegt wie eine dicke Perle inmitten des Fleisches von allem, was so ganz und gar nicht zu der schmuck-adretten alten Architektur passt. Ein paar Minuten Spazierweg und voilà: Hinter dem Idyll ist ja noch eine richtige Stadt, in eher klobigem Sowjetstil. Dass das Publikum beim Junghans ein anderes ist als im Kalypso, dürfte nun auch niemanden erstaunen und ich lerne, dass Gotha, so wie Städte das eben manchmal haben, eine eigene Hymne hat.

Dazu muss man festhalten, dass Städte oft keine offiziellen Hymnen haben, sondern ein Lied über die Stadt sich einfach bei der Bevölkerung durchsetzt, wie zum Beispiel das Lied genannt „Shalandi“ in Odessa. Auch hier hat Gotha Extreme zu bieten: In der offiziellen Hymne wird zu kitschiger Melodie, triefend von der Perle am Thüringer Wald gesungen (was dachten Sie, wo ich die Formulierung eingangs her habe?), die niemanden kalt ließe und der Text endet mit „Und will hier niemals wieder weg.“ Liebe Gothaer, es ist zwar hübsch hier, aber niemals wieder weg zu kommen ist dann doch ein schauerlicher Gedanke.

Beruhigenderweise gibt es noch die andere Hymne und – wie versprochen kontrastierend – ist sie echter Punk: Schleim Keim hat mit „In Gotha gibs nen Laden“ etwa fünfundzwanzig Mal so viele Onlineaufrufe, wie das andere Liedchen. In besagtem Laden aus dem Titel „gibs das Pils auf Raten“ und ist kein Bier mehr da, ist das auch egal denn “Wir sind in Gotha!“ Stellen Sie sich vor, ein Ort, an dem es egal wäre, wenn das Bier ausgeht! Bei einem meiner Spaziergänge kam ich an der Brauerei vorbei, halte dies also für höchst unwahrscheinlich.

Nur die Wasserkunst lässt warten und wird erst wieder fließen, wenn die Exponate der Baustellenaustellung entfernt wurden, die Sie dieser Tage überall in der Stadt, rund um die Uhr bewundern können. Wenn die Wasserkunst schon nicht fließt, fließt wenigstens das Bier.

Cordula Simon aus Graz ist in diesem Jahr Gothas Kurd-Laßwitz-Stipendiatin und Stadtschreiberin.