Fahrschein bleibt bei der Freundin

Gotha  Gerichtsbericht Verfahren wegen Erschleichung von Leistungen – Langes Vorstrafenregister

Trotz ihrer jungen Jahre hat es die Angeklagte auf ein beachtliches Vorstrafenregister gebracht: Körperverletzung, Unterschlagung, Beihilfe zur sexuellen Nötigung, gemeinschaftlicher Raub, gefährliche Körperverletzung, Diebstahl, Sachbeschädigung, Computerbetrug und Beleidigung finden sich in ihrem Eintrag im Bundeszentralregister.

Jetzt muss sie sich vor dem Amtsgericht Gotha wegen Erschleichung von Leistungen verantworten. Es geht um einen Euro und sechzig Cent, um eine Schwarzfahrt mit der Straßenbahn. Eigentlich eine Bagatelle, doch angesichts der Vorstrafen der Angeklagten ist diese für die Staatsanwaltschaft verfolgungswürdig.

Die Frau gibt zu, dass der Kontrolleur sie ohne Billett erwischt hat. Nur sei es gar nicht ihre Absicht gewesen, schwarz zu fahren. Denn einen Fahrschein, eine Tageskarte, habe sie sich zuvor schon gekauft.

Kontrolleur besteht hart auf seine Anweisungen

Dummerweise lag diese samt ihrem Portemonnaie in der Tasche ihrer Freundin. Und mit der hatte sie sich, erzählt sie, zuvor heftig in die Haare bekommen. Das Duo trennte sich und die Angeklagte bestieg die Straßenbahn, keine Gedanken mehr daran verschwendend, dass sie Geld, Papiere und Fahrschein in der Tasche der Freundin zurückgelassen hatte.

Das, sagt sie, habe sie damals auch dem Kontrolleur haarklein erzählt. Überdies eilte die Freundin – Streit hin oder her – umgehend an den Ort des Geschehens, um dem Vertreter der Sicherheitsfirma heftig wedelnd die Tageskarte unter die Nase zu halten, vergeblich allerdings. Der Mann blieb hart, weil er gar keine andere Wahl hatte.

Was er damals dem Duo schon erklärte, wiederholte er diesmal im Zeugenstand. In einem Fall wie diesen kann von einer Verfolgung der Schwarzfahrt nur abgesehen werden, wenn es sich um eine personengebundene Fahrkarte handelt. Dann werde lediglich eine Bearbeitungsgebühr von einigen Euro fällig. Doch ein Billett, das jeder hätte erwerben können, darf nicht nachträglich anerkannt werden.

Gericht entscheidet im Zweifel für die Angeklagte

Der Zeuge macht keinen Hehl daraus, dass für ihn die Version der beiden jungen Frauen schon damals glaubhaft war. Nur, wer ohne Fahrschein in der Straßenbahn angetroffen wird, gilt halt als Schwarzfahrer.

Nach Abschluss der Beweisaufnahme fällt das Plädoyer der Staatsanwältin kurz aus. Sie fordert für die Angeklagte Freispruch, weil nicht eindeutig nachgewiesen werden kann, dass sie in betrügerischer Absicht in die Bahn gestiegen ist. Sie habe erst bei der Kontrolle bemerkt, dass sich ihre Tageskarte im Besitz der Freundin befunden hat.

Das nimmt die Angeklagte mit Freude wahr und will sich schon auf den Heimweg machen. Doch Richterin Ulrike Borowiak-Soika macht ihr deutlich, dass der Antrag noch kein Freispruch ist. Dann aber schließt sie sich der Meinung der Staatsanwaltschaft an. Der Vorsatz, sich die Leistung zu erschleichen, sei nicht nachzuweisen. Die Frau verlässt den Saal im Amtsgericht Gotha, ohne dass ihr Vorstrafenregister um ein weiteres Vergehen wächst.

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