Friedrichroda: Er war eine moralische Instanz

Dieter Albrecht
| Lesedauer: 4 Minuten
Das historische Foto zeigt Werner Schubert-Deister im Jahr 1987 bei der Arbeit an seinem Gemälde "Tschernobyl".

Das historische Foto zeigt Werner Schubert-Deister im Jahr 1987 bei der Arbeit an seinem Gemälde "Tschernobyl".

Foto: Karl Grüner

Friedrichroda.  Am 21. Juli 2021 wäre der Friedrichrodaer Maler Werner Schubert-Deister 100 Jahre alt geworden.

Den Regimefunktionären war er ein Unbequemer, ein verhasster Querkopf, der sich der herrschenden Ideologie verweigerte. Seine Ethik, die sich in einer unbändigen Freiheit des Denkens zeigte und allen seinen Werken immanent ist, bezog er aus seinem christlichen Glauben: der Maler Werner Schubert, der nach seiner Eheschließung 1972 den Namen Schubert-Deister trug. Am 21. Juli wäre er hundert Jahre alt geworden. Bis zu seiner Ausreise in die BRD lebte und arbeitete er mit seiner Familie in Friedrichroda.

„Ich male Sachen, die man nicht sehen kann; ich male Gefühle, Empfindungen, Musikstücke, also das Innere – das, was man dabei fühlt. Und ich glaube, das wird bei uns auch gebraucht.“ Das gab der Künstler in einer Aussprache nach seinem ersten Ausreiseantrag zu Protokoll.

Und später sagte er über sein abstraktes Gemälde „Angina temporis“ (auf Deutsch: Die Enge der Zeit): „Die hektischen Felder, die jeden Tag die Menschen auslösen – das Durcheinander hat eine konsequente Unordnungs-Ordnung.“

Der Gräfenhainer Maler Gert Weber, einst Schüler Schubert-Deisters, erinnert sich: „Er war auf der Höhe seiner künstlerischen Arbeit, als ich bei ihm anklopfte, ein Außenseiter und universeller Geist, der mehr zu geben hatte als die meisten bestellten Lehrkräfte in den Kunstschulen... eine moralische Instanz... Leben und Werk waren eins, das hat mich geprägt.“

Schubert-Deister zeichnetemeist für die Schublade

Der in Hachelbich bei Sondershausen Geborene entwickelte bald eine zweifache Begabung: An der Bad Frankenhäuser Musikschule und später, nach dem Zweiten Weltkrieg, widmete er sich am Sondershäuser Konservatorium dem Klavier-, Orgel- und Kontrabassspiel. „Nebenher“ aber malte und zeichnete er.

Seit den frühen 50er Jahren Mitglied im Verein (West-)Berliner Künstler, brach für ihn mit dem Mauerbau die Verbindung mit der Welt ab. Zwar war er Mitglied des DDR-Verbands, doch der geistig eindimensionale „sozialistische Realismus“ war seine Sache nicht. Also malte und zeichnete er meist für die Schublade.

Sein Atelier entsprach laut einer Notiz des DDR-Verbands nach der Ausreise „in kaum einem Punkt den gesetzlich festgelegten Parametern für die Haltung von Nutztieren“. Der „Münchner Merkur“ schrieb 2010 von einem ehemaligen „Eiskeller einer Fleischerei, Betonbunker mit meterdicken Wänden, Kanonenofen und Glühbirne“. Da der Maler sich keine Künstlerölfarben leisten konnte, benutzte er Industriefarben, etwa Nitrolack, und mangels Leinwand wurden Hartfaserplatten sein Malgrund. Nicht selten übermalte er fertige Werke. Dass Schubert-Deister und seine Familie finanziell überleben konnten, ist zwei Umständen zu verdanken: Obwohl Verehrer der Großen, von Bach bis Stockhausen, war er sich nicht zu schade, als Barpianist zu tingeln. Und: Das Bischöfliche Amt Erfurt-Meinungen verschaffte ihm Aufträge zur Ausgestaltung von Kirchen. In den 70er Jahren schien es aufwärts zu gehen: Mit Duldung des DDR-Zolls nahmen Freunde und Verwandte aus dem Westen etliche Bilder mit, gestalteten Ausstellungen und verkauften Bilder. 1979 dann der Hammer: Zwei der westdeutschen Förderer wurden an der Grenze verhaftet und zwei Monate lang gefangen gehalten. Den Deisters wurde Zollvergehen vorgeworfen, der Staat beschlagnahmte die per Erpressung rückgeführten Bilder, die Ersparnisse der Familie wurden eingezogen.

Ein Jahr zuvor hatte der Staat den Künstler arg gedemütigt: Ein Raum des Staatlichen Forstamts in Gotha, den Schubert-Deister monatelang bildhauerisch gestaltet hatte, wurde über Nacht in den Rohbauzustand zurückversetzt! 1981 Ausreiseantrag. Warten. 1986, nach der Anklage der DDR vor der UN-Menschenrechtskommission und der Fürsprache Brands bei Honecker, durfte die Familie endlich ausreisen.

Fünf Jahre später starb Werner Schubert-Deister. Die Zeit im Westen hatte nicht ausgereicht, künstlerisch Fuß zu fassen. Ein Großteil der von der DDR beschlagnahmten Bilder ist bis heute verschollen.