Geschichte des Gothaer Landes: „Obrist hat Passport für ganzen Zug“

Sundhausen  Geschichte des Gothaer Landes Gothaer brachte Spätheimkehrer aus der Sowjetunion im Jahr 1955 auch nach Herleshausen

Auf dem Bahnsteig warteten bereits Menschen, die bei den Heimkehrern danach fragten, ob sie Angehörige kannten, die zuhause noch vermisst wurden. Foto: Archiv

Auf dem Bahnsteig warteten bereits Menschen, die bei den Heimkehrern danach fragten, ob sie Angehörige kannten, die zuhause noch vermisst wurden. Foto: Archiv

Foto: zgt

Bundeskanzler Konrad Adenauer erreichte im Jahre 1955 durch seine Reise nach Moskau die Freilassung von über zehntausend Kriegs- und Zivilgefangenen. Obwohl nach alliiertem Beschluss, bis 1949 alle ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen zu entlassen waren, hielt die Sowjetunion zur Mitte des Jahres 1955 noch über zehntausend ehemalige Angehörige der Wehrmacht sowie viele, in zweifelhaften Prozessen zu hohen Freiheitsstrafen verurteilte Zivilgefangene, in Zwangsarbeitslagern fest.

Die Rot-Kreuz-Organisationen sowie der sowjetische Rote Halbmond realisierten diese gigantische Freilassungs-Aktion in kürzester Zeit. Für die Deutsche Reichsbahn stellte dies jedoch ein großes logistisches Problem dar. Unter dem Kommando der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) wurden mit den jeweiligen Reichsbahndirektionen und Kommandanturen die Transporte aus den Gefangenenlagern von Frankfurt an der Oder nach Herleshausen organisiert und abgewickelt.

Der Sundhäuser Eisenbahnexperte Günter Walter, Jahrgang 1941, hat an diese Zeit vor 60 Jahren besondere Erinnerungen: Sein Vater, Kurt Walter (1902-1965), Oberlokführer im Bahnbetriebswerk Erfurt, hatte laut Dienstplan am 9. Oktober 1955 einen Personenzug von Erfurt nach Eisenach, zu fahren. Nach der Restaurierung in Eisenach – also Lok drehen, Kohle und Wasser aufnehmen – war der Postzug aus Bebra nach Berlin Gesundbrunnen bis Güsten zu überführen. Auf der Rückfahrt wäre von dort ein Gegenzug bis Erfurt zu übernehmen gewesen. Die Fahrt verlief jedoch nicht auf der regulären Strecke über Halle nach Berlin, sondern über Sangerhausen teilweise auf der sogenannten Kanonenbahn, wegen der kürzeren Verbindung nach Berlin.

In Sangerhausen gab es ein unerwartetes Halten, am Bahnsteig standen jede Menge Transportpolizisten. Der Rangiermeister eröffnete seinem Vater: „Meister, abhängen. Sie müssen den 19xxx in Richtung Erfurt übernehmen.“ Lange genug im Fach, wusste Kurt Walter gleich, dass es sich der Zugnummer nach, um einen Zug mit militärischem Charakter handelt.

Auf dem Sangerhäuser Güterbahnhof stand ein aus gedeckten Güterwagen wahllos zusammengesetzter Zug. Am zweiten Wagen prangte in großen Lettern die Aufschrift: „Wir grüßen die Heimat“. Dies war also der erste Transport von Spätheimkehrern aus der Sowjetunion. Ein höherer Offizier der Roten Armee und ein Mann in Zivil kamen zum Führerhaus und eröffneten dem Lokpersonal: „Sie fahren den Zug für die Sowjetische Militäradministration nach Herleshausen.“

Günter Walters Vater entgegnete, er verfüge zwar über Streckenkenntnis, habe aber keinen Passierschein für die Grenze. Darauf der Zivilist: „Obrist hat Passport für ganzen Zug.“ Wenn eine Besatzung einen Schnellzug nach Bebra in Erfurt im Regelfall übernahm, bekamen Lokführer und Heizer gegen ihren Personalausweis vom Lokleiter den Grenzpass sowie pro Person im 1:1-Umtausch zwei Westmark Zehrgeld und fünf DM für die Drehscheibe in Bebra ausgehändigt.

Zu jener Zeit waren die Kontrollen des Lok- und Zugpersonals durch die Grenzpolizei eher lasch, wusste sie doch, dass dieses Personal penibel ausgesucht war. So drückte man auch die Augen zu, wenn die Reichsbahner einige eingetauschte Westmark mit sich führten. Wie bereits erwähnt, bekamen ja die Reichsbahnmeister für die Nutzung der Drehscheibe fünf Westmark. Die meisten Bebraer Drehscheibenwärter aber waren großzügig und verlangten ihnen das Geld nicht ab.

Eine halbe Stunde Zeit am Bahnhof Leinakanal

Die Fahrt verlief bis Herleshausen reibungslos, trotz eingleisiger Strecke, überall Durchfahrt. Lediglich im damaligen Bahnhof Leinakanal – einem Betriebsbahnhof im freien Feld unweit des Heimatortes Kurt Walters – gab es einen halbstündigen Aufenthalt. Vom Zivilist, der auf der Lok mitfuhr, war es als Pinkelpause deklariert worden, denn die Wagen hatten keine Toiletten.

Es wurde peinlichst vermieden, diese Züge auf Bahnhöfen halten zu lassen, jeglicher Kontakt zu DDR-Bürgern wurde unterbunden. Vor der Durchfahrt eines derartigen Transportes waren die Bahnsteige durch die Transportpolizei von Fahrgästen beräumt worden. Kurt Walter hatte bei der Fahrt auch festgestellt, dass sich die Begleitmannschaften, bewaffnete sowjetische Soldaten und Offiziere, Polizei und „Ledermantelträger“, welche zumindest in Wartha immer gegenwärtig waren, von diesem Transport ansonsten fernhielten.

In Herleshausen angekommen, wurden die Insassen Wagen für Wagen nach Listen an bundesdeutsche Vertreter übergeben. Eine verhältnismäßig junge Frau sprach Kurt Walter an, ob er eine Botschaft an ihre Eltern in Gotha übermitteln könne, sie habe aber weder einen Umschlag noch eine Briefmarke: „Geht in Ordnung, brauchen wir beides nicht, denn ich bin von dort.“

Ihre Familie bewirtschaftete in Gotha`s Westviertel ein Lokal und war zu jener Zeit stadtbekannt. Er wunderte sich nur, wieso eine verhältnismäßig junge Frau mit Anfang Dreißig Kriegsgefangene sein konnte. Tags darauf musste sein Sohn Günter den Brief – eine aufgeschnittene Zigarettenschachtel mit Bleistift beschrieben – überbringen, aber mit der Maßgabe: „ Du hast den Brief am Bahnkörper gefunden!“ Denn, den mit diesen Zügen in Verbindung stehenden Eisenbahnern war unter Androhung der Entlassung jeglicher Umgang mit den „begnadigten Kriegsverbrechern“, untersagt.

Alleine die Post zu übermitteln, war dem Jungen suspekt. Also musste ihn sein Cousin Horst Martini begleiten. In der Gaststätte „Zum Weißen Brunnen“ angekommen, eröffnete ihnen die Wirtin: „Herr Kummer ist gestorben und Frau Ida Kummer wohnt gegenüber im Parterre.“ Dort vorgesprochen, fiel die Mutter aus allen Wolken, denn es war die erste Nachricht, die sie seit dem mysteriösen Verschwinden ihrer Tochter im Jahre 1953 erhielt, und dies am Tage ihres 75. Geburtstages.

Für Günter Walter, damals vierzehnjährig, war das „ein Gewitter von Emotionen“, wie er sich heute noch erinnert.

In den folgenden Wochen gab es noch vierzehn solcher Transporte auf dieser Strecke mit dem Personal des Bahnbetriebswerkes Erfurt.

Der letzte Transport erreichte am 16. Januar 1956 Herleshausen. Landesweit hatte die DDR-Bevölkerung, trotz intensiver Störungen der westlichen Radiosender, von den Heimkehren natürlich Kenntnis erhalten, sodass manch Hoffnung auf ein Lebenszeichen von vermissten Angehörigen neu aufkeimte. Viele hatten nun aber auch die Gewissheit vom Verlust des Angehörigen, denn es kamen dann keine Heimkehrer mehr.

Junge Frau aus Gotha hatte ein Geheimnis

Am 10. Oktober 2015 wurde nun im ehemaligen Empfangsgebäude des Bahnhofes Herleshausen ein Dokumentationszentrum für Spätheimkehrer eröffnet.

Der Termin wurde passend zum 60. Jahrestag der Ankunft des ersten Zuges gewählt. Nach jahrzehntelangem Leerstand ist das Gebäude von einem Weinhändler aus Süddeutschland von der Deutschen Bahn erworben worden und soll mit einer Dauerausstellung an die etwa achttausend Spätheimkehrer, die von Oktober 1955 bis Januar 1956 in Sonderzügen der Deutschen Reichsbahn dort ankamen, erinnern. In der DDR wurden diese Personen als „in einem großzügigen humanitären Akt von der Sowjetunion begnadigte Kriegsverbrecher“ bezeichnet. Mehrere Eisenbahner, welche mit den Heimkehrern näher in Berührung kamen, stellten aber fest, dass sich darunter auch viele wesentlich jüngere Personen befanden, die niemals am Zweiten Weltkrieg teilgenommen haben konnten, wie eben jene im ersten Transport befindliche junge Frau aus Gotha.

Günther Walter, dessen Vater wie erwähnt den ersten Zug am 9. Oktober 1955 in den Bahnhof Herleshausen steuerte, war bei der Eröffnung des Dokumentationszentrums dabei.

Er überreichte dem Trägerverein einen Becher, den ein Gefangener damals aus dem Fenster geworfen hatte. „Nun ist er am richtigen Ort“, so Günter Walter. Ab dem kommenden Jahr ist die Ausstellung in Herleshausen an jedem ersten Samstag und Sonntag im Monat von 9 bis 18 Uhr kostenfrei zugänglich.

Informationen unter: www.grenzbahnhof-zeitgeschichte.de

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