Gothaer Landtagskandidat Felix Kalbe: „Jugend ist nicht Zukunft, sondern Gegenwart“

Gotha  Ein Gespräch mit dem Gothaer Landtags-Direktkandidat Felix Kalbe (Bündnis 90/Die Grünen) über Lehrermangel, Mobilität, digitale Schulen und Förderung von Jugendarbeit.

Die sechs Direktkandidaten des Wahlkreises 15 (Gotha II) für die Landtagswahl befragt unsere Zeitung gemeinsam mit Mitgliedern des Kinder- und Jugendforums Gotha. Felix Kalbe (Bündnis 90/Die Grünen) machte den Anfang und wurde von Miriam Kümpfel interviewt.

Die sechs Direktkandidaten des Wahlkreises 15 (Gotha II) für die Landtagswahl befragt unsere Zeitung gemeinsam mit Mitgliedern des Kinder- und Jugendforums Gotha. Felix Kalbe (Bündnis 90/Die Grünen) machte den Anfang und wurde von Miriam Kümpfel interviewt.

Foto: Claudia Klinger

In einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Kinder- und Jugendforum Gotha befragt unsere Zeitung die Direktkandidaten im Wahlkreis 15 zur Landtagswahl. Felix Kalbe (24) aus Gotha tritt für Bündnis 90/Die Grünen an. Er hat zunächst evangelische Theologie studiert und macht derzeit ein duales Studium für Marketingmanagement. Er ist Mitglied des Gothaer Stadtrates.

Ganze Klassenstufen ohne Geografieunterricht, reduzierte Sportstunden – der Lehrermangel ist nach wie vor deutlich spürbar. Wie wollen Sie wirksam etwas entgegen setzen, denn die bisher geschaffenen neuen Stellen scheinen das Problem nicht zu lösen?

Die Hessen machen das gut. Da gibt es die Möglichkeit, schon während des Studiums Klassen zu übernehmen und Lehramt dual zu studieren. Das ist eine gute Form, junge Leute bereits während der Studienphase an den Lehrerberuf heranzuführen. Das kann Unterrichtsausfall verhindern helfen. Wir haben in Thüringen auch das Problem, dass Lehrer nach Studienabschluss nicht gleich arbeiten können, weil sie das Zeugnis bekommen, wenn die Bewerbungsfrist für das neue Schuljahr abgelaufen ist. Viele schauen sich dann um, wo sie in anderen Bundesländern für das aktuelle Schuljahr noch ins Referendariat kommen. So haben wir in Thüringen eine große Lücke, weil sich die Leute wegbewerben. Dafür müssen wir eine Übergangslösung finden. Das wäre auch eine Soforthilfemaßnahme für genug Lehrkräfte.

Wollen Sie denn außerdem das Modell aus Hessen mit dem dualen Lehrerstudium in Thüringen einführen?

Das wäre zumindest eine Überlegung wert und gut für die angehenden Lehrer und die Schulen, zumal praxisorientiertes Studieren fantastisch ist.

Denken Sie, dass das ausreicht? Oder müsste Thüringen seine Lehrer nicht auch besser bezahlen?

Bei uns sind ja die Lebenshaltungskosten ein ganzes Stück günstiger als im Westen. Insofern ist das Lohnniveau unter Einbeziehung der Lebenshaltungskosten ungefähr ausgeglichen. Man müsste generell darüber nachdenken, wie die Löhne im Osten angeglichen werden könnten. Das ist nicht nur ein Thema beim Lehrerberuf. Wichtig ist aber auch, mehr Lehrer in Thüringen zu verbeamten. Das müssen wir anpacken, um wettbewerbsfähiger zu werden.

Mit welchen Strategien wollen Sie die Digitalisierung an Schulen voranbringen?

Der erste Schritt wäre schon mal, WLAN flächendeckend in den Schulen einzuführen. Das ist aber ein kommunal geprägtes Thema, weil in der Regel Kommunen und Landkreise Träger der Schulen sind. Ich weiß nicht, ob Whiteboards allein die Lösung für die Zukunft sind. Die sind schnell veraltet. Digitalisierung muss in den Köpfen ankommen. Ich finde die Idee, Tablets im Unterricht zu installieren, interessant. Abstand nehmen würde ich von den grafikfähigen Taschenrechnern. Denn Tablets sind vielseitiger und können auch Gewicht im Ranzen sparen, wenn Schulbücher digital verfügbar wären.

Geht die Digitalisierung nicht viel zu langsam in Thüringen?

Ja, sie schreitet mit ISDN-Geschwindigkeit voran. Das ist gerade in ländlichen Regionen eine ganz große Baustelle. Da sind viele Menschen noch abgehängt. Mit dem Breitbandausbau müssen wir besser vorankommen, dabei aber auch den Datenschutz mit bedenken.

Wie können vor allem ältere Lehrer besser auf digitales Lernen eingestellt werden?

Eine Fortbildung allein reicht nicht, das muss permanent geschehen. Junge Lehrer müssen älteren Kollegen vormachen, wie digitaler Unterricht funktioniert und zeigen, dass er vieles auch einfacher macht.

Dazu brauchen wir aber erst mal junge Lehrer.

Genau, die müssen wir uns erst mal beschaffen. Keine Partei kann versprechen, dass wir innerhalb von zwei Jahren Abhilfe schaffen. Da wurde einiges verschlafen in den letzten Jahren. Man sollte auch über mehr Quereinsteiger nachdenken.

Warum gibt es inzwischen endlich ein Azubi- aber noch kein Schülerticket in Thüringen?

Wir haben als Grüne eine ganz klare Forderung: Für zwei Euro am Tag durchs ganze Land. Das ist unsere Mobilitätsgarantie, auf die wir im Wahlprogramm bauen. Außerdem fordern wir eine bessere Taktung: Von früh um sechs bis abends um zwölf soll jedes Dorf jede Stunde erreichbar sein, im städtischen Raum natürlich noch öfter.

Wie soll das finanziert werden?

Es gibt Umlagemöglichkeiten im Nahverkehr, der ja überwiegend staatlich, vor allem durch die Kommunen und Landkreise, subventioniert wird. Wenn ich guten Nahverkehr anbiete, fahren die Leute auch mehr mit dem Bus, und das bringt dann wieder Einnahmen. Es gibt Rechenbeispiele in unserem Programm, dass das aufgeht. Wir wollen nicht nur das Zwei-Euro-Ticket, sondern auch das Ein-Euro-Ticket für Schüler, Studenten und Auszubildende, damit die Leute noch mehr mobil sind.

Als Fahrradfahrer leben auch Schüler oft gefährlich. Wann wird es endlich mehr Radwege geben, die ja allen Menschen und der Umwelt nutzen?

Das ist kein typisches Landtagsthema, sondern eher Kommunalwahlthema. Im Kommunalwahlkampf haben wir auch schon gefordert, die Radwege in Gotha weiter auszubauen. Bei Straßenbaumaßnahmen verlangen wir konsequent die Anbindung von Radwegen. Wenn das Gewerbegebiet Gotha-Süd ausgebaut wird, muss es auch per Radweg erreichbar sein. Radwege, die kilometerlange Umwege bedeuten, finde ich für Alltagsradfahrer grauenhaft. Die restlichen zwei Drittel der Einbahnstraßen in Gotha sollten auch noch in beide Richtungen für Radfahrer freigegeben werden.

Viel zu viele junge Menschen wandern nach wie vor aus Thüringen ab. Kann das Land etwas dafür tun, dass mehr von ihnen hier eine Ausbildung oder ein Studium aufnehmen oder zumindest nach ihrer Ausbildung zurückkommen?

Wir haben in Thüringen viele gute Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten.

Aber die Konkurrenz in anderen Bundesländern ist hoch.

Die ist gewaltig, keine Frage. Aber wir können in Thüringen noch damit werben, dass wir preiswerte Mieten haben, wenn man zum Beispiel nach München guckt oder auch nach Leipzig mittlerweile. Vielleicht wäre es auch hilfreich, Nebenstandorte von Unis aufzumachen. Davon könnte auch Gotha profitieren. Wir sind ein grünes Land, wo man gut und gerne lebt, wir müssen aber auch Abendangebote schaffen und brauchen einen guten Nahverkehr sowie Konzepte für innovatives Arbeiten wie Makerspace (eine offene Werkstatt für geteiltes Know-How, Anmerkung der Redaktion) in der Innenstadt. Wir haben ja in Gotha schon das Existenzgründerzentrum in Gotha-Ost, was ich von der Lage nicht so gut finde.

Wie kinderfreundlich ist Thüringer Tourismus?

Ich finde es höchst bedauerlich, dass in Thüringen nur Weimar und Eisenach als touristische Magneten beworben werden. Das sind ja die Schwerpunkte der Marketingstrategie. Aber es gibt viel, viel mehr in Thüringen. Wir haben so eine tolle Burgenlandschaft und Geschichte, die wir auch an Kinder und Jugendliche bringen müssen. Momentan ist unser Land für junge Menschen noch nicht so touristenfreundlich gestaltet. In den Museen wird allerdings schon einiges gemacht, um spielerisch Wissen zu vermitteln.

Warum wurde vom Land die Förderung für Klassenfahrten eingeschränkt?

Weil Klassenfahrten keine nonformale Bildungsmaßnahme sind. Das klingt sehr hochtrabend, ich weiß.

Erklären Sie es doch bitte einfach mal.

Mache ich: Es gibt Jugendarbeit in Jugendverbänden und Vereinen, die ehrenamtlich passiert. Schule ist etwas anderes, da gebe ich als Gesetzgeber einen strikten Rahmen vor. Klassenfahrten sind toll für die Gruppendynamik, aber keine Veranstaltungen, die in die Breite wirken. Man muss schauen als Gesetzgeber: Was fördere ich und was nicht, weil die Mittel begrenzt sind.

Junge Menschen sind selten in politischen Gremien. Was tun Sie, damit mehr Jugendliche Teil des demokratischen Prozesses werden?

Ich bin ein großer Verfechter von eigenständiger Jugendpolitik. Das heißt, Jugendliche können über das entscheiden, was sie wirklich etwas angeht. Das hieße auf Landesebene, im Jugendhilfeausschuss junge Menschen zu etablieren. Momentan sitzen da Geschäftsführer von Jugendverbänden und Vertreter aus den Parteien und aus dem Bildungsministerium. Beteiligung gab es schon beim letzten Jugendförderplan. Auf kommunaler Ebene könnte man genauso wie einen Seniorenbeirat, den es in Gotha schon gibt, hier auch einen Jugendbeirat schaffen. Ich finde das Kinder- und Jugendforum in Gotha ganz spannend, weil dadurch viele Ideen und Impulse im Stadtrat ankommen, aber man müsste sich überlegen, wie man daraus einen Beirat mit mehr Kompetenzen macht.

Brauchen wir mehr junge Leute in Kommunal- und Landesparlamenten?

Absolut, auch im Bundestag. Ich kann nur allen jungen Leuten raten: Probiert es aus, man macht damit keine negativen Erfahrungen. Ich bin mit 19 in den Landeskirchenrat gewählt worden, da war ich bundesweit der Jüngste. Wir haben vielleicht einen anderen Blickwinkel, können aber genauso gut mit Druck umgehen wie die Älteren. Jugend ist nicht nur die Zukunft, sondern auch schon die Gegenwart. Wir dürfen nicht immer nur auf die älteren Leute schauen.

Kann die Politik Einfluss nehmen auf die Arbeitswelt hinsichtlich einer guten Work-Life-Balance?

Vielleicht könnte man gesundheitspolitische Impulse setzen und Dinge wie Sport im Unternehmen unterstützen. Aber viele Firmen entdecken das schon, dass eine gute Work-Life-Balance mehr Produktivität bringt.

Wenn Sie in den neuen Landtag gewählt werden, was wollen Sie dann für junge Menschen erreichen?

2021 steht ein neuer Landesjugendförderplan auf der Agenda. Da würde ich gern Weichen stellen, damit kontinuierliche Jugendarbeit gefördert wird – momentan wird überwiegend projektbezogen gefördert, also temporär beschränkt. Wichtig ist Bildung: Wie kann ich Schulen weiter ausbauen? Wie kann ich dem Lehrermangel vorbeugen? Außerdem verlangen Mobilität und der Breitbandausbau unsere Aufmerksamkeit. Ich spreche aber ungern vom Thema Jugend alleine, die große Überschrift heißt Generationengerechtigkeit. Denn auf guten Nahverkehr sind zum Beispiel ältere Leute genauso angewiesen wie junge Menschen.

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