Gothaer Arzt über Corona: „Auch junge Patienten sind gefährdet“

Gotha.  Der Gothaer Anästhesist und Intensivmediziner Kai-Uwe Döbel spricht mit uns über die Auswirkungen des Coronavirus' auf die Lunge.

Computertomographie der Lunge mit typischen, schweren entzündlichen Veränderungen eines Corona-Patienten

Computertomographie der Lunge mit typischen, schweren entzündlichen Veränderungen eines Corona-Patienten

Foto: Helios-Klinikum Gotha

Das Coronavirus löst derzeit bei vielen Menschen im Landkreis Gotha große Unsicherheit und Besorgnis aus. Vor allem Menschen mit chronischen Lungen- oder Atemwegserkrankungen zählen vermutlich zur Risikogruppe. Warum das so ist, wollte unsere Zeitung von Kai-Uwe Döbel wissen, der als Chefarzt für Anästhesie, Palliativ-, Intensivmedizin und Schmerztherapie im Helios-Klinikum Gotha tätig ist. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Wie verläuft eine Infektion mit dem Coronavirus?

Bei der überwiegenden Mehrzahl der Patienten verläuft die Infektion mild wie ein leichter grippaler Infekt, nur ein geringer Teil der Patienten hat einen schweren Verlauf. Der kann dann in der Tat zu einer Lungenentzündung bis hin zu einem akuten Lungenversagen führen.

Sind nur Patienten mit chronischen Atemwegserkrankungen gefährdet an Corona zu erkranken oder auch andere Patienten?

Hier müssen wir verlässliche Daten der Wissenschaftler abwarten. Patienten in höherem Lebensalter sowie Patienten mit bestimmten Grunderkrankungen zeigen häufiger einen schweren Verlauf, aber auch junge sind gefährdet.

Ist der Coronavirus gefährlicher als der Grippevirus?

Das lässt sich momentan noch nicht sagen. Letztlich können beide von ihnen verursachte Krankheitsbilder einen schweren, schlimmstenfalls tödlichen Verlauf nehmen. Wir haben mit den Influenzaviren seit vielen Jahren Erfahrungen und verlässliche wissenschaftliche Daten sammeln können. Entscheidend ist, dass es gegen die Influenza Impfstoffe gibt. Den Sars-CoV-2-Virus und die von ihm verursachte Infektion beginnen wir gerade erst zu verstehen und erforschen.

Welche medizinischen Maßnahmen werden ergriffen, wenn Patienten an Corona erkranken?

Patienten mit Symptomen sollten telefonisch mit einem Arzt Kontakt aufnehmen, der dann das weitere Vorgehen abspricht. Die Covid-19-Erkrankung selbst zeigt ein buntes Bild, keines der Symptome ist spezifisch, am häufigsten scheinen Fieber, Husten und Geruchsstörungen zu sein. Sollte ein klinischer Verdacht auf eine Infektion bestehen, erfolgt ein entsprechender Abstrich aus Nase oder Rachenraum. Bei schweren Verläufen erfolgt eine Aufnahme ins Krankenhaus und eine Erstdiagnostik, die neben erforderlichen Laboruntersuchungen eine sorgfältige Anamnese und klinische Untersuchung sowie ein Röntgenbild des Brustkorbes umfassen sollte. Nur so lässt sich sicherstellen, dass nicht andere schwere akute Erkrankungen übersehen werden.

Welche Rolle spielt ein Röntgenbild oder eine Computertomographie in der Abklärung?

Ein Röntgenbild kann Hinweise auf eine Lungenerkrankung geben, ist aber für eine Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus unspezifisch. In der Computertomographie der Lunge gibt es bestimmte Bildmuster, die den klinischen Verdacht erhärten und die Ausprägung der entzündlichen Lungenveränderungen sichtbar machen können.

Wie läuft eine Beatmung von Patienten ab, die an dem Coronavirus erkrankt sind? Warum werden die Patienten zur Beatmung auf den Bauch gelegt?

Die Beatmung beginnt mit dem Einlegen eines Beatmungsschlauches. Hierfür werden die Patienten in einen künstlichen Schlaf versetzt. Wann eine Beatmung notwendig wird, entscheiden intensivmedizinisch erfahrene Ärzte anhand klarer Kriterien. Davor wird, sofern noch Zeit bleibt, geprüft, ob der Patient die Beatmung möchte, oder es werden bei Nichtansprechbarkeit seine Angehörigen über den mutmaßlichen Willen des Patienten befragt.

Die Beatmung ist die einzige Möglichkeit, schwer entzündete Lungenbereiche wieder zu eröffnen und für die Sauerstoffaufnahme zugänglich zu machen. Da die schweren Entzündungen in den hinteren und unteren Bereichen der Lunge lokalisiert sind, werden die Patienten zeitweise auf den Bauch gedreht und diese Abschnitte dadurch wieder deutlich besser belüftet. Glücklicherweise mussten bislang im Klinikum nur die wenigsten Patienten einer Beatmungstherapie zugeführt werden, sondern konnten genesen nach Hause.

Ist die Lunge dauerhaft geschädigt nach überstandener Coronavirus-Erkrankung?

Bei sehr schweren Verläufen der Erkrankung, die ein sogenanntes ARDS (akutes Lungenversagen) ausbilden, kann es in der Folge zu länger dauernden Heilungsverläufen kommen, die eine intensive Nachbehandlung erforderlich machen. Die allermeisten Entzündungen der Lunge scheinen, wie bei anderen Infektionen auch, ohne Folgen auszuheilen. Über mögliche Langzeitfolgen können wir noch keine Aussage treffen.

Kann wieder eine vollständige Sauerstoffsättigung erreicht werden?

Unsere Lunge verfügt über eine gewaltige Kapazität, Sauerstoff in den Körper und Kohlendioxid heraus zu bringen. Daher haben die Patienten nach überstandener Erkrankung gute Chancen, wieder normale Blutwerte für Sauerstoff zu erreichen.

Dürfen Lungenpatienten nach überstandener Viruserkrankung wieder ins Fitnessstudio oder sonstigen Sport betreiben?

Ja unbedingt! Zuvor sollten sich die Patienten allerdings mit ihrem Arzt beraten und mit ihm die Belastbarkeit testen und einschätzen. Nach schweren Verläufen sollte die Belastung langsam gesteigert werden. Ich würde zunächst Spaziergänge und Walken empfehlen.