Kampfkommandant Gadolla und die geschundene Stadt

Gotha.  Vor 75 Jahren: Gotha und die letzten Tage im Zweiten Weltkrieg (Teil 1)

Blick von Schlossvorplatz auf die am 10. November 1944 zerstörten Gebäude in der Friedrich-Jacobs-Straße. Im Vordergrund das Löschwasserbecken um das Denkmal von Ernst dem Frommen.

Blick von Schlossvorplatz auf die am 10. November 1944 zerstörten Gebäude in der Friedrich-Jacobs-Straße. Im Vordergrund das Löschwasserbecken um das Denkmal von Ernst dem Frommen.

Foto: Stiftung Schloss Friedenstein

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Das Oberkommando der Wehrmacht hatte das „grüne Herz Deutschlands“ als Verteidigungszone zwischen den westlichen Alliierten und der im Osten anrückenden Roten Armee auserkoren. So konzentrierten sich in Thüringen nicht nur geheim gehaltene Produktionsstätten von modernsten Waffen, sondern auch Goldvorräte und Kunstschätze. Seit 1944 verstärkten sich die Vorbereitungen für den „Ernstfall“. In Deutschlands Mitte wurden bei höchstem Arbeitstempo unterirdische Anlagen zur Verlagerung der Rüstungsproduktion sowie für die Parteizentrale und Führungsstäbe der Wehrmacht begonnen.

Wegen seiner strategischen Bedeutung gehörte auch Gotha zu den „festen Plätzen“, die um jeden Preis gehalten werden sollten. Diesen militärischen Befehl erhielt Oberstleutnant Josef Ritter von Gadolla, der seit 1943 Leiter des Wehrmeldeamts in der Kaserne Bürgeraue (heute Kaufland) war. Außerdem befand sich in der Kaserne das Wehrbezirkskommando mit dem Leiter Oberst von Reckow.

Zu den Aufgaben des Wehrmeldeamtes gehörte es, die Einberufungsbefehle zur Wehrmacht auszustellen. Das betraf in den letzten Kriegsmonaten die 16- und 17-Jährigen und Männer im hohen Alter, die bisher nicht eingezogen waren. Am 5. März 1945 hatten die Machthaber sogar die Fünfzehnjährigen einberufen. Die Hitlerjungen aus ganz Thüringen des Jahrgangs 1929 waren in das Wehrertüchtigungslager Waltershausen gepresst worden, wo sie durch kriegsversehrte Offiziere und Unteroffiziere für den letzten Kampf getrimmt wurden.

Wehrmeldeamtsleiter wurde allgemein geschätzt

Außerdem wurden auf dem Wehrmeldeamt die Wehrstammbücher geführt. Sie waren laufend zu ergänzen mit Auszeichnungen, Bestrafungen und Verwundungen von Wehrmachtsangehörigen sowie dem Todestag von Gefallenen. Die Güte und Ruhe des Wehrmeldeamtsleiters beim Umgang mit seinen Mitarbeitern und Wehrmachtsangehörigen, die das Amt aufsuchen mussten, wurde allgemein geschätzt. Dagegen missfiel Gadolla die „preußische Art“ und ein überspitzt scharfer Kommandoton.

Sein Fahrer, Obergefreiter Herbert Becker, war zufällig bei einem Gespräch anwesend, als ein Soldat der Ostfront seinen Urlaub überschritten hatte, weil seine Frau erkrankt war. Die Krankheit seiner Frau war kein Entschuldigungsgrund und zog in der Regel eine hohe Disziplinarstrafe nach sich. Der Oberstleutnant bestrafte jedoch nicht, sondern befahl dem Soldaten, ein ärztliches Attest und eine Bescheinigung des Bürgermeisters seiner Gemeinde über den Gesundheitszustand seiner Frau vorzulegen. Gadolla stand also für die eigenwillige Urlaubsüberschreitung gerade.

Anfang 1945 war das Wehrbezirkskommando Gotha mit Oberst von Reckow nach Mühlhausen verlegt worden. Oberstleutnant von Gadolla war seitdem ranghöchster Offizier von Gotha. In dieser positionierten Stellung erhielt er am 1. Februar 1945 den Befehl zum Einsatz als Kampfkommandant der zur Festung erklärten Stadt. In Anlage 1 zu diesem Hitler-Befehl hieß es, dass der Kommandant „unter rücksichtsloser Ausschöpfung aller Möglichkeiten“ die Verteidigung vorzubereiten hatte, um sich bei „ungünstiger Entwicklung der Lage einschließen zu lassen und bis zum letzten zu halten“. Zur Vorbereitung auf den Kampf gehörten unter Einbeziehung der Zivilbevölkerung der Ausbau von Stellungen für die Verteidigung, die Sperrung der wichtigsten Straßen und Sprengung von Brücken.

Eine militärische Übermacht rückte an

Um die regulären Truppen zu verstärken, trafen Ende März Verbände der Waffen-SS in Gotha ein. Es mussten die letzten Reserven aus den Kriegsschulen, der Hitlerjugend, dem Volkssturm dem Arbeitsdienst, junge unausgebildete Rekruten und Genesende eingesetzt werden. Sie standen mit wenigen Waffen ausgerüstet und ohne ausreichende Ausbildung einem übermächtigen Gegner mit ansehnlichen Ressourcen an Menschen und Material gegenüber. Die Munition war so knapp, dass 30 Mann nicht mehr als insgesamt 35 Schuss erhielten, wie Walter Siegel vom Volkssturm berichtete.

Während die Front immer näher rückte, trafen die führenden Nazis rechtzeitig Vorkehrungen, um sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Auch Oberbürgermeister Dr. Fritz Schmidt bereitete sich auf die Flucht vor. In einem Einsatzplan regelte er die Reihenfolge seiner Vertretung und wies die Beamten und Angestellten der Stadtverwaltung an, im Falle eines „Feindeinmarsches“ auf ihren Posten zu bleiben und Anordnungen unter dem Gesichtspunkt einer vorübergehenden Besetzung anzusehen. Sie erhielten Anweisungen nach ihrem Ermessen Unterlagen zu vernichten. So wurden bergeweise Akten und Karteien verbrannt. Darunter befanden sich auch die Unterlagen des Wirtschafts- und Ernährungsamtes für die Ausgabe von Lebensmittel- und Bedarfsgüterkarten, die nach dem Krieg dringend gebraucht wurden.

Helga Raschke ist Historikerin aus Gotha. Die nächste Folge der dreiteiligen Serie veröffentlichen wir am Freitag, 3. April.

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