Raffinierte Naturbeobachtungen im Kunstforum Gotha

Gotha.  Elena Timtschenko zeigt in Gotha, wie viel Potenzial für Kunst in einem Kugelschreiber steckt.

Elena Timtschenkos Zeichenmittel der Wahl ist der Kugelschreiber, hier bei der Artthuer 2018 in Erfurt (Archiv-Foto). 

Elena Timtschenkos Zeichenmittel der Wahl ist der Kugelschreiber, hier bei der Artthuer 2018 in Erfurt (Archiv-Foto). 

Foto: Volker Hielscher

Elena Timtschenko erkennt Vollendung in den Formen der Natur. In Schneckenhäusern, deren fließende Linien sich zu einem Strudel vereinen, in stabilen Kalkwänden, die ihre fragilen Bewohner schützen. In Samenkapseln, die so beschaffen sind, dass sie meterweit vom Wind getragen werden – Formen, perfekter als man sie je erfinden könnte, bringt Timtschenko mit einfachsten Mitteln zu Papier.

Ihr Utensil hat die Künstlerin jederzeit in der Tasche: den Kugelschreiber. Welch faszinierende Welten die dünnen Tintenlinien konstruieren, zeigt die Ausstellung „LebensRÄUME“ bis zum 20. September im Kunstforum Gotha.

Der Tanz mit dem Kugelschreiber, kaum jemand beherrscht ihn wie Elena Timtschenko. Das habe ihr schon der Künstler Fritz Rahmann an der Bauhaus-Universität in Weimar gesagt. Als sie dort 2003 ihr Studium der Freien Kunst abschließt, lebt Timtschenko seit sieben Jahren in Deutschland. Geboren im Nordkaukasus, prägten ihre Kindheit Aufenthalte in Sibirien und Zentralasien.

Der Bücherschrank ihrer Großmutter

Immer nach Beschäftigung lechzend, lehrte man ihr mit vier Jahren das Lesen – „damit ich Ruhe gebe“, erinnert sich Timtschenko. Fortan wurde der große Bücherschrank ihrer jüdischen Großmutter ihr Ruhepol. Sie zeigte dem Mädchen, das noch nie das Meer gesehen hatte, eine große Muschel, ließ sie das Rauschen hören. Wasser bis zum Horizont, diese Vorstellung war ihr fremd, und doch begann sie zu begreifen: Die Welt ist mehr als das, was ich kenne. Das Fernweh war geweckt.

Es folgte die strikte Ausbildung in Kunst- und Ballettschulen, ein Fremdsprachenstudium unter anderem in Moskau und Dolmetschertätigkeit. Ziel ihrer Berufswahl war es, die Welt zu bereisen. Von Wanderlust zeugen auch die Zeichenbücher, die im Kunstforum in Vitrinen ausgestellt sind. Bei Aufenthalten in Malta und Madeira zeichnet Timtschenko was sie auf Wanderungen sieht.

Serie über Holzarten

Da ist zum Beispiel ein Stück Baumwurzel, das gelegentlich von Meerwasser überspült wird. Den Kräften der Natur ausgesetzt, ist die Oberfläche an vielen Stellen geplatzt. Die Wunden des Holzes hebt Elena Timtschenko mit roter Farbe heraus, die Tiefe schaffen unzählige schwarze Kugelschreiberstriche. Das Objekt tritt scheinbar aus dem Papier hervor.

Schwarz, Rot, Blau und Grün – nicht mehr als vier Farben benötigt Timtschenko für ihre Serie „Bruch und Baustellen“, die verschiedene Holzarten abbildet. Kombiniert ergibt das Farbquartett ein großes Spektrum von Tönen. Die realen Vorbilder der Zeichnungen, so die Künstlerin, seien etwa faustgroß. Wie menschliche Herzen, jedoch unbeabsichtigt, betont sie. Aufgezeichnet wirken sie in der Tat wie Organe. Details erfasst sie mit einem Vergrößerungsglas.

Was der Betrachter in ihren Bildern sehen soll, lässt Elena Timtschenko offen. Bewusst gibt sie ihren Bildern keine Titel. Nur selten ist überhaupt ihre Signatur zu sehen. Ihre Motive fordern heraus, regen zum Fantasieren an, wühlen in ihrer Farbgewalt auf und beruhigen zugleich durch ihre Natürlichkeit.

Die Ausstellung „LebensRÄUME“ ist vom 17. Juli bis 20. September dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 10 bis 17 Uhr im Kunstforum Gotha, Querstraße 13-15, zu sehen.