Sensationeller Fund für sächsische Geschichte

Gotha  Martin Mulsow entdeckt wohl älteste Münzgeschichte des Nachbarlandes in der Forschungsbibliothek Gotha

Der Direktor des Forschungszentrums Gotha Martin Mulsow mit der druckfrischen Fachzeitschrift, die seinen Beitrag über den Fund enthält.

Der Direktor des Forschungszentrums Gotha Martin Mulsow mit der druckfrischen Fachzeitschrift, die seinen Beitrag über den Fund enthält.

Foto: Matthias Wenzel

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Nicht nur bei den Münzkundlern gilt das zwischen 1705 und 1714 in drei Bänden erschienene „Saxonia numismatica“ als Standardwerk. Es behandelt die ernestinischen und albertinischen Linien und somit den Zeitraum ab 1485. Eine ältere Abhandlung war bis dato in der Fachwelt unbekannt.

In der vergangenen Woche erschien nun in der renommierten Fachzeitschrift „Neues Archiv für sächsische Geschichte“ ein Beitrag von Martin Mulsow über seinen Fund eines lateinischen Manuskripts über die „Historiae Saxoniae … Veritas“ in der Forschungsbibliothek Gotha. Dass diese immer wieder für Überraschungen gut ist, beweist die Tatsache, dass 2015 eine arabische Handschrift und eine Luther-Schrift in das Unesco-Weltdokumenterbe aufgenommen worden waren.

Wir sprachen deshalb mit dem Direktor des Forschungszentrums Gotha der Universität Erfurt mit Sitz im sanierten Landschaftshaus am Schlossberg 2.

Wie Martin Mulsow berichtete, habe es zunächst ganz unscheinbar ausgesehen, als er vor etwa einem Jahr beim Durchforsten des Nachlasses des Gothaer Numismatikers Christian Schlegel (1667-1722) auf ein komplett druckfertiges Manuskript gestoßen war.

Wie sich schnell herausstellte, war es jedoch niemals gedruckt worden. Mulsow konnte es auf das Jahr 1696 datieren. In dieser Zeit ordnete Schlegel in Dresden die Münzsammlung des Dresdner Oberhofmarschalls Friedrich Adolph von Haugwitz (1637-1705), der jedoch 1697 in Ungnade fiel. „Deshalb konnte Schlegels Publikation nicht mehr realisiert werden und auch die Druckplatten mit den Abbildungen blieben unbenutzt.“ Und so sei das druckfertige Manuskript in einen „Dornröschenschlaf“ verfallen.

Durch Schlegel sei es über Arnstadt 1712 nach Gotha gelangt, wohin der Numismatiker als Bibliothekar und Betreuer des Münzkabinetts auf schloss Friedenstein berufen worden war. Laut Mulsow wollte er das rund 150-seitige Manuskript immer noch veröffentlichen, sei jedoch 1722 darüber verstorben. Das Außergewöhnliche an dieser bisher völlig unbekannten Schrift sei, dass sie „als die erste Geschichte des mittelalterlichen Sachsen gelten muss, die auf Münzen basierend geschrieben worden ist. Für die sächsische Geschichte ist das ein sensationeller Fund.“

Wahrscheinlich habe es in Dresden mit Tentzel eine Arbeitsteilung gegeben. Während dessen Werk selbst nach dessen Tod noch weitergeführt wurde, schlummerte Schlegels Manuskript jahrhundertlang unbemerkt in der heutigen Forschungsbibliothek. Dabei sei Schlegel Fachmann für sogenannte Brakteaten gewesen – dünne Blechmünzen aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Diese waren zuvor unbeachtet geblieben, doch um 1700 herum begann man sie zu erforschen.

Schlegel sei einer der Pioniere gewesen. „Und er erkannte als Erster, dass man die legendendurchzogene Geschichte Sachsens auf besserer wissenschaftlicher Grundlage schreiben kann, wenn man nicht nur Texte, sondern Objekte hinzuzieht – in diesem Fall Münzen.“

Martin Mulsow möchte nicht nur deshalb den Text unbedingt in einer lateinisch-deutschen Fassung edieren. Vorstellbar sei ein gefördertes dreijähriges Forschungs- und Publikationsprojekt. Das Ergebnis würde dann garantiert wieder für Aufsehen in der Fachwelt sorgen.

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