Skurrile Leisten und mantrische Kreise in Mühlberg

Mühlberg.  Zwei Ausstellungen, die gegensätzlicher nicht sein könnten, werden in der Kulturscheune Mühlberg eröffnet.

Wolfgang Conrad dekoriert Schuhleisten mit sachfremden Accessoires und schafft damit skurrile Kunstwerke. Zu sehen sind sie ab dem 14. Februar in der Mühlberger Kulturscheune.

Wolfgang Conrad dekoriert Schuhleisten mit sachfremden Accessoires und schafft damit skurrile Kunstwerke. Zu sehen sind sie ab dem 14. Februar in der Mühlberger Kulturscheune.

Foto: Dieter Albrecht

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„Der Leisten ist ein Formstück aus Holz, das der Form eines Fußes nachempfunden ist und zum Bau eines Schuhs verwendet wird.“ So sagen es die Schuhmacher. Wolfgang Conrad freilich ist nicht der sprichwörtliche Schuster, der bei seinen Leisten bleibt – er verwandelt diese hölzernen Formteile in Feuerwehrautos, Kletterfelsen, ein Klavier, Schnellboote. Heraus kommen skurrile Kunstwerke von bemerkenswerter Originalität.

Originelle Fantasieprodukte

Zu sehen waren einige dieser Exponate schon im Schaufenster eines Gothaer Optikers und auf Kreativmärkten der Region. Wer mehr davon kennenlernen möchte, der sollte die Kulturscheune in Mühlberg besuchen: Am 14. Februar um 15.30 Uhr eröffnet der Hobbykünstler dort seine erste offizielle Ausstellung.

Auf einzelnen Stelen platziert, füllen die Conrad‘schen Fantasieprodukte den Raum im zweiten Obergeschoss der Kulturscheune. Radioknöpfe, Herddrehschalter, Lego-Figuren und allerhand andere Geräteelemente, aber auch Kunstrasen für Modellbahnanlagen verfremden die Leisten auf ungewöhnliche Weise. Viele der originellen Schöpfungen haben längst den Eigentümer gewechselt. Als Andenken übrig geblieben sind Fotos, die Conrad an einer im Saal gespannten Leine präsentiert.

Inspiration kommt von der eigenen Frau

Begonnen hat Conrad, Sohn eines Dekorateurs, Schrift- und Reklame-Malermeisters und selbst studierter Geodät, vor vier Jahren mit seinem ausgefallenen Hobby, unterstützt von seiner Frau: „Sie hat die genauen Ideen und für mich heißt‘s dann: So, nun mach mal!“

Neben seinen Schuhleisten zeigt Conrad, der die Airbrush-Technik ebenso wie andere Maltechniken beherrscht, in Mühlberg auch drei seiner Bilder. Darunter eines, das man sofort wiedererkennt: Ist das nicht Picasso? Genau! Eine der Don-Quijote-Darstellungen des berühmten Spaniers und Wahl-Franzosen. Conrad hat das Original nach einem briefmarkengroßen Zeitungsfoto täuschend echt nachgemalt.

Kunst als Therapie in seelischen Krisen

Nach dem Besuch der heiteren Ausstellung sollte man nicht achtlos an den Aquarellen im ersten Obergeschoss vorübergehen. Das Motiv ist überall das gleiche: Kreisdarstellungen aus farbigen Punkten und Strichen. Sie erinnern an meditative Mantra-Malerei. Der Entstehungshintergrund ist ganz und gar nicht heiter, aber doch auch von Hoffnung getragen. Die Schöpferin wohnt in Erfurt und heißt Angelika Ruck. Hier stellt sie in erster Linie nicht Kunst aus, sondern Zeugnisse ihrer eigenen Therapie.

Ihre Versuche, ein Handwerk zu lernen und Kunst zu studieren, waren von immer wiederkehrenden seelischen Krisen überschattet, die sie jeweils zum Abbrechen zwangen. Nach langem Klinikaufenthalt fand sie nach eigenem Bekunden „durch achtsames Arbeiten an der Kreisform“ zurück ins Leben. „Ich wünsche mir einen achtsamen und friedlichen Umgang der Menschen miteinander“, sagt sie, deren Seele offenbar an einer kranken Gesellschaft wund geworden ist.

Durch Rückzug zu sich selbst finden

„Manche Wunden sind irreversibel“, weiß sie. „Wie belastbar ist eine verwundete Seele?“ Diese beklemmende Frage sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man die gemalten Mantras betrachtet – alles sorgfältig konturiert, nach allen Seiten gleichzeitig sich öffnend und doch zum Zentrum hinstrebend: „Wieder zu sich kommen, in der Einsamkeit, der Kontemplation, durch Rückzug. Wer bin ich? Wer bin ich nicht? Bin ich für mein Gegenüber erträglich?“

Der Betrachter erkennt: Hier, in diesen mantrischen Kreisen, die mehr sind als Geometrie von Formen und Farben, ringt ein sensibler Mensch um seine Identität inmitten der zunehmend konturlosen Konsum- und Zerstreuungsgesellschaft. Und er beginnt zu ahnen, wie wichtig es ist, in dieser Welt zunehmender Irrationalität zum eigenen Ich zurückzufinden.

Die Kulturscheune Mühlberg hat Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr geöffnet.

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