Von Gotha aus gegen die globale Klimakrise

Gotha  Selina Franke engagiert sich für „Fridays for Future“ in ihrer Heimatstadt. Die Gespräche mit Verwandten haben sich seither verändert, sagt sie.

Selina Franke, 16 Jahre alt, organisiert die „Fridays for Future“-Bewegung in Gotha mit. Wie viel Greta Thunberg in ihr stecke, kann sie nicht sagen. „Fridays for Future“ zeichne sich dadurch aus, dass kein Einzelner über allem stehe, sagt sie.

Selina Franke, 16 Jahre alt, organisiert die „Fridays for Future“-Bewegung in Gotha mit. Wie viel Greta Thunberg in ihr stecke, kann sie nicht sagen. „Fridays for Future“ zeichne sich dadurch aus, dass kein Einzelner über allem stehe, sagt sie.

Foto: Marie Neubauer

„Meine Oma kommt zu den Demos und Aktionen.“ Selina Franke lächelt, in ihrer Stimme schwingt ein wenig Stolz mit. Im Schneidersitz hat sie sich auf die Wiese im Gothaer Schlosspark gesetzt, trägt bei schönstem Sonnenschein eine verspiegelte Brille und erzählt, dass ihre Familie seit ihrem Engagement für „Fridays for Future“ häufiger mit ihr über den Klimawandel und den Umweltschutz spricht. „Von meinen Großeltern kommen viele Fragen. Sie hatten sich bisher noch nicht so stark für den Klimaschutz eingesetzt“, sagt die 16-jährige Gothaerin.

Das ist das Problem, dem die Zehntklässlerin, ihre und die folgenden Generationen nun gegenüber stehen. „Ich kann aber auch viel von meinen Großeltern lernen. Zum Beispiel, wenn meine Oma rät, einen Beutel mehrmals zu verwenden.“ Und die Oma habe sich einen Einkaufstrolley gekauft, mit dem sie nun noch weniger Plastiktüten brauche.

Die Arnoldi-Schülerin ist eine von 15 Organisatoren der „Fridays for Future“-Bewegung in Gotha. Sie war es auch, die Anfang des Jahres mit anderen Klassenkameraden aus Interesse zur Demo in Erfurt fuhr und danach auf Eigeninitiative ein Komitee gründete. Seitdem ist sie die Delegierte für ihren Heimatort in der Thüringer und Bundesorganisation von „Fridays for Future“. Sie kümmert sich um die Kommunikation ihrer Ortsgruppe und bürokratische Sachen, wie das Anmelden der Demos. Eine Aufgabe, für die sie viel Zeit investiert.

Eltern stehen hinter der jungen Aktivistin

Denn außerdem ist sie vier bis fünf Tage die Woche auf dem Reiterhof in Fröttstädt, nimmt und gibt Reitstunden. „Es gibt extreme Zeiten, wo jeden Tag etwas anderes los ist. Dann habe ich nur vier bis fünf Stunden Schlaf.“ Das hält sie aber nicht davon ab, sich für den Klimaschutz einzusetzen.

Die Eltern stehen hinter ihr. Auch wenn das nicht so wäre, würde sie sich trotzdem engagieren, betont die Schülerin mit Nachdruck. In der Gesprächskultur innerhalb der Familie hat sich seit ihrem Klimaschutz-Engagement etwas getan. „Ich werde jetzt nicht mehr als Kind betrachtet, sondern als Erwachsene, die Diskussionen führt. Und wir wollen auch als Erwachsene behandelt werden.“

Mit „wir“ meint Selina die Jugendlichen in Gotha und der ganzen Welt, die sich für den Umweltschutz und gegen den Klimawandel engagieren. Ähnlich wie Greta Thunberg, der 16-jährigen Umweltaktivistin aus Schweden, demonstrieren sie freitags, um ihren Unmut gegen politischen Handlungsunwillen zu zeigen. Anders als Thunberg gehen die Gothaer Schüler nach dem Unterricht und nicht wöchentlich auf die Straße. Vier Demonstrationen gab es seit Mai. Die erste zählte 320 Teilnehmer. Die zweite und dritte Auflage waren nach Selina Frankes Einschätzung schlechter besucht, die vierte mit knapp 470 Teilnehmern am 20. September war die bisher größte.

Ähnlich wie ihre Mitstreiter motiviert die Zehntklässlerin und Pferdenärrin „das Wissen darum, dass, wenn wir so weiter machen, wir die Erde zerstören. Wenn wir jetzt nicht handeln, ist es irgendwann zu spät.“ Deswegen setzt sie sich dafür ein, im Kleinen, in ihrer Heimatstadt, etwas zu bewegen. „Wir demonstrieren nicht nur, sondern wir handeln aktiv.“

Bekannt sind die Gothaer Aktivisten vor allem für ihre Clean-Ups, also Müll-Sammelaktionen an öffentlichen Orten, wie dem Bahnhofsvorplatz, der Moßler-straße, dem Schlosspark oder der Gartenstraße. Vier bis fünf Stunden klauben sie dann das, was andere liegen lassen, vom Boden. Dass sie dabei einmal von einer jungen Mutter als Jugendliche, die Sozialstunden ableisten muss, wahrgenommen wurde, verblüffte die engagierte Schülerin kurz. Doch dann kamen beide ins Gespräch, und sie konnte ihr Anliegen erklären. „Ich freue mich über die Aufmerksamkeit, die wir mit unseren Aktionen bekommen. Das ist ein guter Ansatzpunkt, um in Gotha etwas zu verändern.“

Berührungsängste beim Sprechen hat sie nicht. „Ich bin ein Mensch, der viel redet“, sagt die Schülerin, die sich als selbstbewusst beschreibt und überlegt, als Schulsprecherin zu kandidieren. Das Engagement und Debattieren übt sie schon. Auf den Demonstrationen ist sie eine der Rednerinnen, wie auch in Gesprächen mit Parteien und Vereinen. Etwa mit der SPD-Jugendorganisation Jusos, dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub, der Agenda 21 spricht das Gothaer Komitee über gemeinsame Ansatzpunkte.

Dabei trägt Selina ihr Anliegen und das ihrer Mitstreiter weiter: Radwege müssen ausgebaut, versiegelte Flächen reduziert werden, Grünflächen sollen wachsen und die Umweltbildung soll in Schulen häufiger Thema sein. Mit Elternspenden bauten die Jung-Aktivisten bereits zwei Hochbeete im neugegründeten Gemeinschaftsgarten an der Ecke von Kesselmühlenweg und Enckestraße.

Wie ihre Zukunft aussieht, weiß die lebhafte junge Frau genau: nach der Schule ein freiwilliges Jahr auf dem Reiterhof, dann ein Studium zur Pferdewirtin. Für die Zukunft der Umwelt malt sie pessimistischere Aussichten: „Ich glaube, dass wir das nicht schaffen. Ich denke, alles politische Handeln kommt zu spät. Es tut sich zwar viel, aber nicht genug.“ Gleichzeitig bleibt sie zuversichtlich und erhofft sich mehr Engagement bei jedem einzelnen Menschen. „Kein Mensch lebt zu hundert Prozent klimafreundlich. Trotzdem kann sich jeder fürs Klima einsetzen, auch, wenn er zum jetzigen Zeitpunkt noch klimaschädlich lebt. Dadurch, dass sie sich damit beschäftigen, entwickelt sich ein Prozess im Bewusstsein der Menschen.“

Die Zehntklässlerin tut schon alles in ihrem Möglichkeitsbereich: fährt mit dem Rad, nutzt die öffentlichen Verkehrsmittel, versucht Plastik zu vermeiden und geht als Vorbild voran. Bei einer Biologie-Exkursion sammelte sie neben Erde auch noch den Müll darauf ein. Ihre Klassenkameraden spornte das zum Mitmachen an.

Dieser auf andere überspringende Aktionismus gefällt ihr auch an den „Fridays for Future“-Aktionen. „Wir können die Leute überzeugen. Das ist schön. Und die Leute wollen uns unterstützen.“

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