Von Schnepfenthal bis Teheran mit dem Rad

Schnepfenthal  Michael Müller startet im Kreis Gotha und ist nach 6300 Kilometern im Iran. Seine Reise führt durch orientalische Landschaften – und zu sich selbst

Start der Tour in  Schnepfenthal  im Landkreis Gotha. Tausende Kilometer lagen vor Michael Müller.

Start der Tour in  Schnepfenthal  im Landkreis Gotha. Tausende Kilometer lagen vor Michael Müller.

Foto: Michael Müller

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An der glitzernden Donau entlang, vorbei an der Steilküste des Schwarzen Meeres, durch die Gebirge im Nordirak. Über 6300 Kilometer ist Michael Müller auf dem Fahrrad gefahren. Als er im März seinen Drahtesel sattelt, hat der ehemalige Geschäftsführer des Bad Tabarzer Erlebnisbades Tabbs eine Route bis nach Kiew in der Ukraine im Kopf. Dass es ihn im Laufe der nächsten zweieinhalb Monate plötzlich bis in die Hauptstadt des Irans verschlagen würde, ahnt der Schnepfenthaler damals noch nicht.

Seit Kurzem ist der 42-Jährige wieder in der Heimat zurück. Von seiner Reise mitgebracht hat er unbezahlbare Eindrücke – und eine neue Sicht auf das eigene Leben.

„Es ist schwierig, wieder zuhause anzukommen“, sagt Müller, der Anfang Juni mit dem Flieger in Berlin gelandet ist und von dort mit dem Rad nach Schnepfenthal fuhr. Noch immer haftet ihm die Reise an, die er spontan angetreten hatte. Eine kurzfristige berufliche Veränderung Anfang März gab im Frühjahr den Anlass, „einfach loszufahren“, wie er sagt.

„Ich habe immer viel gearbeitet und war immer gestresst. Plötzlich war ich zuhause. Mir fiel bereits nach einer Woche die Decke auf den Kopf.“

Und da war sie plötzlich, die fixe Idee, eine Radtour bis nach Kiew zu machen. „Das war schon immer ein Traum von mir. Bereits vor 20 Jahren habe ich diesen Plan gefasst, mir die Ausstattung besorgt und die Fahrt aber wieder und wieder verschoben“, blickt Müller zurück, der kurzerhand im Internet die Strecke an der Donau entlang bis zum Schwarzen Meer und von da aus nach Kiew plante. Ursprünglich hatte er 3000 Kilometer in 30 Tagen vorgesehen, größtenteils über flaches Gelände. „Ich war schließlich nicht trainiert“, sagt er.

Am 26. März brach der Vater von drei Kindern auf. Erster Halt: Sonneberg. Hier besuchte er nach langer Zeit seine Patentante. „Schon auf diesen ersten 110 Kilometern hatte ich ein Aha-Erlebnis: Immer nur zu arbeiten und alles andere hintanzustellen, ist Blödsinn.“

Der Weg führte Müller weiter durch Deutschland nach Regensburg, über Linz und Wien in Österreich nach Budapest in Ungarn. In der ersten Woche fuhr er über 700 Kilometer. „Ich hatte den Druck in mir, etwas schaffen zu müssen, anzukommen, meinen Plan zu erfüllen“, erinnert er sich. Alle 40 Kilometer legte er eine kurze Pause ein, die Nächte verbrachte er im Zelt oder bei Gastgebern, die er über das Internetforum „Warm Showers“ gefunden hatte – ein Portal für Radtouristen.

Von Ungarn aus fuhr Müller weiter nach Serbien, wo er sich Novi Sad und Belgrad ansah, bevor es für ihn weiter nach Bulgarien und Rumänien ging. „In Serbin habe ich dann das Tempo herausgenommen und entschleunigt. Es sollte ja schließlich um die Reise an sich gehen“, berichtet er. Zu dieser Zeit begann Müller auch damit, seine Eindrücke festzuhalten und online im sozialen Netzwerk Facebook zu teilen. „Zuerst wollte ich meine Ruhe haben und habe nur ein paar Bilder über den Nachrichtendienst Whatsapp verschickt. Aber dann waren immer mehr Leute an meinen Erlebnissen interessiert.“

Vor allem zufällige Begegnungen am Straßenrand ließen den Reisenden nicht mehr los. Um sie zu verarbeiten, fing er an zu schreiben. „Ich habe mit Menschen in Wien über den Zustand der Demokratie gesprochen, mit Menschen in Ungarn über die Perspektivlosigkeit im Land. In Kroatien hat mir ein alter Mann von den Bombardierungen erzählt, in Serbien sprachen die Leute davon, dass fast alle ihre Kinder nach Deutschland zum Arbeiten fortgingen“, berichtet Müller.

Auch gesellschaftliche Kontraste ließen ihn nachdenken. „In Rumänien bin ich durch bettelarme Dörfer gefahren, in denen Leute in Rohbauten hausen. Gleichzeitig gibt es an jeder Ecke deutsche Supermärkte. In Warna in Bulgarien haben im Vorort Kinder neben einer brennenden Müllkippe gespielt, während im Stadtzentrum Touristen ihr Eis essen“, schildert er einige Eindrücke. „Ich habe mich sehr unwohl gefühlt und mir hat das alles sehr leidgetan.“

Am Schwarzen Meer angekommen, dachte Müller auch über seinen weiteren Weg nach. Er entschied sich, mit dem Rad weiter zu fahren. Sein neues Ziel: der Iran.

Wie zu Beginn der Reise plante er von einen auf den anderen Tag im Internet seine Route. Diese sollte ihn diesmal durch den „mörderischen Verkehr“ in Istanbul und atemberaubende Nationalparks mit Bärenspuren im Norden der Türkei, über die malerische Stadt Erbil und ein Bergplateau bei Soran im Irak, an der Küste des Kaspischen Meeres bis nach Teheran im Iran führen.

„Ich habe mich im Internet mit Leuten ausgetauscht, die auch diese Strecke fahren und sie haben mir die Bedenken genommen“, sagt Müller. Vor allem über seine anfänglichen Vorbehalte und Vorurteile kann er drei Monate später nur lachen. „Wir haben so falsche Bilder von diesen Ländern“, sagt er und erzählt, wie er in jedem noch so entlegenem Dorf herzlich begrüßt wurde. Neben der einzigartigen Landschaft der Schwarzmeerküste sei ihm vor allem die Gastfreundschaft der Menschen in Erinnerung.

„Nachdem ich die Grenze zum Iran passiert hatte, erhielt ich allein auf dem Weg ins erste Dorf schon fünf Einladungen zur Übernachtung“, sagt er. In einem Ort habe sogar eine ganze Delegation samt Bürgermeister und Regionalpresse ihn willkommen geheißen.

Diese Offenheit und Herzlichkeit vermisst Müller kurz nach seiner Ankunft in Deutschland ebenso wie das Leben, das in dieser Region vor allem auf der Straße stattfindet. „Ich war nie allein, überall um mich herum war Leben“, sagt er. In seiner Heimat Deutschland sei das oft anders – auch wenn die Orte sauber und ordentlich seien, fehle es den meisten doch an Lebendigkeit.

Deshalb will er mit dem Rad wieder diese Länder bereisen. Auch, weil er große Teile der Türkei und des Iran noch nicht gesehen hat. Doch zuerst begibt er sich auf Schusters Rappen: Aktuell wandert Michael Müller einen Teil des Internationalen Bergwanderweges der Freundschaft Eisenach-Budapest ab. . Denn: „Die Radtour war eine fantastische Reise, aber manchmal war selbst das zu schnell.“

Weitere Fotos von der Reise online: ta-gotha.de.

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