„Wählen ab 16 ist eine Wertschätzung der Jugend“

Gotha  Ein Gespräch mit Landtags-Direktkandidat Matthias Hey (SPD) über Gotha als Bildungsstandort, die Suche nach jungen Lehrern, Rufbusse und gut bezahlte Arbeitsplätze

Die Direktkandidaten des Wahlkreises 15 (Gotha II) für die Landtagswahl befragt unsere Zeitung gemeinsam mit Mitgliedern des Kinder- und Jugendforums Gotha. Matthias Hey (SPD, rechts) wird von Lukas Eichler interviewt.

Die Direktkandidaten des Wahlkreises 15 (Gotha II) für die Landtagswahl befragt unsere Zeitung gemeinsam mit Mitgliedern des Kinder- und Jugendforums Gotha. Matthias Hey (SPD, rechts) wird von Lukas Eichler interviewt.

Foto: Claudia Klinger

In einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Kinder- und Jugendforum Gotha befragt unsere Zeitung die Direktkandidaten im Wahlkreis 15 zur Landtagswahl. Matthias Hey (49) aus Gotha tritt für die SPD an. Er ist seit 1996 in der SPD, Offsetdrucker und Steuerfachwirt. Seit 2009 ist er Mitglied des Thüringer Landtags – seit 2014 als SPD-Fraktionsvorsitzender.

Herr Hey, Sie sind schon einige Jahre im Stadtrat Gotha und im Landtag Thüringen vertreten. Was wollen Sie, wenn Sie wieder in den Landtag gewählt werden, noch für Gotha tun?

Die Projekte, die wir begonnen haben, müssen natürlich fortgeführt werden. Das ist zum einen die sehr gute Bildungslandschaft mit Verwaltungsfachhochschule, Bildungszentrum der Steuerverwaltung und einer Fachschule – die einzige, die noch in Trägerschaft des Landes ist. Bisher hat jede Landesregierung – außer der aktuellen – versucht, an dieser Bildungslandschaft herumzuzerren. In der Legislatur bis 2014, als wir noch ein ganz anderes Farbenspiel hatten, gab es sogar die Diskussion, alle drei Standorte in Gotha zu schließen oder zu verlagern. Mit einer neuen Landesregierung könnten wir ähnliche Debatten kriegen.

Zum anderen haben wir ein unglaublich großes Projekt gestartet mit 60 Millionen Euro für die Sanierung des Schlosses Friedenstein. Das Geld wird nicht reichen. Deshalb wird gerade erwogen, eine große mitteldeutsche Schlösserstiftung zu gründen. Da müssen wir aufpassen, dass Gotha ein Stück von diesem Kuchen abbekommt, weil ja eine wahnsinnige Summe ausgelobt ist: 200 Millionen Euro für Sachsen-Anhalt und Thüringen, die kofinanziert werden müssen.

Außerdem will ich mich dafür einsetzen, dass Gelder vom Land weiterhin so nach Gotha fließen, wie das bisher der Fall ist. Das ist nicht selbstverständlich. Ich will die Forschungsbibliothek weiter fördern und die Orangerie – eben viele Projekte, die ich auch versucht habe, mit Spendenaktionen zu unterstützen. Das will ich weiterhin tun – und für die Bürger da sein.

Sie haben das Thema Bildung schon angesprochen. In den Schulen ist der Lehrermangel nach wie vor sehr deutlich spürbar, immer wieder fällt Unterricht aus. Was wollen Sie dem wirksam entgegen setzen?

Wir haben schon viel getan. Es reicht immer noch nicht. Aber man muss wissen: Keine Thüringer Landesregierung hat so viele Lehrer eingestellt wie die jetzige – etwa 3.700. Wir hätten wesentlich mehr Stellen besetzen wollen, kriegen aber im Moment keine jungen Lehrer mehr. Das ist ein großes Problem.

Wir haben auf der anderen Seite versucht, den Lehrerberuf so attraktiv wie möglich zu machen. In anderen Bundesländern, mit denen wir in Konkurrenz stehen, werden Lehrer verbeamtet, das brauchen viele als Sicherheit, und das machen wir jetzt auch. Wir haben die Gehälter der Regelschullehrer auf Gymnasiallehrer-Niveau angehoben.

Es wird versucht, mit Quereinsteigern oder Lehrern im Ruhestand, die wieder Stunden übernehmen, Ausfall vorzubeugen.

Dennoch brauchen wir junge Leute, und wir brauchen einen anderen Umgang bei diesem Thema. Wenn jeden Tag erzählt wird, die Schulen stehen vor dem Kollaps, dann will keiner als Lehrer arbeiten.

Die Digitalisierung in den Schulen geht nur langsam voran. Wie kann das beschleunigt werden?

Zum einen durch die Zugangsvoraussetzungen, also ein schnelles Netz, aber das ist in Thüringen in der Tat ein großes Problem, weil Schulen im ländlichen Raum manchmal noch mit Geschwindigkeiten wie bei einem Modem arbeiten müssen. Allerdings versuchen wir mit einer Breitbandstrategie gegenzusteuern, die muss allerdings über die Landkreise umgesetzt werden, und da hat der Landkreis Gotha in den vergangenen Jahren gepennt. Das ist nun anders, und im Freistaat haben sie gemerkt, dass die Beantragung der Mittel viel zu kompliziert ist. Deshalb hilft das Wirtschaftsministerium jetzt dabei. Der Landkreis Gotha ist inzwischen in einer Aufholphase. Das andere ist: Wir brauchen Technik, die die Schüler begeistert. Da haben wir mit großen Förderpaketen viel getan. Es hat einen Ruck gegeben, aber es reicht noch nicht.

Wie können Lehrer besser geschult werden für die Digitalisierung?

Das kann nur durch Fortbildung geschehen. Das braucht Zeit. Ich weiß aber, dass viele Lehrer sich dafür begeistern können und lernbereit sind.

Müssen auch die Lehrpläne an die modernen Medien angepasst werden?

Das ist gemacht worden, noch vor der Sommerpause. Es gibt jetzt ein neues Schulgesetz, das Digitalisierung berücksichtigt.

Warum gibt es in Thüringen ein Azubi-, aber noch kein Schülerticket?

Die SPD strebt wie andere Parteien an, dass Schüler für einen bestimmten Betrag in ganz Thüringen mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren können. Das ist schwierig, schon fürs Azubiticket haben wir dreieinhalb Jahre gebraucht, weil Verkehrsverbünde in Thüringen nicht einheitlich arbeiten. Man muss unheimlich viele Akteure an einen Tisch holen. Das ist sehr komplex.

Leider gibt es zu wenig Radwege. Wie kann das Land beim Ausbau helfen?

Das Land kann das immer nur mittelbar, weil wir das Geld, das die Kommunen brauchen, zwar ausreichen, aber die Kommunen selbst entscheiden, was sie damit machen. Das ist die kommunale Selbstverwaltung. Das Land kann das mit einigen Förderprogrammen unterstützen. Wir müssen mehr tun für Radwege, da auch der Radtourismus an Bedeutung gewinnt. Das ist auch ein Wirtschaftsfaktor.

Wie kann der öffentliche Nahverkehr besser gelingen?

Die Bündnisgrünen haben in ihrem Programm ja den Vorschlag, dass jede Stunde ein Bus jeden Ort erreichen soll in Thüringen. Aber wie soll das finanziert werden? Allein im Landkreis Gotha würde das bedeuten, dass die Busunternehmen hier das Zweieinhalbfache an Fahrzeugen haben müssten. Das kann also nur ein Fernziel sein. Besser sind intelligente Konzepte. Wir haben in Thüringen gute Erfahrungen mit den Rufbus-Angeboten gemacht.

Welche Angebote kann man jungen Menschen machen, damit sie in Thüringen studieren oder eine Ausbildung machen oder zumindest nach ihrer Ausbildung zurückkommen?

Man muss da zwei Flanken schließen. Wer hier studieren oder eine Ausbildung machen will, braucht gute Möglichkeiten, um seinen Traumberuf hier später mal ausüben zu können. Das wird in einem so kleinen Bundesland nicht immer möglich sein. Aber wir können die Studienbedingungen verbessern. In Jena und Erfurt verzeichnen wir einen Zuzug von Studenten aus anderen Bundesländern. Das zweite ist, dass sie später hier in Jobs arbeiten, in denen sie gut verdienen. Da müssen wir nachbessern, weil sich Thüringen zwei Jahrzehnte lang damit gerühmt hat, ein Billiglohnland zu sein. Das war Gift. Inzwischen sieht das besser aus. Wir brauchen aber auch gute Rahmenbedingungen um den Arbeitsort herum.

Wie kinderfreundlich ist der Thüringer Tourismus?

Tourismus muss ganzheitlich gedacht werden. Wir wollen, dass Familien zu uns kommen. Ob mit kleinen Kindern oder mit Teenagern, die müssen sich in Thüringen wohlfühlen können. Thüringen hat unheimlich viel in einer großen Dichte zu bieten. Darauf muss sich das Tourismus-Gewerbe einstellen. Wir können als Land nur die Rahmenbedingungen schaffen.

Oft mangelt es außerhalb großer Städte an Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche. Kann das Land da Abhilfe schaffen?

Es wird immer gern aufs Land gezeigt, aber da brauchen wir mehr Eigeninitiative von Jugendlichen, wie beim Projekt Bretterbude in Gotha. Diejenigen, die selbst etwas unternehmen, sollte man unterstützen.

Warum wurde die Förderung von Klassenfahrten eingeschränkt?

Die Förderung wurde nicht eingeschränkt, sondern die Mittel wurden zum Teil nicht abgerufen. Dadurch denkt das Ministerium, dass weniger gebraucht wird, und deshalb wird die Förderung niedriger angesetzt. Die Mittel wurden nicht abgerufen, weil es viel zu schwierig war, sie zu beantragen. Ich habe mir das in einer Schule mal zeigen lassen. Das ist mit dem neuen Schulgesetz einfacher geworden. Aber natürlich ist der Bildungsauftrag immer noch wichtigstes Förderkriterium.

Junge Menschen sind selten in politischen Gremien. Was tun Sie, damit mehr Jugendliche Teil des demokratischen Prozesses werden?

Es gibt in Thüringen einen Landesjugendförderplan, der läuft bis 2021 und ist von der jetzigen Landesregierung mit wesentlich mehr Geld unterfüttert worden. Jugendliche sollten bei Entscheidungen, die sie betreffen, mehr eingebunden werden, und ich habe das Gefühl, das wollen sie auch. Wir brauchen auch in den Parlamenten junge Menschen. Für ein Rede- und Antragsrecht eines Jugendforums müsste die Geschäftsordnung von Stadtrat oder Kreistag geändert werden.

Was möchten Sie im Landtag für junge Leute erreichen?

Jugendliche sollten mit 16 Jahren den Landtag wählen können – das ist auch eine Wertschätzung für sie. Auf kommunaler Ebene haben wir das geschafft. Außerdem werde ich mich dafür einsetzen, noch mehr Geld in den Landesjugendförderplan zu stecken, zum Beispiel, um Schulsozialarbeiter zu entfristen. Der Rest muss vor Ort erledigt werden, weil die Politiker vor Ort am besten wissen, was gut für ihre Kommune ist.

Über das Projekt zur Landtagswahl

  • Im Wahlkreis 15 (Gotha II – Stadt Gotha und Gemeinde Hörsel) treten Marion Rosin (CDU), Bernd Fundheller (Die Linke), Matthias Hey (SPD), Stephan Steinbrück (AfD), Felix Kalbe (B 90/Die Grünen) und Martin Steinbrück (FDP) als Direktkandidaten an.
  • Mitglieder des Kinder- und Jugendforums Gotha fragen die Bewerber zu Themen, die insbesondere junge Menschen interessieren.
  • Sie werden dabei von unserer Zeitung unterstützt.
  • Das Kinder- und Jugendforum gibt es seit 1998. Vertreter aus Schulen verwirklichen Ideen für Kinder mit Hilfe der Stadt.

Alles zur Wahl auch online: www.thueringer-allgemeine.de/wahl

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