Wo faule Eier auf Gesindel flogen

Gotha  Geschichte des Gothaer Landes: Ratskeller und Innungshalle prägen seit Jahrhunderten das städtische Leben in Gotha. 1487 wird erstmals eine Trinkstube beschrieben.

Innungshalle und Ratskeller: Barock und Jugendstil einträchtig nebeneinander. Seit Sommer 2004 befindet sich in den Gebäuden ein italienisches Restaurant.

Innungshalle und Ratskeller: Barock und Jugendstil einträchtig nebeneinander. Seit Sommer 2004 befindet sich in den Gebäuden ein italienisches Restaurant.

Foto: Heiko Stasjulevics

Ratskeller und Innungshalle gehören zum Stadtbild, sie sind Zeugen einer wechselvollen Geschichte. Gastronomie hat es schon in frühen Zeiten dort gegeben. Zu den besten Gästen gehörten damals die alten Ratsherren, die oft und gern dort becherten.

Heute befindet sich in den Gebäuden die italienische Gaststätte Bellini. Pächter Biagio Stimolo und Geschäftsführer Vincenzo Mortaretto sorgen samt Team für Gastlichkeit. Die beiden sind sich bewusst, dass sie eines der traditionsreichsten Lokale der Stadt Gotha bewirtschaften.

Im August 2004 haben sie den Ratskeller übernommen, damals mit 60 Plätzen. Vom Eigentümer, der Baugesellschaft Gotha, habe man damals die Auflage erhalten, 50 Prozent deutsche Küche anzubieten, der man bis heute folge.

Räume der Tourist-Info übernommen

Im Jahr 2012 waren umfangreiche Umbauten beendet, und das Team konnte dann auch Räume in der Innungshalle beziehen, die bis dahin von der Gotha-Information genutzt wurden. Somit war es möglich, sagt Vincenzo Mortaretto, auch italienisches Speiseeis anzubieten. Insgesamt verfüge das Restaurant nun über 130 Plätze.

Der Ritterkeller, dessen Zugang sich in der Marktstraße befindet, bietet nochmals 60 Leuten Platz. Er wird für Veranstaltungen genutzt. Für die nächsten zwei Jahre sehen Stimolo und Mortaretto schwere Zeiten auf sich zu kommen. Die Sanierung des Hauptmarktes, die begonnen hat, werde dem Geschäft schaden, schließlich hatten sie zusätzlich 120 Plätze unter freiem Himmel anzubieten, die nun wegfallen.

Blicken wir in die Geschichte des Gebäudekomplexes: Bereits im 13. Jahrhundert fand eine steinerne Kemenate Erwähnung, die sich an der Ecke Markt und Marktstraße erhob. Als romanischer Ursprungsbau diente das Haus als Sitz des Stadtvogtes. Um 1344 wurde ein „neues Rathaus“ erwähnt und 1487 sprach man erstmals vom Ratskeller, als Trinkstube. Zum Straußen hieß das Haus einst. An ihm befand sich auch das Halseisen, an dem die Felddiebe während der Markttage an den Pranger gestellt wurden. Die Delinquenten durften dort, zur Gaudi der Marktbesucher, mit faulen Eiern und verdorbenen Obst beworfen werden.

Das Haus war dem Kloster Georgenthal zinspflichtig, gehörte jedoch der Stadt und diente als Ratskeller. 1662 brannte der Ratskeller samt benachbartem Rathaus ab. Erst 1715 wurde die Ecke zur Marktstraße neu bebaut. Es entstand die Innungshalle mit Ratskeller. Während man diese im prachtvollen barocken Stil errichtete, blieb der Ratskeller eher schmucklos. In einer Fassadennische der Innungshalle fand die Statue des „Frommen Herrn Augustin“, die sich zuvor am alten Rathaus befand, einen Platz. Sagen umranken diesen Gothaer Wohltäter.

Im Jahre 1818 zog die von Ernst Wilhelm Arnoldi gegründete Handelsschule in die Innungshalle ein, auch die Mädchenschule fand darin vorübergehend ein Domizil.

Im Jahre 1907 entstand der Ratskeller völlig neu. Der Jugendstil hielt Einzug. Der damalige Bausenator Wilhelm Götte war für den Entwurf verantwortlich. Auch die alte Hausmarke wurde dabei, in die Seitenwand zur Buttergasse hin, wieder eingefügt. Sie zeigt den Strauß, eine Großtrappe, Thüringer Strauß genannt, mit einem Hufeisen im Schnabel und der Jahreszahl 1667. Bei dem Neubau wurde auch die Eingangsecke mit der Treppe geschaffen. Die prachtvolle Säule an der Ecke ist ein Geschenk des berühmten Gothaer Architekten und Bildhauers Julius Krusewitz. Dieser besaß in Italien einen Steinbruch und ließ den Steinklotz mit der Bahn kommen, um ihn vor Ort zu bearbeiten.

Krusewitz war zu jener Zeit auch damit beschäftigt, die Fassade der benachbarten Innungshalle umzugestalten. Er schuf dafür die großen Figuren an Fenstern und Türen. Damals kam auch der Plan auf, das Rathaus mit dem Ratskeller mittels einer Brücke nach italienischem Vorbild zu verbinden. Doch aus dem Vorhaben wurde nichts.

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg galt der Ratskeller als Zentrum des Schwarzmarktes. Oft musste die Polizei dort Razzien durchführen. Mit dem Pächter Werner Schalbe, der später das Restaurant Parkpavillon führte, legte das Haus sein Schmuddel-Image ab und zählte bald zu den ersten Adressen am Platz. Inzwischen hatte die staatliche Handelsorganisation (HO) die Gaststätte übernommen.

Das Ende der DDR überlebt

Gegen Ende der 1980er-Jahre wurde die Gastwirtschaft wegen umfangreicher Umbauarbeiten geschlossen und im Oktober 1990 im vereinten Deutschland wieder eröffnet. Eigentlich war geplant, den Ratskeller am Tag der Republik, dem 7. Oktober wieder zu eröffnen, denn als der Plan entstand, konnte keiner der Planer und HO-Verantwortlichen ahnen, dass es an diesem Tag die DDR nicht mehr geben würde. Mit Hinzunahme der Ausstellungsfläche der ehemaligen Firma Orgel-Böhm umfasste der Gastraum nun 62 Plätze und der Nebenraum 24 Sitzgelegenheiten. Umfangreiche Mittel hatte die Stadt und die HOLIG GmbH (HO-Nachfolger) für die Sanierung bereitgestellt. Das Gitter des damaligen Eingangsportals und die nachgebauten Fenstergitter fertigte der Gothaer Kunsthandwerker Hans Reiche. Das Mobiliar stammte von der Tischlerei PGH Gustav-Freytag aus Siebleben.

Die Eröffnung war eine der ersten Amtshandlungen des ersten freigewählten Bürgermeisters. Werner Kukulenz wünschte den Betreibern „ein stets volles Haus und für die Ratsherren einen freien Platz“.

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