Mitarbeiter stört Rede - AfD-Aufschrei gegen Nordhäuser Theater

Nordhausen  Mitarbeiter des Nordhäuser Theaters sollen während einer Wahlkampfveranstaltung eine AfD-Rede gestört haben. Intendant Daniel Klajner reagiert nun auf die Vorwürfe mit einem offenen Brief.

Ein Mitarbeiter des Theaters - laut Intendant aber in seiner Freizeit unterwegs - wird nach seinem Protest gegen eine AfD-Rede von der Polizei abgeführt.

Ein Mitarbeiter des Theaters - laut Intendant aber in seiner Freizeit unterwegs - wird nach seinem Protest gegen eine AfD-Rede von der Polizei abgeführt.

Foto: Christoph Keil

„Skandalös“, „empörend“, „enttäuschend“: Die Nordhäuser AfD reagiert mit einem verbalen Aufschrei auf die Störung der AfD-Wahlkampfveranstaltung vorm Theater am vergangenen Samstag.

In einer Pressemitteilung spricht der Nordhäuser Fraktionschef in Stadtrat und Kreistag, Jörg Prophet, von „massiven Störungen durch Mitarbeiter der Theater Nordhausen/Loh Orchester Sondershausen GmbH und aus dem Theatergebäude heraus“. Zwölf Polizisten hätten sich „gegen Widerstand Zutritt verschaffen“ müssen ins Theater. „Es zeigten sich Szenen wie bei einer Hausbesetzung der verrammelten ‚Roten Flora‘ in Hamburg. Das Theater scheint vollkommen autonom, scheinbar ohne jede Führung zu sein.“

Polizei-Inspektionsdienstleiter Ronny Groos schildert die Geschehnisse am Dienstag anders: „Niemand hat sich mir in den Weg gestellt, als ich ins Theater wollte. Es gab keinen Widerstand. Das Foyer war leer, nur die Rezeption war besetzt.“

Musiker stören Rede Björn Höckes

Groos bestätigt die Störung der Veranstaltung. Drei Musiker hätten im ersten Obergeschoss mit lauter Musik bei offenen Fenstern dafür gesorgt, dass AfD-Landeschef Björn Höcke für etwa fünf Minuten seine Rede unterbrechen musste. Es sei eine vom Intendanten genehmigte Probe, bekam er von den Musikern zu hören, als er den Stecker zog, so der Polizeiinspektionschef. Weil anschließend auch das Schreien der Musiker bei geschlossenen Fenstern die Versammlung gestört habe, habe er die Drei schließlich zum Verlassen des Raums aufgefordert - mit Erfolg. „Einen Tumult gab es nicht, nur eine gewisse Bockigkeit spürte ich.“

Von Strafanzeigen gegen die Musiker - die Band „Kraus“ aus Hamburg - habe die Stadt als Versammlungsbehörde abgesehen, da die Störung nicht „gröblich“ gewesen war, diese also die Versammlung nicht tatsächlich verhindert hatte.

AfD: Mitarbeiter hat sich politisch nicht neutral verhalten

Ronny Groos betont, dass es abgesehen von den Musikern keinerlei Störer gab.

Die AfD unterdessen wirft Theatermitarbeitern vor, „sich während des Dienstbetriebs“ nicht „politisch neutral verhalten“ und die Infrastruktur der GmbH genutzt zu haben, „Grundfreiheiten und -rechte anderer einzuschränken“.

Die Gesellschafter des Theaters und dessen Geschäftsführung will die AfD zu Aufklärung und Ahndung drängen - bis dahin verweigert die Partei ihre Mitarbeit im Aufsichtsrat.

Die Stadt Nordhausen ist Hauptgesellschafter des Theaters. Deren Oberbürgermeister Kai Buchmann (pl) mochte die AfD-Äußerungen nicht öffentlich kommentieren. Das Thema werde im Aufsichtsrat erläutert, ließ er einen Sprecher mitteilen. Anders Landrat Matthias Jendricke (SPD): „Es gibt die Freiheit der Kunst. Da sollten wir uns nicht einmischen.“ Er sagt dies am Montag im Kreisausschuss, nachdem Prophet auch dieses Gremium zum Handeln aufgefordert hatte: Eine gemeinsame Erklärung, wonach sich Mitarbeiter von öffentlichen Einrichtungen bei politischen Veranstaltungen nicht politisch äußern oder diese Veranstaltungen nicht stören dürften, war sein Wunsch.

Theaterintendant Daniel Klajner reagiert drei Tage nach den Geschehnissen mit einem offenen Brief, den er mit „Nachtgedanken“ überschrieben hat. Ihm sei es wichtig, zu den Landtagswahlen „ein klares gesellschaftspolitisches Koordinatensystem einzuziehen“. Geschehen sei dies durch bunte Transparente mit der Aufschrift „Wir sind die Vielen - Für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“. „Zurzeit werben alle Parteien mit unterschiedlichsten Argumenten. Das Theater steht an seinem Platz und gibt dazu ein stummes, aber pointiertes Statement. Dieses soll niemanden beleidigen, angreifen oder bloßstellen, sondern ein konstruktiver Vorschlag sein, Werbung für ein plurales, diskursives, friedfertiges und respektvolles Gesellschaftsmodell“, konstatiert Klajner.

Zeitgleich habe man aber theaterintern auch besprochen, dass sich das Haus stets „korrekt und gesetzeskonform“ verhalten werde. Wie es dennoch zu einer Störung kommen konnte? Das sei durch Künstler geschehen, die nicht zum Theater gehören, sondern hier für einen Auftritt probten, erläutert er.

Band: Höcke sei nicht mehr diskussionswürdig

Kurz zuvor hatte allerdings auch ein Theatermitarbeiter mit einem Transparent Vergleiche zwischen Hitler und Höcke gezogen. „Dass er aus dem Theater kam, hat weite Kreise zur fälschlichen Annahme verleitet, das Theater stünde hinter der Aktion“, sagt Klajner, der betont, dass der Mann dies in seiner Freizeit getan habe.

Seinen Brief lässt Klajner mit einem Plädoyer enden: „Mein Anliegen und damit auch das des Theaters ist so simpel wie schwierig: Reden wir miteinander, ohne den Pfad der befriedenden Rechtsordnung zu verlassen, ohne den gegenseitigen Respekt vermissen zu lassen - dafür mit geschärften und klaren Gedanken und Argumenten, die von der nicht immer einfach zu lebenden Toleranz, von der zuweilen anstrengenden und ermüdenden Demokratie und von der reichen, aber manchmal verstörenden Vielfalt getragen sind.

Dass „Kraus“ keinen solchen Beitrag zur Debattenkultur geleistet hat, gestehen die Musiker sogar auf der band-eigenen Facebook-Seite ein. Ihre Kritik an Höcke aber tut dieser Selbstreflexion keinen Abbruch: Der AfD-Landeschef habe längst „den Grat der Diskussionswürdigkeit überschritten“, heißt es.

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Offener Brief des Theaterintendanten Daniel Klajner in seinem Wortlaut:

Nachtgedanken

„Heute Nacht bewegen mich wiedermal viele Gedanken, die mich nicht schlafen lassen. Ich denke an unser Theater Nordhausen, dem ich die Ehre habe vorzustehen, an meine Kinder, an Freunde, die bevorstehenden Wahlen; und plötzlich bleiben meine Gedanken am letzten Samstag hängen. Sie kreisen um die Geschehnisse auf dem Theaterplatz, und ich sehe vor mir Bilder der AfD-Wahlveranstaltung, sehe geöffnete Fenster im ersten Rang, eine mit vielen verschiedenen Flaggen bunt geschmückte Fassade, auf der steht „Wir sind die VIELEN“, „Für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“, eine Wahlkampfrede ist im vollen Gange, dann vernehme ich sehr laute Musik, die aus den geöffneten Fenstern des Theaters schallt, eine Menschenmenge auf dem Platz, die beim Eingreifen und Unterbinden der Störung durch die Polizei applaudiert… Ich gehe in Gedanken die darauffolgenden Presseartikel und die in den sozialen Medien öffentlich gemachten Posts durch und denke mir plötzlich, dass es Dinge gibt, die ich gerne für mich und andere ordnen möchte:

Vor einer guten Woche habe ich veranlasst, dass die Theaterfassade, in der oben benannten Art und Weise, geschmückt wird. So wie ich das Musical „Cabaret“ auf den Spielplan gesetzt habe, als in diesem Frühjahr der Europawahlkampf war, so ist es mir heute wichtig, zu den anstehenden Landtagswahlen in Thüringen ein klares gesellschaftspolitisches Koordinatensystem einzuziehen: Das Theater verkörpert Vielfalt, Toleranz und Demokratie, dafür stehen wir tagtäglich ein und wollen davon keinen Deut abweichen.

Zurzeit werben alle Parteien im ganzen Freistaat mit unterschiedlichsten Argumenten und Mitteln. Das Theater Nordhausen steht an seinem Platz und gibt dazu ein stummes, aber pointiertes Statement. Dieses soll niemanden beleidigen, angreifen oder bloßstellen, sondern ein konstruktiver Vorschlag sein, eine Werbung für ein plurales, diskursives, friedfertiges und respektvolles Gesellschaftsmodell.

Am letzten Samstag war die AfD auf dem Theaterplatz. Im Vorfeld des Wahlkampfes wurde theaterintern klar besprochen, dass wir uns immer gemäß der von uns aufgehängten Transparente korrekt und gesetzeskonform verhalten. Trotzdem wurde die Veranstaltung aus dem Theater heraus gestört. Die akustische Störung eines Redebeitrages der AfD-Wahlkampfveranstaltung wurde von Künstlern betrieben, die nicht zum Theater gehören, sondern einen Gastspielauftritt hatten und sich im Theater aufhielten, um für ihren kommenden Auftritt zu proben.

Ein Theatermitarbeiter hat sich in seiner Freizeit auf der Theatertreppe aufgestellt, um auf die Inhalte seines Schildes aufmerksam zu machen. Dass er aus dem Theatergebäude kam, hat weite Kreise zur fälschlichen Annahme verleitet, das Theater stünde hinter der Aktion.

So sitze ich in der Nacht am Laptop und versuche zu ordnen: Aus dem Theater tönte es - entgegen der Gesetzeslage, aber verstehe ich die Motivation? Von rechts schrie es - und ich frage mich, wie radikal sind die Menschen wirklich, gerade in Nordhausen, und wenn sie gemäßigt wären, warum lässt man dann den anderen reden? Und von links - wenn sie rechter haben sollten als die Rechten, warum müssen sie schreien? Alle reden von Demokratie und deren Gefährdung, einige schreien es heraus und den anderen in die Gesichter, in einer Wortwahl und Tonlage, die zuweilen beleidigend, aggressiv, herabwürdigend und inkorrekt ist.

Mein Anliegen und damit auch dasjenige des Theaters ist so simpel wie schwierig: Reden wir alle miteinander ohne den Pfad der befriedenden Rechtsordnung zu verlassen, ohne den gegenseitigen Respekt vermissen zu lassen - dafür mit geschärften und klaren Gedanken und Argumenten, die von der nicht immer einfach zu lebenden Toleranz, von der zuweilen anstrengenden und ermüdenden Demokratie und von der reichen, aber manchmal verstörenden Vielfalt getragen sind.“

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