Benefizaktion in Nordhausen: Dank an die zweite Heimat in der Kinderorthopädie

Nordhausen.  Nordhäuserin verarbeitet ihre eigene Behinderung literarisch. Der Erlös des Buches soll in den kommenden zwei Monaten an den Förderverein ihrer früheren Klinik gehen.

Die gebürtige Nordhäuserin Anna Mühlhause verarbeitete ihre Behinderung und das Leben im Rollstuhl literarisch. Der Erlös des Buchverkaufs der kommenden zwei Monate soll einem Verein zugute kommen, der ihr über die Zeit im Krankenhaus half.

Die gebürtige Nordhäuserin Anna Mühlhause verarbeitete ihre Behinderung und das Leben im Rollstuhl literarisch. Der Erlös des Buchverkaufs der kommenden zwei Monate soll einem Verein zugute kommen, der ihr über die Zeit im Krankenhaus half.

Foto: Marco Kneise

„Gar nicht so schlecht für einen literarischen Niemand.“ Anna Mühlhause sagt’s und lächelt bescheiden. Zu bescheiden für Zahlen, die manchen Südharzer Sachbuchautoren sicher neidisch machen: Zehn Monate ist das Buch der 22-jährigen Nordhäuserin – „Spas(s)ti: ...wenn Weglaufen keine Option ist“ – auf dem Markt, da sind schon über 1000 über den Ladentisch gegangen. Trotz komplexen Themas: der Alltag einer jungen Frau mit infantiler Zerebralparese.

Mit der lebt Anna Mühlhause seit ihrer Geburt. Noch bevor sie das Licht der Welt erblickt, wird ihre Mutter ins Klinikum eingeliefert. Diagnose: Blinddarmriss. Wegen einer Blutvergiftung muss ihre Tochter Anna bereits sechs Wochen vor dem Entbindungstermin per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht werden. Zu dem Zeitpunkt weiß niemand, ob das Baby die Strapazen überlebt. Doch in dem kleinen Mädchen steckt eine große Kämpferin – Anna überlebt, wenn auch mit einer frühkindlichen Hirnschädigung, die bei ihr bis heute zu Spastiken führt.

Doch trotz der unkontrollierbaren Bewegungsstörungen, einem Leben im Rollstuhl und mitunter mobbenden Mitschülern beißt sich die junge Frau bis ins Psychologie-Studium nach Marburg durch. Auch angesichts des von Corona und Online-Vorlesungen geprägten Semesters hat die junge Nordhäuserin den Schritt nach Hessen nicht bereut. „Trotz Pandemie bricht der Kontakt zu den Professoren durch E-Mails nicht ab. Es läuft richtig gut“, erzählt die Studentin, die später einmal als Neuropsychologin Kindern mit der gleichen Diagnose wie der ihren in einem Reha-Zentrum helfen will.

Den Weg bis an die Uni mit all seinen Fallstricken wie den fünf Operationen an Rücken und Bewegungsapparat hatte Anna Mühlhause schon voriges Jahr ohne Selbstmitleid und Mut machend zu Papier gebracht. Nach den guten Verkäufen, sagt sie heute, wolle sie nun denen helfen, die ihr einst selbst geholfen haben: dem Freundeskreis für Kinderorthopädie Herzblatt. Der unterstützt die Station des Marienstifts in Arnstadt, auf der Anna Mühlhause nach ihren Operationen schon zehnmal das Krankenbett hüten musste. Auf rund vier Monate schätzt sie ihre Zeit in der Klinik, die sie deshalb als „zweite Heimat“ bezeichnet.

„Ich weiß, es klingt verrückt: Aber ich habe mich jedes Mal gefreut, wenn ich wieder hindurfte. Man fühlt sich in guten Händen“, erzählt sie. „Das Team aus Ärzten, Pflegekräften und Physiotherapie ist für mich das beste in ganz Deutschland“, sagt sie über das Stift, das tatsächlich Kinder aus ganz Deutschland und darüber hinaus behandelt. Laut Herzblatt-Freundeskreis kommen nur 40 Prozent der Orthopädie-Patienten aus Thüringen.

Die Arbeit des Freundeskreises lasse die „Schmerzen und Spritzen vergessen“, schwärmt die Nordhäuserin über den Verein, der die Kinder mit Clowns und Musiklehrern ablenkt oder Spenden für medizinisches Gerät sammelt, das nicht von Krankenkassen übernommen wird. „Durch Corona sind dem Verein Einnahmen wie durch ein Benefiz-Fußballturnier verloren gegangen“, macht Anna Mühlhause auf die aktuell Lage der Arnstädter aufmerksam. Ihr sei es deshalb eine Herzensangelegenheit, etwas zurück zu geben.

Die Idee: Alles Geld aus den Buchverkäufen von „Spas(s)ti: ...wenn Weglaufen keine Option ist“ soll im November und Dezember an den Förderverein gehen, wirbt Mühlhause zum Kauf.

Das Buch kann im Nordhäuser Buchhandel oder im Internet bestellt werden.