Die Kraft der Südharzer Kräuter: Unterwegs mit einer Kräutersammlerin in Neustadt

Neustadt  Die Phytotherapeutin Sigrun Grahl aus Neustadt kennt den Reichtum der Wiesen im Landkreis Nordhausen.

Vor fünf Jahren ließ sich Sigrun Grahl (58) in der Kräuterschule von Simone Schalk in Molmerswende/Harz zur Phytotherapeutin ausbilden. Der Beruf ist nicht staatlich anerkannt. Ihr Geld verdient sie seit 2007 als selbstständige Diätassistentin. Gern bezeichnet sie sich als Ernährungstherapeutin: „Ich erlebe täglich, wie Ernährung heilend wirken kann.“

Vor fünf Jahren ließ sich Sigrun Grahl (58) in der Kräuterschule von Simone Schalk in Molmerswende/Harz zur Phytotherapeutin ausbilden. Der Beruf ist nicht staatlich anerkannt. Ihr Geld verdient sie seit 2007 als selbstständige Diätassistentin. Gern bezeichnet sie sich als Ernährungstherapeutin: „Ich erlebe täglich, wie Ernährung heilend wirken kann.“

Foto: Kristin Müller

Da ist selbst sie überrascht: Morgendliche Nebelschwaden über den Wiesen künden vom heraufziehenden Herbst, und doch blüht dort eine Nachtkerze, da ein Johanniskraut, leuchten auch die Blüten mancher Wegwarte. „Dass es noch so viele Kräuter gibt, damit hatte ich nicht gerechnet. Auch die Natur hat ihren zweiten Frühling“, meint Sigrun Grahl. Im Südharz hat sie sich als „Kräuterfrau“ längst einen Namen gemacht.

Im Frühling und Sommer führt sie Interessierte zu Bärlauch und Brunnenkresse, empfiehlt sie das Pflücken zarter Löwenzahnblätter für den Salat – in diesen Tagen indes ist es vor allem die heilende Wirkung von Pflanzen, die sie bei einer Wanderung in den Fokus rückt. Um ihren Heimatort Neustadt breitet sich die Pracht aus: auf den Halbtrockenrasen des Gipskarstes gedeihen Johanniskraut, Schafgarbe und Wegwarte. An schattigeren, feuchten Plätzen Richtung Harz sind es Mädesüß, Brennnessel, Beifuß und Beinwell.

Sie, die ausgebildete Phytotherapeutin, könnte lange über deren Inhaltsstoffe referieren. „Aber das merkt sich doch niemand. Lieber beschreibe ich deshalb den Charakter der Pflanzen.“ Sagt‘s und zeigt auf die sehr eisenhaltige Brennnessel: „Sie steht wie ein Soldat in seiner Rüstung in der Natur.“ Diese Pflanze strahle eine gewisse Härte aus, sei sehr männlich, ergänzt sie und erklärt, dass Brennnesseln in der Männerheilkunde sehr wichtig sind.

Ihr persönlicher Favorit sei das Johanniskraut mit seiner „unschlagbaren Heilkraft“. Die Heilpflanze des Jahres 2019 habe vor allem bei depressiven Erkrankungen positive Effekte auf den menschlichen Körper. Auch gegen Haut­entzündungen, Sonnenbrand, Wunden aller Art, Neurodermitis, Rheuma und Muskelschmerzen werde Johanniskraut eingesetzt. „Die Pflanze fängt intensiv das Licht der Sonne ein, ihre Energie treibt alles, was nicht in den Körper hineingehört, heraus.“ Das könnten schlechte Gedanken sein, könnte ebenso ein Splitter oder Stachel sein. Nach einem Wespenstich habe eine sofort danach aufgetragene selbst gemachte Salbe mit Johanniskraut den Schmerz nach zehn Minuten verklingen lassen, und eine halbe Stunde später sei vom Stich nichts mehr zu erkennen gewesen, erzählt Grahl.

„Die Natur bietet uns so viel, oft reichen schon ein paar einzelne Blüten für eine Tinktur.“ Die 58-Jährige ist kein Gegner der klassischen Schulmedizin. Doch sähe sie es gern, wenn die Menschen nicht allein auf die Produkte der Pharmaindustrie setzen würden. Eine Aspirin etwa bei akutem Kopfschmerz sei okay, denn die Tablette wirkt so schnell, wie es kein Tee auf Kräuterbasis vermag. „Allerdings verliert sie ihre Wirkung auch schneller, und es kann zu Nebenwirkungen kommen.“

Gerade bei chronischen Schmerzen – etwa wegen einer Arthrose – rät sie deshalb gern dazu, auf die Wirkung von Mädesüßtee zum Beispiel zu setzen.

Soll ein Kraut helfen, muss dessen Wirkstoff aus Blättern, Blüten, Knospen oder Wurzeln – je nach Vegetationszeit – herausgezogen werden: Aus heißem Wasser wird so ein Tee oder ein Fußbad. Mittels Fett entstehen Salben. Mit Alkohol kann man Tinkturen zubereiten, von Zucker indes als Mittel des Wirkstoffentzugs hält Sigrun Grahl nicht sehr viel: „Den haben viele Menschen viel zu viel in ihrer täglichen Ernährung.“ Sigrun Grahl hat als studierte Diätassistentin und selbstständige Ernährungstherapeutin die gesamte Ernährung im Blick. „Die muss als Sockel eine gewisse Ordnung haben, mit Kräutern sind dann Feinjustierungen möglich – wie bei einem Radio, das auch erst mal funktionieren muss, damit sich dann die Sender einstellen lassen.“

Die Neustädterin hat eine Mission: Sie will die Menschen ernährungstechnisch wieder „auf den richtigen Weg bringen“. Viel zu lange habe sich unser Essen und Trinken vom Natürlichen wegbewegt: Der Supermarkt biete vor allem das, was schmeckt: also viel Süßes und Salziges. Bei kultivierten Pflanzen seien die für die Verdauung so wichtigen Bitterstoffe herausgezüchtet worden. Die Schafgarbe zum Beispiel enthalte diese, ebenso der Beifuß oder der Löwenzahn.

Ihr Wissen darüber gibt sie gern weiter. Denn nur, wer die Kräuter kenne, lerne diese auch auf Wiesen oder am Wegrand zu sehen, erst dann fange man an, sie zu lieben. „Und liebt man die Kräuter, schützt man sie auch.“

Die Saison der Kräuterernte reiche von März bis zum 31. Oktober. „Im Winter schläft die Pflanze, sie erwacht im Frühjahr, schiebt ihre Blätter heraus, dann steckt darin ihre ganze Kraft. Im Sommer holt sie diese in die Knospen, bei aufgehender Blüte versprüht sie diese in die Welt. Geht es auf Herbst zu, zieht sich die Kraft der Pflanze wieder in ihre Wurzel zurück.“ Die Faszination über diesen Kreislauf ist Sigrun Grahl anzusehen. Ihr Blick schweift über die Neustädter Wiesen, dann aber zieht es sie doch ans Auto: Ein Brot mit selbst gemachter Kräuterbutter muss nach dieser Wanderung sein.

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