Einst fuhren 80 Güterzüge am Tag durch Ellrich

Ellrich  Fest in Ellrich zum 150-jährigen Jubiläum der Südharzbahn mit Bahngeschichte zum Anfassen und einem düsteren Kapitel Historie.

Ein Besucher des Festes beim Blick hinaus aus dem Luftschutzkeller.

Ein Besucher des Festes beim Blick hinaus aus dem Luftschutzkeller.

Foto: Peter Cott

Diese Zahl erstaunt: Mehr als 80 Güterzüge fuhren einst durch Ellrich. Und das am Tag. Stefan Zimmermann, Leiter des Feuerwehrmuseums, beobachtet die staunenden Blicke der Besucher, als er das erzählt. „Heute würde die Stadt wohl nach einer Lärmschutzwand schreien“, sagt er lächelnd über den vor dem Zweiten Weltkrieg so starken Verkehr, der heute auf nicht einmal fünf Güterzüge geschrumpft ist. Doch damals lag Ellrich genau auf der Achse, die zwei der wichtigsten Industrieregionen im Land – das Ruhrgebiet und Halle-Leipzig – miteinander verband. Lange Zeit ein Segen für die Stadt.

Doch als der Weltkrieg immer wahrscheinlicher wurde, machte es auch Umbauten am Bahnhof nötig: Um jeden Winkel in den Kellern wissend, führt Zimmermann am Sonntag Besucher des Bahnhofsfestes zum 150-jährigen Jubiläum der Südharzstrecke durch die Räume, deren Bauzeit er auf um 1935 und 1936 schätzt. Im Zuge der Baus zweier Stellwerke seien auch die Bunker entstanden. „Gasschleuse“ ist auf einer der Wände zu lesen, an denen entlang es in den eigentlich Schutzraum geht. Einmal habe es eine Luftschutzübung gegeben, bei der die ganze Stadt verdunkelt werden musste, erzählt Zimmermann über dieses düstere Kapitel der Bahnhofsgeschichte, ehe er die Gäste wieder nach oben führt. Hier also, wo weiße Steine auf einer Brachfläche westlich vom Bahnhof noch an den Bahnsteig von Ellrich-West erinnern. Ab 1907 verkehrte eine Kleinbahn von Ellrich nach Zorge. Ein noch älteres Überbleibsel kann Stefan Zimmermann mit einem verrosteten Schild präsentieren. „Vielleicht ist es das älteste Relikt unserer Sammlung“, macht er neugierig auf dieses Signal-Zeichen, das – vorn oder hinten an eine Lok gesteckt – Bahnwärtern vor Erfindung der Telegrafie zeigte, ob der planmäßigen Fahrt noch ein Sonderzug folgt. „Schon 1910 war das Schild nicht mehr in Signalbüchern enthalten“, verdeutlicht Zimmermann, welch alter Schatz hinter dem unscheinbaren Metall steckt. Und so gibt es viele Schätze zu entdecken am Sonntag: Eine 1959 gebaute Draisine beispielsweise, die eine Dampflok-Gemeinschaft aus der Nähe von Salzgitter für das Fest zur Verfügung gestellt hat und früher Bahnamtsmitarbeiter kutschierte. Gestern aber schiebt sie begeisterte Besucher wie Linda Jauer und ihre Oma Marion Model über die Gleise. Wie die Fahrt ist? Mit „Schön, aber zu kurz“ bekunden beide ihre Begeisterung von dieser Zeitreise.

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