Ex-Chef der Motorenwerke in Nordhausen: „Wir sind beschissen worden von der westdeutschen Elite“

Nordhausen.  Aufwühlendes Finale der Treuhand-Schau: Nordhäuser IFA-Museumsverein krönt den Abschluss seiner Sonderausstellung mit einem spannenden wie emotionalen Abend. Mit dabei: Christa Luft, vor 30 Jahren DDR-Wirtschaftsministerin.

Christa Luft freut sich über das Wiedersehen mit der Nordhäuser Ärztin Käte Aurin. Die beiden kennen sich seit ihrer Kindheit.

Christa Luft freut sich über das Wiedersehen mit der Nordhäuser Ärztin Käte Aurin. Die beiden kennen sich seit ihrer Kindheit.

Foto: Jens Feuerriegel

Die Emotionen kochen hoch. „Wir Ostdeutschen sind rundum beschissen worden von der westdeutschen Elite“, blickt Otto Brandt zornig 30 Jahre zurück. Bis 1988 war er Chef der IFA-Motorenwerke in Nordhausen. Den Untergang der DDR erlebte er an der Spitze der Erfurter Umformtechnik. „Ich hatte mir eigentlich geschworen, heute nichts zu sagen. Aber jetzt muss ich doch.“

Der Stachel sitzt tief. Nach wie vor. Christa Luft weiß das. Schon zu Beginn des Abends sagt sie: „Es gibt genug Gründe, dass beim Thema Treuhand die Emotionen hochschlagen.“ Das Finale – drei Stunden später – gibt ihr recht.

Fünf Wochen sind vergangen, seitdem die Vereinsmitglieder des IFA-Museums Treuhand-Schicksale in den Blickpunkt gerückt haben. Dienstagabend endet ihre Sonderausstellung. Den Abschluss krönt der Vortrag einer Zeitzeugin – Christa Luft, vor 30 Jahren DDR-Wirtschaftsministerin.

Die 82-Jährige warnt ihre Zuhörer. Es sei ein Drama, von dem sie hier berichte. Blickt die Ökonomin auf die damalige Arbeit der Treuhandanstalt, überwiegt die Kritik. „In vier Jahren eine Volkswirtschaft zu privatisieren, das wünsche ich keinem anderen Land“, sagt Luft.

Die Treuhand sei verantwortlich für die größte Vernichtung von Produktivvermögen in Friedenszeiten. Sie habe die Menschen behandelt wie eine Sache, die man wegwirft, dabei viele Biografien zerstört, Millionen Arbeitslose verursacht und eine Miniaturwirtschaft hinterlassen. Viel zu oft habe die Anstalt gesunde DDR-Betriebe in die Hände von Interessenten gegeben, die keine Investoren waren. Märkte seien umverteilt worden – immer zum Vorteil der Westkonkurrenz.

Christa Luft wehrt sich gegen das Argument: Die DDR sei marode und pleite gewesen. Sie wolle nichts verniedlichen, betont die Professorin. Es habe viele Probleme in der DDR gegeben – von verschmutzter Umwelt bis zu fehlenden Ersatzteilen. Auch Auslandsschulden. „Aber nach den Kriterien der Lehrbücher standen wir nicht vor der Pleite.“ Laut eines Bundesbank-Berichtes von 1999 sei die DDR mit 19 Milliarden D-Mark verschuldet gewesen. Daran gehe ein Land nicht zugrunde. Zumal die DDR noch kreditwürdig war. Selbst für Bayerns Ministerpräsidenten Strauß.

Und marode? „Der Zustand unserer Innenstädte war marode. Ja, das war ein Jammer“, blickt Christa Luft zurück. „Aber unsere Wirtschaft war es nicht.“ Und außerdem: Wer über die DDR urteilt, sollte nie außer Acht lassen, was nach dem Zweiten Weltkrieg geschehen ist. „Den Krieg haben wir nicht allein verloren“, erinnert Christa Luft, „aber wir trugen die größte Last an Reparationen.“

Aus heutiger Sicht wisse man, dass es sich mit den Begriffen marode und pleite gut arbeiten ließ, um das zu realisieren, was man mit dem Osten machen wollte. Wie mit der Sichel habe die Treuhand die DDR bearbeitet, kritisiert Luft. „Viele, die bei der Treuhand zugreifen durften, benötigten keine Referenzen, ob sie wirtschaftliche Erfolge vorzuweisen haben. Es genügte die westdeutsche Postleitzahl in der Adresse.“

Doch die Treuhandanstalt sei nur die Speerspitze gewesen. Sie habe im Namen der Bundesregierung gearbeitet. Das Thema dürfe nie abgeschlossen werden, ohne die Frage zu beantworten, wie groß die Verantwortung der Bundesregierung war, fordert Christa Luft. Es müsse unterschieden werden, was Erblast der DDR war und was die Bundesregierung bewusst falsch laufen ließ. „Von uns Ostdeutschen wird immer erwartet, dass wir uns für alles entschuldigen“, ärgert sich die 82-Jährige. „Die Westdeutschen sagen: Wir waren überfordert.“

Für Christa Luft steht fest: Die Währungsunion am 1. Juli 1990 sei viel zu schnell gekommen. Und am 3. Oktober 1990 habe es keine Wiedervereinigung gegeben, sondern eine Übernahme der DDR. „Eine Kolonialisierung war es jedoch nicht“, unterstreicht sie. Der Vorwurf gehe zu weit. „Denn wir hatten die Möglichkeit zu wählen.“

Zum Schicksal der DDR sagt sie: „Wenn etwas Altes kaputt geht, muss man nicht alles wegwerfen. Man kann schauen, was noch brauchbar ist. Aber mit der DDR ist das nicht geschehen. Das war unvorstellbar.“

Lufts Vortrag mündet in wohlwollenden Beifall. Die Diskussion lässt nicht auf sich warten. Und sie ist hochkarätig. Dank der Zeitzeugen aus Magdeburg (Schwermaschinenbau), Eisenach (Automobilwerk), Sangerhausen (Mifa-Fahrradwerk), Bischofferode (Kaliwerk) und Wurzen. Nicht alle Aussagen von Christa Luft bleiben unwidersprochen. Es habe auch anständige West-Investoren gegeben. Auch Nordhausen habe positive Beispiele – allen voran Schachtbau mit der Bauer-Gruppe.

Otto Brandt schaut voller Wut auf die Treuhand-Zeit. „Die haben uns belogen“, beklagt er. „Die wollten alles zerschlagen.“ Es sei immer zum Wohl der westdeutschen Unternehmen entschieden worden. Auf die IFA lässt Brandt nichts kommen: „Wir waren nicht marode.“ Im Gegenteil. „Die hatten Angst vor Nordhausen. Denen war unser Werk zu groß.“ Dem Motorenwerk habe man absichtlich keine Chance gegeben. „Es musste sterben. Und damit hat man uns unsere Lebensleistung genommen. Dabei können wir Motorenwerker bis heute stolz auf unsere Leistungen sein.“

Gerhard Jüttemann, einstiger Vorsitzender des Betriebsrates im Kaliwerk Bischofferode, ergänzte: "Wir sind über den Tisch gezogen worden. Unser Kaliwerk hätte überleben können, hätte man uns eine Chance gegeben."