Ex-Mitglied Siegfried Gentele: „AfD ist nicht mehr wählbar. Leider“

Niedersachswerfen  Mit Sorge blickt der Politiker aus Niedersachswerfen auf die Landtagswahlen und die Südharzer Kommunalpolitik.

Siegfried Gentele aus Niedersachswerfen sitzt seit 2014 im Thüringer Landtag. Zunächst für die AfD, dann als fraktionsloser Abgeordneter.

Foto: Peter Cott

„Wurde Rudy zum Rowdy?“ So titelt die Ostthüringer Zeitung in ihrem Leitartikel vom 18. März 2016. Am Abend zuvor hadert der Politikredakteur des Blattes im Presseraum des Landtags noch mit seiner Überschrift. Soll er wirklich den Namen eines Abgeordneten für solch ein Wortspiel nutzen? Sein Stil sei das nicht, sagt er. Nur um sich wenig später doch für den Titel zu entscheiden. Unter dem tags darauf von einer Abstimmung im Landesparlament zu lesen ist, bei dem der bereits fraktionslose Abgeordnete Siegfried Gentele gegen einen Antrag seiner bisherigen Partei, der AfD, stimmt.

Ex-Kollege Thomas Rudy missfällt das sehr. So sehr, dass er dem Abtrünnigen gar drohen soll: Pass auf, dass dir demnächst nicht mal was passiert, warnt Rudy Gentele laut eigenen Aussagen vielsagend...

Für Gentele ist diese Episode einer der Momente, an denen er vollends mit seiner bisherigen Partei abschließt. Sein heutiges Urteil über die ehemaligen Weggefährten jedenfalls ist vernichtend: „Ich glaube nicht, dass aus der AfD im Osten je wieder eine bürgerliche Partei werden kann.“ An seinen ersten Tag in der Partei kann er sich trotzdem noch gut erinnern: Es ist der 30. August 2013. „Bis dahin war ich immer treuer CDU-Wähler, aber nicht sonderlich politikinteressiert“, erinnert sich Gentele amüsiert. Damals ist er es nicht – die Politik im Bund versteht er nicht mehr, vielmehr frustriert sie ihn. „An diesem Abend Ende August habe ich einen Bericht in der Tagesschau gesehen, der mich pappensatt gemacht hat.“

Gentele wird am Wahlsonntag beten

Gentele sucht deshalb nach einer neuen politischen Heimat, nach einer Partei, die es besser macht. Er stößt nur kurz darauf auf die durch den Professor für Makroökonomie, Bernd Lucke, angestoßene AfD. „22.03 Uhr war mein Mitgliedsantrag fertig“, lacht Siegfried Gentele über den einschneidenden Abend.

Am Morgen darauf habe er sich dann bereits mit im Wahlkampf engagiert. Schon bei einem der ersten Termine sei er mit Björn Höcke zusammengetroffen. Auf einem Bauernmarkt im Eichsfeld muss das gewesen sein. „Björn damals in kurzer Hose und Wanderschuhen“, erinnert sich Gentele noch genau. Aber es ist nicht das Einzige, was hängenbleibt: „Wenn ich zurückdenke, muss ich sagen: Ich hatte einen ersten leichten Verdacht über seine Gesinnung“, grämt sich Gentele über das rechtspopulistische Gedankengut des AfD-Landeschefs, dessen Umfeld ihm mehr als „sehr konservativ“ und „doch recht suspekt“ vorgekommen sei.

Die Einschätzung, sich einander suspekt zu sein, soll in den kommenden Monaten zunehmend auf Gegenseitigkeit beruhen, sagt der gelernte Tankwart aus dem niedersächsischen Mariental-Horst, der sich vom Werkstatt- zum Filialleiter hocharbeitet und bei der Wahl 2014 per Liste für die AfD in den Landtag einzieht. „Es gab plötzlich immer mehr Probleme im Thüringer Verband“, so Gentele. In diesem sei er Höcke zunehmend als „selbst ernannter Mediator und Querulant“ vorgekommen, lacht er über die Spannungen. So kritisiert Gentele seinen damaligen Landeschef unter anderem dafür, dass er lieber durch Deutschland tourt und Interviews gibt, als sich etwa um den scheidenden Kreisverbandsvorsitzenden in Südthüringen zu kümmern. Auch die Jugendorganisation Junge Alternative habe er scharf gemacht, statt sich um den Landesverband zu kümmern. „Da ging also mächtig was schief. Und das ist nicht gut für eine wachsende und junge Partei“, wiederholt Gentele seine Sorgen von einst.

Es sind schon bald nicht mehr seine Sorgen: Weil der Disput innerparteilich eskaliert. Zu Wahlkampfveranstaltungen beispielsweise sei er bald schon nicht mehr eingeladen worden, bilanziert Siegfried Gentele, der schließlich Mitte April 2015 von der Landtagsfraktion ausgeschlossen wird. Dem Parteiausschlussverfahren kommt Gentele nach dem Essener Parteitag im Juli 2015 selbst zuvor. „Nach Luckes Ausschluss war Schicht im Schacht“, kommentiert der Sachswerfer den Schritt, spricht man dieser Tage mit ihm. Die AfD sei längst nicht mehr das Auffangbecken für frustrierte Anhänger der großen Volksparteien, sondern ein Schmelztiegel rechten Gedankenguts, so seine Einschätzung von 2015.

Und heute? Da bereut Gentele den Schritt beinahe. „Wir hätten alle drin bleiben sollen. Vielleicht hätte man dann noch das Ruder rumreißen können. Neben der Euro-Kritik gab es viele gute Positionen. Aber die entsprechend fähigen Leute waren plötzlich weg“, hadert er.

Doch was bedeutet der Essener Parteitag für die Politik der Gegenwart und die der Zukunft? „Ich gehe nicht oft in die Kirche. Aber am 27. Oktober werde ich es tun und für wenig AfD-Wähler beten“, sagt Gentele mit Blick auf die Landtagswahlen in Thüringen.

Kommunalpolitik im Südharz werde komplexer

„Die AfD ist nicht mehr wählbar. Leider.“ Dennoch glaubt Gentele, dass es seine Ex-Partei auf 25 Prozent der Wählerstimmen bringen wird. „Und dann wird es schlimm, denn die Stimmen werden von der CDU und SPD abwandern“, blickt er auf eine dadurch komplexer werdende Regierungsbildung. Wenn es denn überhaupt eine gibt – Gentele fürchtet schon jetzt Neuwahlen, einer fehlenden Mehrheit wegen.

Und in der Südharzer Kommunalpolitik? Auch im Stadtrat hatte es ja vorige Woche bereits erste Reibereien gegeben, weil ein Teil des Gremiums einer AfD-Rätin nicht den Posten im Aufsichtsrat für die Theater GmbH zugestehen wollte. Ex-AfD-Mann Gentele will Ängste nehmen: „Von einem Herrn Prophet kann ich mir gute Vorschläge vorstellen“, sagt er über den Fraktionschef der AfD in Kreistag und Stadtrat. Auch seien seine Mitstreiter nicht alle Nazis, betont der 67-Jährige, der glaubt, dass die AfD in den Kommunalparlamenten durch die weniger abstrakten Themen „weniger Blödsinn veranstalten“ könne und mehr Sacharbeit betreiben werde als im Landtag und im Bund. „Aber es wird alles komplizierter“, sagt er dann doch etwas nachdenklich.

Kompliziert wie die drei Jahre als Fraktionsloser in Erfurt. Gentele wirkt enttäuscht, spricht über diese Zeit in der Landeshauptstadt, in denen er keine Gesetzesvorschläge mehr habe einbringen dürfen. Auch in Ausschüssen galt seine Stimme nach dem Austritt aus der Fraktion nichts mehr. „Man ist plötzlich Abgeordneter zweiter Klasse und hat einen geringeren Einfluss als erhofft“, bedauert er. Der rot-rot-grünen Landesregierung stellt er trotzdem ein passables Zeugnis aus. Zu 75 Prozent sei er zufrieden. Lediglich die zum Teil guten Vorschläge der CDU habe sich das Kabinett mehr zu Herzen nehmen müssen, sagt mit Gentele ein scheidender Abgeordneter zwischen mehreren Stühlen.

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