Nordhäuser Unternehmerin: „Frauen sind oft zu wenig sichtbar“

Nordhausen.  Nordthüringer Unternehmerinnen planen ein eigenes Netzwerk. Die Ideengeberin Carina Schmidt-Pförtner erklärt im TA-Gespräch die Beweggründe.

Carina Schmidt-Pförtner und viele andere Unternehmerinnen aus der Region kamen am Dienstagabend in Nordhausen zusammen.

Carina Schmidt-Pförtner und viele andere Unternehmerinnen aus der Region kamen am Dienstagabend in Nordhausen zusammen.

Foto: Kristin Müller

Nordthüringens Unternehmerinnen planen ein eigenes Netzwerk: Im Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU) wollen sie einen Regionalverband gründen. Wir sprachen mit der Ideengeberin Carina Schmidt-Pförtner über die Gründe und Ziele eines solchen Netzwerks. Die 41-jährige Nordhäuserin leitet die Unternehmen HS Industrie Service in Nordhausen und Gotha mit 40 Mitarbeitern seit nunmehr fünf Jahren allein, nachdem ihr Vater in den Ruhestand ging. Kinder hat sie nicht.

Warum braucht Nordthüringen ein Netzwerk von Unternehmerinnen?

Mitglied im VdU bin ich seit mehreren Jahren, seit vorigem Jahr auch im Vorstand des Thüringer Landesverbands. Und da habe ich meist ziemlich weite Wege: nach Erfurt, Jena, Weimar. Der Norden des Freistaats indes erscheint mir auch bei diesem Thema ziemlich abgehangen. Und das will ich ändern. Die Mindestzahl von zehn Mitgliedern erreichen wir, wohl gemerkt dürfen das nur Frauen mit einer Beteiligung an einem Unternehmen sein. Zusammenbringen wollen wir natürlich neben Unternehmerinnen auch Entscheidungsträgerinnen, etwa aus Politik und Verwaltung. Es ist wichtig, für Frauen eine stärkere Wahrnehmung zu erzeugen: Sie sind oft noch viel zu wenig sichtbar. In der Baubranche zum Beispiel gibt es einige starke Frauen wie Alexandra Lange oder die Architektin Petra Flagmeyer.

Männer verstehen sich aufs Netzwerken – warum fehlt vielen Frauen die Affinität dazu?

Ja, im Nordthüringer Unternehmerverband sind von den knapp 200 Mitgliedern nur etwa 20 Prozent weiblich, obwohl der Verband mit seinem Vorsitzenden Niels Neu eine offene Kultur der Gleichberechtigung lebt. Aber es braucht schon eine gehörige Portion Selbstbewusstsein, unter so vielen Männern mitzutun. Nicht zuletzt weiß jede Frau, was sie zu leisten hat: Neben der Arbeit steht der Haushalt, bei vielen noch die Kindererziehung. Da gilt es zu selektieren, was man schafft und was nicht.

Was versprechen Sie sich von einem Nordthüringer Frauen-Netzwerk?

Sorgen und Probleme kann man mit der Freundin besprechen, klar. Aber als Unternehmerin oder Entscheidungsträgerin hat man auch kaufmännische, personelle oder rechtliche Themen auf dem Tisch, zu denen man sich austauschen will. Ein Emanzenclub, in dem Männer nicht zugelassen werden, werden wir natürlich nicht sein. Aber ein organisierter Verein ist das Ziel, der viele kleine Stimmen zu einer gewichtigen macht, unsere Themen an die Landes- und Bundespolitik weiterträgt.

Welche Themen beschäftigen Sie denn?

Die politische Situation im Land, die Steuern, die Verwaltungsoptimierung, natürlich auch das Thema Frauenquote. Wir sagen immer lachend: Solange uns Frauen noch nicht die Hälfte der Welt gehört, ist noch viel zu tun.

Wie viel der Südharzer Welt gehört denn der Frau?

Ich glaube, keine 30 Prozent. In der Politik und in der Verwaltung sind wir seit Längerem recht gut aufgestellt, ich denke da nur an Carolin Gerbothe, Birgit Keller, Inge Klaan, Katja Mitteldorf. In der Wirtschaft sind wir noch nicht so weit. Sicher, es gibt viele Kleinstunternehmerinnen, die allein oder mit ein, zwei Angestellten einen Betrieb führen: als Ärzte, Steuerberater oder Coaches. In der Industrie hingegen gibt es nur sehr wenige, mit denen ich mich vernetzen könnte.

Was muss sich ändern, damit mehr Frauen an der Spitze von Unternehmen und Institutionen arbeiten?

Wir dürfen nicht aufhören, den Frauen Mut zu machen, ihren Weg zu gehen. Frauen machen sich oft nur an eine Aufgabe, wenn sie sicher sind, diese auch bewerkstelligen zu können – Männer sind viel eher bereit, es einfach mal zu probieren. Wichtig ist auch, die Chancen für Frauen in frauenuntypischen Berufen zu vermitteln. Natürlich ist auch bei der Kinderbetreuung noch nicht alles optimal: Schön wäre zum Beispiel, wenn die Kindergärten bis 18 oder 19 Uhr offen wären. Nicht zuletzt müssen Frauen Netzwerke nutzen, um sich sichtbar zu machen und zu zeigen, was sie drauf haben – so wie es Männer seit eh und je tun.

Ihre Ansicht zu Frauenquoten?

Anfangs habe ich sie verurteilt, dachte, sie steht uns nur im Weg, weil dann jeder sagen kann, die ist ja nur auf ihrem Posten, weil sie eine Frau ist. Inzwischen aber muss ich sagen: Die Diskussion um die Quote hat etwas bewegt, das Thema ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sicher, die Männer unserer Generation haben mit Gleichberechtigung kein Problem, aber wir müssen auch die Älteren auf dem Weg mitnehmen und klarmachen, dass Frauen unverzichtbar sind, angesichts des Fachkräftemangels und mit all ihren Kompetenzen zum Beispiel ein Gewinn sein können.

Welche Stärken zeichnet eine Frau aus, die einem Unternehmen nutzen könnten?

Zunächst: Frauen können genauso konsequent, direkt und knallhart sein wie Männer. Aber darüber hinaus haben viele eine starke Empathie, können gut wahrnehmen, wie es den Menschen im Unternehmen geht, wo man sie am besten einsetzen kann. Frauen tun oft Männergemeinschaften gut im Sinne von Antrieb und Energie. Und sie sind sehr ehrgeizig, wenn sie ein Ziel haben. Sie sind Organisationstalente, arbeiten sehr fokussiert.

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