„Ich wollte immer schauspielern und nehme dafür die beste Truppe“

Nordhausen  Lehrer wollte sie werden, Chefdramaturgin war sie drei Jahrzehnte - anderthalb davon in Nordhausen: Anja Eisner verabschiedet sich in den Unruhestand.

Auch als Dramaturgin durfte Anja Eisner schon in verschiedenste Rollen schlüpfen. Als Silberdistel will sie das nun intensivieren.

Auch als Dramaturgin durfte Anja Eisner schon in verschiedenste Rollen schlüpfen. Als Silberdistel will sie das nun intensivieren.

Foto: Marco Kneise

Es dürfte ein ganz besonderer Moment werden. Ganz ohne, dass ihn das Publikum überhaupt zu sehen bekommt: Wenn die „Entführung aus dem Serail“ heute Abend bei den Sondershäuser Schlossfestspielen ein letztes Mal gezeigt wird, mag für das Ensemble wieder ein kleines Abenteuer auf der Bühne zu Ende gehen. Für Dramaturgin Anja Eisner beginnt dann allerdings das größte Abenteuer ihres Lebens: der Ruhestand. Ist die Aufführung doch die letzte von ihr begleitete. „Man bemüht sich in Schule und Studium, um leichter durch sein Arbeitsleben zu kommen. Aber alles, was nach der Arbeit folgt, habe ich nicht gelernt“, sinniert die 63-Jährige und sagt schließlich: „Ich bin gespannt.“

Für das Theater Nordhausen jedenfalls ist es ein Verlust: Gut 125 Stücke begleitet Anja Eisner als Chefdramaturgin auf die Nordhäuser Bühne. 15 Jahre ist sie hier aktiv, stemmt einmal jährlich zudem noch die Inszenierungen der Laienschauspielgruppe „Silberdisteln“.

Und das, obwohl sie als junge Frau doch eigentlich Lehrerin werden will – wie der Rest ihrer Familie. „Ich wollte immer etwas vermitteln. Aber plötzlich hatte ich mich mit meinem Physiklehrer verkracht. Da tue ich dem doch keinen Gefallen und werde selbst Lehrerin“, erinnert sich die Dramaturgin amüsiert an diese Weichenstellung.

Deshalb und der Liebe zur deutschen Sprache wegen soll ihr Lebensweg in die Theaterwissenschaft führen: Geboren in Prenzlau, studiert Anja Eisner an der Theaterhochschule in Leipzig. Vier Jahre ist sie daraufhin Dramaturgin am Landestheater Eisenach, bevor sie 1984 bis 1987 eine Aspirantur mit Studium der Soziologie an der Uni Leipzig und ein Auslandssemester in Leningrad annimmt. 1988 folgt die Promotion. Da ist sie schon nach Eisenach zurückgekehrt und wird Chefdramaturgin. Über Kiel, Hamburg Gießen und das Theater der Landeshauptstadt in Magdeburg führt ihr Weg 2004 schließlich nach Nordhausen. „In der Theaterszene ist das ein ruhiger Lebenslauf“, lacht Eisner über all diese Stationen.

Seitenwechsel bei den Silberdisteln

In der Rolandstadt jedenfalls bereitet sie zahlreiche Inszenierungen konzeptionell vor, zeichnet verantwortlich für Programmhefte, bereitet das Publikum in Radiosequenzen sowie Audiobeiträgen bei Busreisen, und eine Zeit lang sogar im Sangerhäuser Lokalfernsehen inhaltlich auf die Inszenierungen vor. Zuweilen steht sie auch selbst auf der Bühne. Legendär zudem: ihre Quizshow und die szenischen Lesungen mit ihrer liebgewonnenen Freundin Susanne Hinsching.

Zwei Intendanten erlebt sie hier. Wer ihr der liebste von beiden ist – Lars Tietje oder Daniel Klajner – mag Anja Eisner allerdings nicht verraten. „Beide sind so verschieden und mit beiden habe ich kreativ zusammenarbeiten können, so dass ich es schade fände, hätte ich einen nicht kennengelernt“, sagt sie diplomatisch.

Verblüfft sei sie aber schon gewesen, als Daniel Klajner das Ruder übernahm und ihr Vertrag dennoch verlängert wurde. Meist seien solche Personalwechsel auch mit neuen Gesichtern in der Dramaturgie verbunden. „Aber warum weggehen, wenn ich für den neuen Schwung mitgebucht werde“, erklärt Anja Eisner ihre Entscheidung zu bleiben. Ob Nordhausen allein der Aufenthaltsdauer wegen ihr schönster Karrierestopp war? Anja Eisner denkt kurz über diese Frage nach, um schließlich dagegenzuhalten: „Am schönsten ist immer das, was man gerade macht. Wenn ich nicht glaube, dass es noch besser wird, gebe ich die Zukunft auf.“

Und das ist keine Option. Zwar habe sie sich jüngst erst eine neue Couch beschafft. Nur darauf zu sitzen, komme aber nicht infrage, sagt Anja Eisner entschieden und hat auch schon einen festen Plan, damit es nicht soweit kommt: Neunmal habe sie als Dramaturgin auch abendfüllend Regie führen dürfen, benennt sie einen Höhepunkt ihrer Karriere bei den Silberdisteln. „Diese Hingabe der Laiendarsteller zu sehen, war ein absolutes Geschenk. Das ist wie Familie für mich“, sagt sie über das Seniorenensemble, dem sie sich nun selbst anschließen wird. „Ich wollte immer schauspielern und nehme dafür jetzt die beste Truppe.“

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