Juden legten viel Wert auf Bildung

Nordhausen.  TA-Serie (5): Zentrale Orte jüdischen Lebens im 19. Jahrhundert: In der jüdischen Schule wurde Religion gelehrt.

Hier ist eine Karte mit der Aufschrift „Gruß vom Gymnasialabiturienten-Commers Ostern 1910" aus dem Tagebuch von Otto Eisner abgebildet.

Hier ist eine Karte mit der Aufschrift „Gruß vom Gymnasialabiturienten-Commers Ostern 1910" aus dem Tagebuch von Otto Eisner abgebildet.

Foto: Tagebuch Otto Eisner

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Im Kindertagebuch hielt Emma Eisner auch ihre Eindrücke über die Schulzeit von ihrem kleinsten Sohn Otto fest. „April 1900 wurde Otto als 4. unter 15 Schülern nach der ersten Vorklasse der Vorschule versetzt. Sein Zeugniß war echt gut; jedoch Aufmerksamkeit: kaum genügend, zuletzt besser, wollte uns nicht gefallen. Hauptzensur II-I. Betragen: Lobenswert. Hausl. Fleiß: Recht gut. Religion: Gut, deutlich gut, z. t. recht gut. Lesen: recht gut. Rechnen: Gut. Schreiben: gut, z. t. recht gut. Geographie: genügend. Am Unterricht: gut.“

Das Interesse der Juden an der Erziehung und Bildung war im Allgemeinen sehr groß. Dies kommt darin zum Ausdruck, dass es unter den jüdischen Kindern einen sehr viel größeren Anteil gab, der höhere Schulen besuchte, als unter den christlichen Kindern. Selbst 1901 gingen von allen christlichen Schülern in Preußen erst 4,78 Prozent in eine höhere Mädchen- oder Knabenschule. Bei den Juden lag der Anteil dagegen bei 46,60 Prozent.

Den starken Zulauf an höheren Schulen zeigt für Nordhausen schon die Schülerliste von Ende 1829, in der acht Kinder verzeichnet sind, die eine höhere Schule besuchten. Zudem spricht für die große Bedeutung der Bildung, dass acht Kinder parallel auf drei Wegen unterrichtet wurden, nämlich über die christliche öffentliche Schule und die jüdische Schule hinaus noch durch Privatunterricht.

Otto Eisner wurde als zweitbester Schüler geehrt

Auch Otto Eisner war ein ehrgeiziger Gymnasialschüler am Königlichen Gymnasium in Nordhausen, mit starken Ambitionen für Musik. In seiner Freizeit besuchte er Konzerte und engagierte sich als Pianist, mit der Vorliebe für Mozarts Kompositionen, bei verschiedenen Programmen des Synagogen-Gesangsvereins, des Gymnasialchors und auch des Gymnasial-Lesevereins. Eisner trat nicht in das Lederwarengeschäft des Vaters Adolf und des Onkels Louis Eisner ein. Er zog das Jura-Studium in Berlin vor, und promovierte anschließend in Heidelberg.

Emma Eisner nahm das Ereignis zum Anlass und schrieb in das Kindertagebuch für ihren Sohn Otto folgende Gedanken dazu: „7. Juni 1902, zur Erinnerung an Nordhausens 100-jähriger Zugehörigkeit zu Preußen, wurde Otto als zweitbester Schüler der Quinta durch eine ‚Dankmünze‘ als Prämie ausgezeichnet. Die Freude war übergroß, denn bis jetzt waren immer 2 Prämien verteilt u. er war gewöhnlich, der dritte, der leer ausging.

Einen weiteren interessanten Anhaltspunkt zum Leben der Juden in Nordhausen und deren Integration bietet die jüdische Schule. Schon früh beschäftigte die jüdische Gemeinde einen Lehrer, wie ein Etat aus dem Jahr 1812 mit den Posten „Jahresgehalt für den Vorsänger und für den Schächter, der zugleich den Unterricht der Jugend besorgt“ belegt. Zu dieser Zeit war Süßmann Carmel als Schullehrer tätig. Ein Jahr später enthält der Etat den Posten „Gehalt des Lehrers und Schächters“. Die Eintragungen deuten darauf hin, dass die Gemeinde für die Finanzierung des Unterrichts aufkam, obwohl nach einer Festlegung des Konsistoriums aus dem Jahr 1809 dieses selbst Lehrer anstellte und in dessen Etat auch nicht unerhebliche Mittel dafür vorgesehen waren. In der nachfolgenden preußischen Zeit hatte die jüdische Gemeinde etwaige Lehrer ohnehin selbst zu finanzieren.

Im Adressbuch aus dem Jahr 1834 ist im Abschnitt „Städtische öffentliche Schulen“ ein Eintrag „Israelitische Schule“ genannt. Darunter sind Moses Aron als Kantor und Havelland als Lehrer aufgeführt. Eine vorliegende Schülerliste von 1829 zeigt, wie der jüdische Nachwuchs Erziehung und Bildung erwarb. 20 der 28 verzeichneten Schüler besuchten christliche Schulen, erhielten von christlichen Lehrern Privatunterricht oder kombinierten beides. Der Besuch öffentlicher Schulen war durch Paragraf 10 des 12. Titels des Preußischen Allgemeinen Landrechts von 1794 möglich, das vorsah, dass niemandem wegen Verschiedenheit des Glaubensbekenntnisses der Zutritt in öffentliche Schulen versagt werde. Von den acht Schülern, die keine christlichen Schulen besuchten, bekamen drei Privatunterricht von einem jüdischen Lehrer. Fast alle Schüler besuchten zusätzlich die jüdische Schule und nahmen dort am Religionsunterricht teil.

Jüdische Schule war Religionsschule

Aus den Quellen ist zumindest für die Zeit ab 1835 ersichtlich, dass es sich bei der jüdischen Schule nicht um eine Elementarschule handelte, sondern um eine Religionsschule. So geht aus den Verträgen der Gemeinde mit dem Lehrer Abraham Cohn aus den Jahren 1835 und 1846 hervor, dass er sämtliche Kinder der jüdischen Gemeinde bis zum erreichten vierzehnten Lebensjahr in Religion und Hebräisch zu unterrichten und zweimal im Jahr eine öffentliche Prüfung der Kinder durchzuführen hatte.

Die Schule besaß ein Reglement für die Schulkommission, das von der Abteilung des Innern der Regierung Erfurt bestätigt wurde. Nach dem Reglement bestand die Kommission aus fünf Mitgliedern: dem Religionslehrer, einem Mitglied des Vorstandes und drei vom Vorstand bestimmten Gemeindemitgliedern.

Die Wahlzeit betrug jeweils drei Jahre. Eine wesentliche Aufgabe der Kommission war die Erstellung eines Schulplanes, der der Genehmigung des Vorstandes bedurfte. Weiter sollte die Kommission die Schule inspizieren, Verbesserungsvorschläge machen, die Einhaltung des Schulplanes kontrollieren und sich von der Einhaltung der Schulpflicht überzeugen. Die Mitglieder der Kommission durften den Prüfungen beisitzen. Weiter wurde das Alter zur Schulpflicht im Reglement festgesetzt: Jungen sollten mit dem vollendeten siebten Lebensjahr und Mädchen mit dem vollendeten achten Lebensjahr eingeschult werden. Mit besonderer Einwilligung der Kommission konnte die Aufnahme in die Schule jedoch bereits nach vollendetem fünften Lebensjahr erfolgen. Für Schulversäumnisse waren im Reglement Sanktionen vorgesehen: disziplinarische Strafen in der Schule für Kinder, die schwänzten, eine Anzeige der Eltern bei von ihnen zu vertretenden fortgesetzten Schulversäumnissen. Der Schulbesuch endete nach dem Erreichen des 13. Lebensjahres mit der Religionsweihe in der Synagoge oder der Aushändigung eines Entlassungszeugnisses. Jährlich hatte die Kommission eine öffentliche Prüfung der Kinder vornehmen zu lassen.

Rabbiner nahmen Prüfungen ab

Mit den Jahren wuchs die Anzahl der schulfähigen jüdischen Kinder, so dass 1858/59 bis 1880 eine Klasse und ab dem Jahr 1882 zwei Klassen existierten. Die aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorliegenden Etats der jüdischen Gemeinde zeigen, dass für den Besuch der Religionsschule Schulgeld erhoben wurde. Dessen Höhe bestimmten Vorstand und Repräsentantenversammlung. Privatunterricht durch den Religionslehrer duften nur Kinder erhalten, deren Eltern Schulgeld bezahlten. Das Schulgeld deckte 1860 gerade einmal 15 Prozent der Gehälter des Rabbiners und des Kantors, die beide auch in der Schule unterrichteten, in späteren Jahren zum Teil nicht einmal 10 Prozent. Auch wenn der Unterricht in der Religionsschule für Rabbiner und Kantor nur einen Teil ihrer Arbeit für die jüdische Gemeinde darstellte, ist anzunehmen, dass das Schulgeld die Kosten der Schule nicht vollständig deckte, zumal neben den Personalausgaben auch Ausgaben für ihre Unterhaltung in den Etats veranschlagt sind.

Im Jahr 1884 wurde am Nordhäuser Gymnasium jüdischer Religionsunterricht als verbindlicher Lehrgegenstand für jüdische Schüler eingeführt. In diesem Fach wurden auch Prüfungen vom Rabbiner der Gemeinde im Beisein des Gymnasialdirektors abgenommen.

Die Autorin ist Historikerin aus Nordhausen. Weiterführende Forschungsergebnisse zur jüdischen Gemeinde in Nordhausen im 19. Jahrhundert nebst ausführlichen Quellenangaben finden sich in ihrer im Verlag der Friedrich-Christian-Lesser-Stiftung im Jahr 2018 erschienenen Dissertation „Vom reichsstädtischen Schutzjuden zum preußischen Staatsbürger jüdischen Glaubens. Chancen und Grenzen der Integration der Nordhäuser Juden im 19. Jahrhundert“.

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