Jugendamt nimmt Kind in Obhut, Eltern fühlen sich machtlos

Nordhausen  Wenn der Staat meint, in eine Familie eingreifen zu müssen. Ein aktueller Fall aus Nordhausen.

Laut Nordhäuser Jugendamt ist die Inobhuthahme eines Kindes immer das letzte Mittel. (Symbolbild)

Laut Nordhäuser Jugendamt ist die Inobhuthahme eines Kindes immer das letzte Mittel. (Symbolbild)

Foto: Arno Burgi/dpa

Es ist ein Sonntag - der 29. März 2020. Im Kreißsaal des Südharz-Klinikums erblickt ein Mädchen das Licht der Welt. Hineingeboren in ein Leben, das vom ersten Tag an kompliziert ist. Die Eltern zählen nicht zu den oberen Zehntausend. Die Mutter (38) arbeitet in einem Seniorenpflegeheim. Der Vater (33) ist arbeitslos. Mit ihren zwei Kindern leben sie in einer 3-Raum-Wohnung im Stadtzentrum. Die Tochter ist 14, der Sohn sieben. Die Familie erhält auch Geld vom Staat. So kommt sie finanziell über die Runden.

Dem Jugendamt des Landkreises ist die Familie bekannt. Seit 13 Jahren in Akten vermerkt. Es habe schon mehrfach Situationen gegeben, in denen sich Sozialarbeiter ein Urteil bilden mussten, berichtet das Amt. Die Eltern seien mit der Erziehung der Kinder überfordert, meint die Behörde.
Den Eltern sei immer geholfen worden. „Das stimmt“, bestätigt der Vater. Es sei ein „angenehmes Amt“. Umso mehr sei er jetzt verwundert, „warum wir plötzlich im Fadenkreuz stehen und uns so viele Steine in den Weg gelegt werden“.

Wohnung angeblich für fünf Menschen zu klein

Es habe „harmlos“ begonnen, blickt der Vater zurück. Es blieb nicht mehr viel Zeit bis zur Geburt des dritten Kindes. Da kündigte das Jugendamt einen Hausbesuch an. „Das war okay“, erinnert sich der Vater, „man wollte gucken, ob wir vorbereitet sind.“ Aus Sicht der Eltern sei das Gespräch gut verlaufen. Doch der Eindruck täuschte.

„Plötzlich erfuhren wir, dass wir unser Kind dem Jugendsozialwerk zu übergeben haben“, berichtet der 33-Jährige. Über die Vorwürfe des Amtes ärgert er sich. Die Wohnung sei für fünf Personen zu klein. Drei Katzen seien zu viele Haustiere. Und den Eltern sei es nicht zuzutrauen, weiteren Familienzuwachs zu meistern.

„Wir schlafen im Wohnzimmer“, schildert die Mutter. „Unsere Kinder haben jeweils ein Zimmer.“ Und das Baby sollte seinen Platz beim siebenjährigen Sohn finden. Die Eltern sahen da keine größeren Probleme.

Die Familie gab zwei Katzen ab, bereitete die Wohnung auf den Neuankömmling vor. Doch es nützte nichts. Das Jugendamt hielt an seinem Entschluss fest. Die kleine Tochter wurde in Obhut genommen. Der Mutter blieben nur Besuchszeiten. Täglich zwei Stunden.

Das Verhältnis zwischen Eltern und Jugendamt war nun permanent angespannt. Im Mai eskalierte es. Die Mutter entdeckte an ihrer Tochter „eine gewaltige Brandblase“ am Oberschenkel. Allem Anschein nach war das Baby mit heißem Wasser verbrüht worden. „Erst als ich Alarm schlug, ist unsere Tochter ins Südharz-Klinikum gebracht worden.“ Die Eltern erhoben schwere Vorwürfe gegen die Betreuer. Der Vater wählte Worte, die er heute bedauert. Aber in dieser Situation habe er keine Ruhe bewahren können.

Familiengericht entzieht das Sorgerecht

Das Jugendamt spricht von einer „Unachtsamkeit“. Es habe nach diesem Vorfall in der Einrichtung des Jugendsozialwerkes „Maßnahmen ergriffen“.

Doch wie sehr sich die Eltern auch bemühten. Ihre Tochter blieb in der Obhut des Jugendamtes. Schließlich entzog ihnen auch das Familiengericht das Sorgerecht. Lediglich das Umgangsrecht ermöglicht der Mutter und dem Vater, den Kontakt zum Kind aufrechtzuerhalten. Alle 14 Tage ist ein Besuch möglich. „Wir haben das Gefühl, hier wird eine gezielte Entfremdung betrieben“, beklagt der Vater.

Aufgeben wollen die Eltern nicht. „Wir kämpfen um unsere Tochter“, betont die Mutter. „Aber wir fühlen uns machtlos. Das Jugendamt lässt uns keine Chance.“

Dem widerspricht das Amt. Es sei ein vorläufiger Entzug des Sorgerechts. Die Eltern haben nach wie vor die Möglichkeit sich zu bewähren. Sie müssten „die Kurve kriegen“, sich auch „bei unangekündigten Kontrollen behaupten“, dann hätten sie eine Chance. Aber das Jugendamt bleibt skeptisch.

Jugendamt bleibt bei seiner Wahrnehmung

Jeder habe das „Recht auf Verwahrlosung“, wählt das Amt deutliche Worte, „aber man darf dabei kein Kind gefährden“. Geschehe dies, müsse das Jugendamt handeln. Darüber entscheide kein Einzelner. Es sei immer ein Team. Mehrere Sozialarbeiter prüfen die Umstände, bemühen sich um Neutralität. Familienhilfe stehe an oberster Stelle. Das Kindeswohl sei ausschlaggebend.

Im konkreten Fall der Nordhäuser Familie wiederholt das Jugendamt seinen Eindruck: Die Eltern seien schon mit zwei Kindern „maßlos überfordert“ und „auf das dritte Kind nicht vorbereitet“. Bislang sei jede Besserung nur vorübergehend gewesen. Die Eltern würden stets sofort in alte Verhaltensmuster zurückfallen, sobald das Amt die Zügel locker lässt.

In der öffentlichen Wahrnehmung habe das Jugendamt immer schlechte Karten. Entweder werde es verurteilt, weil es Kinder zu früh aus auffälligen Familien nimmt. Oder es werde an den Pranger gestellt, weil es zu spät reagiert habe. „Wir machen es uns nicht leicht“, versichert der zuständige Mitarbeiter im Nordhäuser Landratsamt. „Das Kind in Obhut zu nehmen, ist immer eines der letzten Mittel.“