Kein normaler Morgen nach der Bombenentschärfung in Nordhausen

Nordhausen  Nach der Bombenentschärfung startet das Nordhausen fast wie immer in den Tag – auch dank vieler, die keine oder kaum eine Stunde schliefen.

In der Brecht-Schule ist normaler Schulbetrieb. Doch in vielen Klassen fehlt mehr als die Hälfte.

In der Brecht-Schule ist normaler Schulbetrieb. Doch in vielen Klassen fehlt mehr als die Hälfte.

Foto: Kristin Müller

In einem Fenster brennt Licht. „Der Schulleiter ist da.“ Karin Greiner, Lehrerin am Humboldt-Gymnasium, ist kurz nach sieben auf dem Weg zur Arbeit. Ob heute Unterricht sei? Sicher ist sie sich nicht. Nicht nach dieser Nacht, in der wegen einer Bombenentschärfung 15.000 Nordhäuser erst nach 3 Uhr in ihre Wohnungen zurückkehren konnten.

Die Käthe-Kollwitz-Schule und die Petersberg-Schule haben den Unterricht für diesen Tag schon am späten Mittwochabend abgesagt.

Humboldt-Schulleiter Ralf-Gerhard Köthe indes grüßt mit kräftigem Händedruck und sagt, es sei doch „die normalste Sache der Welt“, dass der Schulbetrieb wie üblich abläuft. Es gebe auch kein Recht darauf, dass Klassenarbeiten verschoben werden. „Aber es gibt natürlich den gesunden Menschenverstand.“

Köthe, ein Lehrer mit Leib und Seele, liegt gestern viel an Normalität. Zumal viele Eltern auch ihren beruflichen Pflichten nachkommen müssten, ihren Nachwuchs nicht allein zu Haus lassen wollen.

Mit Entschuldigungen wegen der kurzen Nacht, sagt Köthe eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn, rechne er nicht. Annekathrin Ernst im Sekretariat hat da schon mehr als ein Dutzend Namen auf der Entschuldigungsliste stehen – sonst seien es am Tag im Schnitt nur halb so viele. Am Mittag erklärt sie allerdings, es hätte kaum noch jemand um Entschuldigung gebeten.

Die Schulsekretärin ist seit 6.30 Uhr im Büro, nach nicht viel mehr als zwei Stunden Schlaf in der Nacht. „Irgendwann machen auch die Restaurants und Kneipen in der Stadt zu“, versteht sie den Anruf von Freunden gegen 1 in der Nacht, verbunden mit der Frage, ob sie Quartier bieten könne. So saß man gemeinsam bis 3 Uhr, sehnte die Nachricht von der erfolgreichen Entschärfung herbei.

So ging es vielen in der Stadt. Und viele mussten nicht nur warten, sondern auch mittun. René Krug ist am Morgen mit der Straßenkehrmaschine un- terwegs, erzählt vom Straßenbahndepot-Werkstattleiter René Wolfram, der nach normaler Schicht am Nachmittag noch ein bisschen helfen wollte, sich also in einen Bus setzte, um die Leute in die Sammelunterkünfte zu bringen. „Und dann kam er mir zu meinem Schichtbeginn heute morgen 4 Uhr entgegen.“

„Die Einsatzbereitschaft in so einem Krisenfall ist hoch“, lobt Verkehrsbetriebe-Chef Thorsten Schwarz. Acht Busse seien für die Evakuierung außerplanmäßig eingesetzt worden, fünf davon bis gegen 4 Uhr.

Zu jener späten Nachtstunde ist Chris Schröder, Pfleger im Caritas-Heim, gerade wieder daheim. Viel mehr als eine Stunde Schlafen aber ist auch für ihn nicht drin, denn 6 Uhr beginnt sein Frühdienst am Donnerstag. So wie schon am Vortag wird er sieben Stunden gefragt sein. „Ich bin geschafft. Aber ich weiß doch auch, dass jede Hand gebraucht wird“, sagt er. Es ist gegen neun, viele der Heimbewohner schlafen noch immer. „Es braucht sicher einige Tage, bis alle wieder in den normalen Rhythmus kommen.“

Wieder fällt es, das Wort „normal“.

Den „Küchenklatsch“ musste das Theater am Mittwochabend ausfallen lassen – „Frau Holle“ aber soll am Vormittag die Kinder entzücken. Beide Vorstellungen laufen – jedoch nur dank Improvisationskünsten. Weil der Strom wegen der Bombenentschärfung am Theater abgeschaltet wurde, lässt sich nun die PC-Technik des Inspizientenplatzes nicht mehr hochfahren. „Dabei ist das die Kommunikationszentrale für eine Vorstellung wie der Tower eines Flughafens“, erklärt Beleuchtungsmeister Christoph Kliefer. Inspizientin Kati Winter gibt also allen Mitwirkenden hinter der Bühne mittels Funkgerät die nötigen Signale, ruft mit Megafon die Künstler auf die Bühne. Axel Fürst (60) hat da schon seinen Platz am Bühnenrand eingenommen. Wie so viele Male schon ist das Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Nordhausen-Mitte mit einem Kollegen für den Brandsicherheitsdienst während der Vorstellung zuständig, im Ehrenamt. Er ist müde, aber er ist gern da. Obwohl er tags zuvor im Führungskräftewagen der Feuerwehr bei der Einsatzkoordinierung half, später Pflegeheimbewohner mit dem Mannschaftstransportwagen ins Krankenhaus fuhr, dann stundenlang wartete und sich obendrein auch noch Beschimpfungen von Leuten anhören musste, die kein Verständnis für die Evakuierung zeigten.

„Frau Holle“ wird bejubelt von Hunderten Kindern. „Je mehr der Bär tobt, umso cooler werden wir“, lobt der Theaterintendant Daniel Klajner sein Team und das vom Rudolstädter Theater.

Auch Schüler der Bertolt-Brecht-Schule planen gestern Vormittag einen Theaterbesuch. „Hoffentlich kommen noch ein paar mehr“, sagt Thoralf Götz. Englisch steht in der 3a normalerweise auf dem Stundenplan. Aber weil nur 5 von 17 am Morgen da sind, ändert der erfahrene Pädagoge seinen Plan. Dass alle Lehrer da sind, rechnet Schulleiterin Sabine Biebert ihren Kollegen hoch an.

In der Petersbergschule nebenan muss allein die Praxisklasse 8 zur dritten Stunde kommen – die lange geplante Lehrprobe einer Referendarin ließ sich nicht verschieben. Ansonsten aber bleibt die Schule gestern leer. Im Gegensatz zu den Gymnasien wohne das Gros der Schüler in jenem Innenstadtbereich, der evakuiert wurde, begründet Vize-Schulleiterin Cornelia Bieles die Entscheidung für den Unterrichtsausfall.

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