Kurort ohne Kurgäste: Neustadts langer Weg in die Zukunft

Neustadt  Die Vision vom Kurort Neustadt mit 1000 Kurgästen im Jahr hat sich nicht erfüllt. Die Zahlen für bei der Pneumokur liegen deutlich niedriger. Die Hoffnung ruht nun auf einem Kurmittelhaus.

Alicia Fickenscher aus Buenos Aires ist von der Neustädter Kur begeistert. Foto: Kristin Müller

Alicia Fickenscher aus Buenos Aires ist von der Neustädter Kur begeistert. Foto: Kristin Müller

Foto: Kristin Müller

Selbst aus Buenos Aires kam jüngst eine Patientin zur Kur nach Neustadt – und war nach drei Wochen begeistert: Denn endlich wurde herausgefunden, woher ihre Hustenanfälle und ihre Atemnot rührt, endlich stellte sich Besserung ein, endlich lernte sie, besser mit ihrer Krankheit umzugehen. Denn Massagen halfen der verkrampften, verhärteten Atemmuskulatur, Physiotherapeuten zeigten ihr zudem die richtigen Atemtechniken.

Alicia Fickenscher (72) kann Neustadt für eine Kur weiterempfehlen: „Es ist eine wunderschöne Gegend, jeden Tag war ich spazieren, die Luft hier ist wirklich frisch.“

Werbung dieser Art braucht Neustadt dringend. Denn von der Ende 2013 in den Raum gestellten Vision von 1000 Kurgästen im Jahr ist der Ort nach wie vor weit entfernt. „Den großen Schwung gibt es hier noch nicht“, muss Ortschaftsbürgermeister Dirk Erfurt (pl) konstatieren. Der Kurbetrieb laufe nach wie vor „auf kleiner Flamme“. Dr. André Haas hat die Zahlen dazu: Jährlich kämen etwa zehn bis 15 chronisch Lungenkranke mit verengten Atemwegen für seine dreiwöchige Pneumokur nach Neustadt.

Bad Salzungen als Vorbild

An der Qualität seines Angebots zweifelt er nicht – die Erfahrungen in Bad Salzungen geben ihm Recht: Dieser Kurort in Südwestthüringen setzt ebenfalls auf die Pneumokur, empfängt im Jahr etwa fünfmal so viele Patienten. „Das Produkt hat sich am Markt etabliert“, sagt Haas auch angesichts weiterer interessierter Kurorte.

In Bad Salzungen ziehe das Gradierwerk sehr, auch die „Solewelt“ sei ein Pluspunkt, benennt der Mediziner die Standortvorteile des Konkurrenten.

An 1000 Kurgäste im Jahr vermag der Neustädter Ortschef nicht mehr zu glauben: „In der Dimension wird das sicher nichts, vielleicht erreichen wir einmal die Hälfte.“

André Haas sieht das anders: „Das ist nach wie vor meine Vision.“ Aber Neustadt müsse dafür mehr machen. Wichtig sei eine „Qualitätsinfrastruktur“. Neustadt brauche ein Kurmittelhaus – einer physiotherapeutische Abteilung eines Krankenhauses fehle einfach das „Kurmondäne“. Auch sieht der Mediziner nach wie vor Defizite im touristischen Marketing: „Wir müssen touristische Angebote in Pakete schnüren, wir brauchen mehr gastronomische Angebote.“ Gerade im Hotelsektor sei einiges zu verbessern. Auch Dirk Erfurt hält neben „Neustädter Hof“, Haus „Hohnstein“ und „Ratskeller“ ein weiteres Hotel für denkbar: eines „auf größeren Füßen“, eines mit deutlicher „gesundheitstouristischer Ausrichtung“ wie beispielsweise das Bio-Seehotel in Zeulenroda. Gesundes Essen, Sport und Fitness würden dort im Vordergrund stehen.

Warten auf das Kurmittelhaus

Der Kurgast, betont Erfurt, habe seine Behandlungen meist vormittags bis in den frühen Nachmittag hinein. Aber auch für die Zeit danach müsse ihm etwas geboten werden. Aus seiner Sicht könnte beispielsweise das Vortragswesen in Neustadt optimiert und um medizinische Themen ergänzt werden. Auch sollten Tages- und Ausflugsprogramme angeboten werden. „Wir müssen den Gast konsequent durch die Kur begleiten“, gibt Erfurt als Maxime aus – wohl wissend, dass hierfür zurzeit die personellen Kapazitäten fehlen.

Für das Kurmittelhaus hatte Neustadts Ortschef vor einem Jahr noch den Spatenstich für dieses Jahr erhofft. Das sei allerdings „nicht leistbar“, sagt Stephan Klante, Bürgermeister jener Landgemeinde Harztor, zu der Neustadt seit Mitte 2018 gehört. Auf 2020 sei das Projekt verschoben. Nach wie vor bestehe die Förderzusage über 65 Prozent.

Dirk Erfurt indes erinnert daran, dass die Förderquote 75 Prozent hätte betragen können. „Aber das Projekt wurde von Priorität 1 zurückgestuft, weil wir in der Entscheidungsfindung zu zögerlich waren.“ Die Gemeinde Harztor muss bereit sein, die Eigenmittel zu schultern. Laut Klante sei mit rund 4,6 Millionen Euro Gesamtkosten für den Neubau im Kurpark links des Neuen Schlosses zu rechnen. Platz finden sollen darin ein Bewegungsbecken sowie Anwendungstherapieräume.

Die Bauvoranfrage wurde jüngst im Landratsamt abgegeben. Gibt es von dort grünes Licht, sollen die Planungen in Auftrag gegeben werden. Konkrete Zahlen braucht es nicht zuletzt, um einen potenziellen privaten Betreiber zu überzeugen. Mit zwei Interessenten führe er schon Gespräche, so Klante – auch in der Hoffnung, dass dieser zumindest einen Teil des Eigenanteils übernimmt.

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