Leserbrief: Gedanken zur Neuauflage des Buches "Die Graupenstraße"

Mit Zustimmung und Anteilnahme las ich den Beitrag am Dienstag "Wie ein Nordhäuser Buchenwald und Waldheim überlebte". Ich erinnere mich gern an das Jahr 1992, als uns auf Anregung von Dr. Schröter Frau Ursula Rathsfeld im Nordhäuser Stadtarchiv ihr und ihres verstorbenen Mannes Manuskript übergab,

Mit Zustimmung und Anteilnahme las ich den Beitrag am Dienstag "Wie ein Nordhäuser Buchenwald und Waldheim überlebte". Ich erinnere mich gern an das Jahr 1992, als uns auf Anregung von Dr. Schröter Frau Ursula Rathsfeld im Nordhäuser Stadtarchiv ihr und ihres verstorbenen Mannes Manuskript übergab, über das wir sofort urteilten, dass es einem großen Leserkreis zugänglich gemacht werden sollte. Das Buch erschien noch 1992 mit finanzieller Unterstützung der Thüringer Staatskanzlei. Wir sind auch danach mit Frau Rathsfeld noch in brieflichem Kontakt geblieben.

Ein Satz im Beitrag von Herrn Herlyn veranlasste mich zum Nachdenken. Er berührt ein Kernproblem des Buches, die Frage nach Schuld und Unschuld. Werner Rathsfeld wurde sehr spät schwarz auf weiß mitgeteilt, was man ihm vorwarf. Herlyn schreibt: "Er, der Geschäftsführer und Teilhaber der Maschinenfabrik Julius Fischer, die Tapetendruckmaschinen herstellte, habe in den Kriegsjahren Teile von Waffen gefertigt." Schluss, aus. Gerade bei dieser zentralen Frage hätte ich genauere Angaben erwartet und nicht eine so vage, zumal im Konjunktiv gehaltene Aussage, denn es kann bei dieser Formulierung durchaus ein falscher Eindruck entstehen.

Ich gehöre nicht zu den Böswilligen, die hier eine Lesermanipulation unterstellen. Ich kenne weder den genauen Wortlaut der Anklageschrift noch andere Dokumente und stütze mich nur auf das, was im Buch steht. Bei der Verhaftung und in den folgenden Wochen spielte die Anklage, dass im Betrieb Zwangsarbeiter beschäftigt und eventuell misshandelt wurden, eine Rolle. Werner Rathsfeld, der die Beschäftigung von Zwangsarbeitern niemals in Frage gestellt hat, kann die Misshandlung für sich glaubhaft widerlegen; bei seinem Vetter Willi bleibt ein gewisser Zweifel bestehen.

Die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora besitzt zwei Zuweisungsbelege von Zwangsarbeitern (Januar 1942, 10 Rumänen, Fa. Julius Fischer; ab Dezember 1944 28 sog. Ostarbeiter Fa. C. Rathsfeld). Ferner schreibt Werner Rathsfeld ganz konkret, nicht etwa im Konjunktiv, dass die Firma in den Kriegsjahren Teile für Flak-Geschütze hergestellt hat. All das rechtfertigt nicht, was der Familie Rathsfeld angetan worden ist, sollte aber meines Erachtens in einem thüringenweit erscheinenden Beitrag nicht ausgelassen werden.

Dr. Peter Kuhlbrodt,
ehemals Nordhäuser Stadtarchivar

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