Leserbrief: Über das Denkmal Altendorf 30

Nordhausen. Die Mitteilung der Stadt Nordhausen über das Gespräch der vier Mitglieder des Denkmalbeirates der Stadt mit dem Oberbürgermeister Dr. Klaus Zeh (CDU) und der Dezernentin über das Denkmal Altendorf 30 war sehr allgemein gehalten, hier für die Leser Konkreteres, schreibt Heidelore Kneffel.

Der Torbogen, der auf den ehemaligen Hof des Grundstückes Altendorf 30 führt, trägt im oberen Teil eine verblasste Inschrift, die aber noch zu entziffern ist: Julius Goldschmidt. Es liegt nahe, in dem Buch von Dr. Manfred Schröter "Die Schicksale der Nordhäuser Juden 1933 bis 1945", zweite Auflage, nachzulesen, um herauszufinden, um welche jüdische Familie in Nordhausen es sich dabei handelt. Man erfährt einiges über zwei Söhne, Kurt G., geb. 1898, und Erich G, geb. 1901. Im Einwohnerbuch von 1930 stehen als Bewohner von Altendorf 30 ein Gärtner, ein Veterinärrat und praktischer Tierarzt, ein Arbeiter, ein Schuhmacher, ein Tabakspinner verzeichnet und eine Witwe Friederike Goldschmidt und ein Kaufmann Erich Goldschmidt. Außerdem wird in Klammern auf die Firma Julius Goldschmidt hingewiesen mit einer Rohproduktenhandlung. Die Inhaberin dieser Firma ist die genannte Witwe. Eine kleine Anzeige im Buch gibt kund, dass dort mit Schrott, Metallen und Roherzeugnissen gehandelt wird. Das Haus beherbergte also Bürger unterschiedlichster Berufe. Meines Wissens gibt es im Stadtbild Nordhausens fast keine originalen Zeugnisse auf Behausungen jüdischer Bürger. Der Torbogen mit seiner Inschrift ist ein solches Denkmal!

An dem Haus aus der Gründerzeit mit seiner für Nordhausen außergewöhnlichen architektonischen Gestalt, die an einen Palazzi der Renaissance in Italien erinnert und etwas Süden in die Stadt inmitten Deutschlands bringt, hängt, da es als Denkmal ausgewiesen ist, eine Tafel der Denkmalbehörde der Stadt mit folgendem Inhalt: "Das Gebäude gehörte zum relativ großen Komplex der damaligen Branntweinfabrik von Friedrich Schulze. Später übernehmen Albert Meinicke und Paul Brehmer diesen Betrieb. Ab 1910/11 betreibt Richard Knorr hier eine Dampf-Kornbrennerei, um 1925 ist in den Gebäuden eine Kautabakfabrik von Paul Schmidt etabliert. Bis in die dreißiger Jahre unterhält die Familie Goldschmidt hier eine Rohprodukten-Handlung." Was für ein Sittengemälde Nordhausens zeichnet sich hier ab! Über die Architektur des Wohnhauses erfährt man: " ...ist ein zweiflügeliger spätklassizistischer Putzbau mit anderthalb Geschossen, einem pavillonartigen Eckbau als Blickfang, der um ein Vollgeschoss turmartig erhöht ist. An der Fassade sind Elemente der italienischen Renaissancearchitektur - Bandrustika, rundbogige Fenster mit Steinschnitt-Imitaten an den Archivolten - zu erkennen."

Julius Goldschmidt, dessen Namen verblichen auf dem Torbogen steht, lebte von 1870-1929. Die Firma wurde dann von seiner Frau Friederike, geb. Koch, also einer Arierin, wie es dann zur Nazizeit hieß, geleitet. Diese beiden hatten drei Kinder, eine Tochter und zwei Söhne. Die Schicksale von Kurt und Erich Goldschmidt spiegeln exemplarisch die Judenverfolgung in Nazideutschland wider. Einiges erfährt man aus dem Buch "Juden in Thüringen 1933-1945, Biographische Daten, Bd. 1, 2000". Von Ende 1935 bis Anfang 1936 waren die Brüder in Untersuchungshaft im Gerichtsgefängnis von Nordhausen. Reinhard Gündel wies darauf hin, dass am 14. 3. 1936 in der "Allgemeinen Zeitung" in Nordhausen unter der Überschrift: "Große Strafkammer Nordhausen - Wegen Rassenschande verurteilt - 6 und 9 Monate Gefängnis" über das Verfahren gegen die beiden Männer Goldschmidt berichtet wurde. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie arische Freundinnen haben, die sie heiraten wollen.

Das sei nach den Nürnberger Rassengesetzen strafbar. Es hilft den Brüdern nichts, dass sie darlegen, dass sie christlich erzogen worden seien. Sie werden verurteilt und müssen die Haftstrafen antreten. Vom 14.6.1938 bis 20.3.1939 sind sie im KZ Buchenwald. Am 13.6.1939 emigrieren beide nach Shanghai. Bis 1941 flohen rund 18.000 Juden aus Mitteleuropa dorthin, um dem Terror der Nationalsozialisten zu entkommen. Das jüdische Exil in Shanghai wurde in der Nachkriegszeit lange vergessen oder verschwiegen, galt doch Shanghai als eine ""Emigration am Rande", als "Exil der kleinen Leute". Die Lebensbedingungen waren sehr schwierig. Kurt Goldschmidt heiratete in Shanghai die Königsbergerin Jenny Michelson, die mit den Geschwistern im Sommer 1947 nach Nordhausen ins Altendorf 30 zurückkehrte. Ihr Mann starb am 29.8.1954, der Bruder Erich war schon am 15.5.1950 verstorben. Die Strapazen der Verfolgung und Emigration hatten ihre Spuren hinterlassen.

Heidelore Kneffel,
Mitglied des Denkmalbeirates der Stadt

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