Mühsames Graben durch den Nordhäuser Weltkriegsschutt

Nordhausen  Auf dem Gelände hinter dem Nordhäuser Theater sind derzeit Archäologen des Landesamtes am Werk. Die Funde sind teils kurios.

Archäologe Andreas Egold kniet vor den Resten einer Grundmauer, die zu einem Wohnhaus aus dem 17. oder 18. Jahrhundert gehörte.

Archäologe Andreas Egold kniet vor den Resten einer Grundmauer, die zu einem Wohnhaus aus dem 17. oder 18. Jahrhundert gehörte.

Foto: D. Hotzan

Der ganz große Fund ist bisher ausgeblieben. „Ich persönlich habe mir hier mehr erhofft“, gibt sich Christian Tannhäuser zerknirscht. Der Archäologe vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie mit Sitz in Weimar ist dieser Tage zu Besuch auf der Baustelle hinter dem Nordhäuser Theater. Hier soll ein mehrgeschossiger Anbau für die Spielstätte entstehen. Doch bevor mit den Bauarbeiten begonnen wird, gehört das Gelände den Archäologen des Landesamtes.

Seit Oktober sind drei Mitarbeiter sowie ein Baggerfahrer vom Baggerbetrieb Burkhardt auf der Fläche zu Gange und graben sich durch die Erdschichten, immer mit der Hoffnung, etwas Spannendes zu finden. Die Voraussetzungen dafür stehen Christian Tannhäuser zufolge eigentlich nicht schlecht: „Wir befinden uns hier auf der Rückseite der mittelalterlichen Stadtmauer und hoffen, Reste aus dieser Zeit zu finden.“ Aber bisher seien diese Erwartungen nicht erfüllt worden. So haben die Archäologen bisher nur Funde aus moderneren Epochen zutage gefördert.

Christian Tannhäuser führt in den hinteren Teil der Baustelle. Am Rande der Kuhle sind mehrere Ziegelsteine zu sehen. Für den Experten steht fest, dass an dieser Stelle einst ein Gebäude stand, „das 1945 zerstört wurde und von dem nur noch das Erdgeschoss übrig blieb.“ Rätsel gibt allerdings eine Vertiefung in der Mitte der Grabungsstelle auf, die nicht eindeutig zugeordnet werden kann. „Vermutlich gehörte zu dem Haus ein Keller. Aber dafür haben wir noch keine Anhaltspunkte gefunden“, sagt er.

Ein paar Meter weiter hat ebenfalls einst ein Wohnhaus gestanden. Davon zeugt eine gut erhaltene Grundmauer. „Ich schätze 17. oder 18. Jahrhundert“, meint der Archäologe. In seiner Nähe ist ein Kollege von ihm dabei, etwas im Boden freizulegen. Hin und wieder legt er Keramikscherben an den Rand der Grabungsstelle. Ein Lächeln huscht über Christian Tannhäusers Gesicht. „Das ist ein Ofenbefund. Sprich: Hier stand mal ein Backofen, der zu einem Haus oder einem Ladenlokal gehörte“, erklärt er. Das sei vor allem im 16. oder 17. Jahrhundert typisch gewesen.

Jede dieser Ausgrabungen wird sorgfältig dokumentiert. Kleinere Funde – wie etwa die Keramikscherben –, werden entnommen und dem Landesarchiv zugeführt. Im Dezember sollen die Arbeiten, für deren Kosten die Stadt als Bauherr aufkommt, laut Christian Tannhäuser beendet sein – falls nichts mehr dazwischen kommt. Denn hin und wieder komme es vor, dass die Arbeit der Archäologen durch Munitionsfunde unterbrochen werde müsse. So wie erst am Mittwoch geschehen. Dort war Baggerfahrer Colin Fanghänel am Nachmittag auf Ziegelsteine gestoßen. „Dort blitzte etwas Metallenes hervor“, erinnert sich Archäologe Andreas Egold. Ein Mitarbeiter von Tauber Delaborierung, welche die Arbeiten begleiten, warf einen Blick auf den Fund. Schnell wurde klar: Es ist eine Bombe. Die Archäologen wurden evakuiert – genauso wie 15.000 Nordhäuser. Erst nach der Entschärfung am Donnerstagmorgen konnten die Archäologen zurück auf die Baustelle. So etwas komme vor, meint Christian Tannhäuser. Es sei eben eine komplizierte Stelle, an der hier gegraben werde. Die Stadt sei durch die Bombardierung 1945 zerstört worden. „Wir müssen uns durch Weltkriegsschutt durchgraben“, verdeutlicht er. 2020 werde dann an anderer Stelle gegraben.

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