Mut triumphiert über Angst: Die Friedliche Revolution in Nordhausen

Heute vor 30 Jahren fällt in Berlin die Mauer. Zwei Tage zuvor demonstrieren in Nordhausen rund 40.000 Menschen auf dem August-Bebel-Platz. Doch die Wende beginnt viel früher in den Kirchen. Protagonisten von damals blicken zurück auf den emotionalsten Herbst ihres Lebens.  

Der Runde Tisch tagte 1989/90 mit Moderator Joachim Jaeger, damals Propst in Nordhausen.

Der Runde Tisch tagte 1989/90 mit Moderator Joachim Jaeger, damals Propst in Nordhausen.

Foto: Karl-Heinz Bleß

Mut zu Verantwortung

1 Peter Kube, 1989 Pfarrer der Altendorfer Kirche, erinnert an die Geschehnisse dort:

Habe Mut, Verantwortung zu übernehmen: Diese Botschaft ging im Herbst 1989 von der Altendorfer Kirche aus. Ja, und manchmal brauchte es neben Mut auch ein bisschen Übermut.

Als Pfarrer war ich hier seit 1987 in der Kirchgemeinde tätig, ich folgte Joachim Jaeger nach, der Propst wurde. Natürlich gab es – einer langen Tradition folgend – auch zögerliche, zurückhaltende Gemeindemitglieder, für die „fromm“ und „unpolitisch sein“ zusammen gehörten. Andere aber suchten immer neue Wege, wie christliche Selbstverständlichkeiten in der Gesellschaft zur Sprache kommen könnten: Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung – diesen Themen gegenüber zeigte sich speziell die Altendorfer Gemeinde seit Langem offen.

Einige waren in der Friedens- und Umweltbewegung aktiv. Gisela Hartmann zum Beispiel initiierte seit 1984 die überregional beachteten kirchlichen Umweltseminare. Ich war sehr bald verantwortlich für die Koordination der Friedensdekade in Nordhausen. Auch die Beratung zum Wehrdienst, zum Dienst als sogenannter Bausoldat oder sogar zur Totalverweigerung gab es. Unsere Vision war der soziale Friedensdienst.

Die Altendorfer Kirche bot einen Raum, um über Themen, die auf dem Markt nicht verhandelbar waren, zu sprechen: Ausreise in die BRD (was ich verstehen, aber selten wirklich gut finden konnte), Wehrkundeunterricht, offenes freies Reden mit Respekt und ohne Repressionsangst, Entfeindung in Wort und Tat. Im „Schutzraum“ der Kirche konnten aktuelle politische Herausforderungen diskutiert werden. Vielen war eine kritische Mitwirkung im Land wichtig. Ob es machbar wäre, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz , der niemanden einmauert, zu gestalten?

Wir machten den Wahlbetrug im Mai 1989 öffentlich. Im Herbst 1987 sollten die Bürgerrechtler Stephan Krawczyk und Freya Klier in unsere Gemeinde kommen, was auf vielen Ebenen verhindert wurde.

Am 11. September 1989 wurden die Nordhäuserin Katrin Hattenhauer und andere in Leipzig verhaftet. Es war der letzte Funke, der den Protest auch in Nordhausen aufleuchten ließ. Die Verhaftungen waren ein entscheidender Anlass für unsere erste Fürbittandacht am 20. September. Am Altar lehnte eine Tür. Darauf klebte eine Tapetenrolle mit den Namen der Verhafteten. Wir hatten gute Verbindungen nach Leipzig. Es waren an jenem Tag nur ein paar Dutzend Menschen in der Kirche, aber diese „Fürbittandacht für Land und Leute“ sprach sich blitzschnell in der Stadt herum.

Schon am 4. Oktober waren es 500 bis 700 Teilnehmer. Besinnung, Informationen über die aktuelle Lage im Land, das jetzt nötige Handeln, das freie Wort für sich befreiende Menschen und das Gebet als Fürbitte: Das war der Dreiklang der Andachten.

Meine Aufgabe sah ich vor allem in der Ermutigung zum Engagement. Ja, die Leute begannen, sich gegenseitig Mut zu machen. Eine unparteiische Zeitung, die Zulassung des Neuen Forums, die Abschaffung der Kampfgruppen und des Wehrkundeunterrichts, freie Wahlen und den Abbau der Staatssicherheit: Das waren die Forderungen, die in der Altendorfer Kirche Mitte Oktober offen artikuliert werden. Und auch über friedliche Demonstrationen wurde gesprochen. Ich war dafür, aber wann sollte es beginnen?

Als am 24. Oktober vor und in der völlig überfüllten Kirche überlegt wurde, ob man nun zu einem demonstrativen Weg aufrufen sollte, war die Angst vor staatlichen Provokationen und Übergriffen berechtigt. Andererseits war auch andernorts durch Demos nicht die Gesprächsbereitschaft der anderen Seite zerstört. Deren Taktik war erkennbar. Keine Leipziger Verhältnisse in „ihrer“ Provinz. Doch viele Engagierte drängten, noch mehr waren klopfenden Herzens bereit. Manche aus dem späteren Sprecherkreis, solche um Rüthers oder Hartmanns. Gisela hatte immer einen Beutel Kerzen dabei: Wo allzu viel Entladung drohte, drückte sie demjenigen eine Kerze in die Hand. Es war sehr wichtig, die Friedfertigkeit unseres Handelns zu betonen und zu zeigen, dass wir uns nicht provozieren und zu Aggressionen hinreißen lassen. Auch nicht an jenem 24. Oktober, als zwei Männer in der Kirche schrien: „Los, raus! Schlagt sie!“ Es waren von der Stasi eingeschleuste Leute.

Viele Christen und mit ihnen Verbundene sorgten, so glaube ich, im großen Umfeld der Kirchengemeinden für die spirituelle, gewaltfreie Durchdringung der entscheidenden Phase dieser friedlichen Revolution. Wer daraus für heute eine „Wende 2.0.“ apostrophiert, hat von Demagogen viel, aus der Geschichte aber nichts gelernt.

Opposition findet sich

2 Hans-Joachim Tischer gehörte zu den Mitbegründern des Neuen Forums in der Frauenbergkirche:

„Die Menschen haben die Inquisition überstanden, ebenso Hitler und das Dritte Reich. Immer gab es Mutige: Wir werden auch diese Zeit verändern und überstehen.“ Diesen Ausspruch ruft Jutta Wehmann in eine totenstille Altendorfer Kirche. Es ist Anfang Oktober, wieder sind wir zur Fürbittandacht zusammengekommen.

An diesem Abend werde ich wie 13 andere einen Aufruf zur Gründung des Neuen Forums in Nordhausen unterschreiben. Auch meine Frau Gudrun, Jutta Wehmann, Gisela Hartmann, Dagmar Jendricke, Dietlinde und Rudolf Rüther, Friedrich Kray, Peter Kube und Klaus Gebhardt gehören dazu.

Natürlich hatten wir Angst. Als Lehrer wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich meinen Dienst bald quittieren könne, wenn ich weiter bei den Oppositionellen tätig bin. Ich war schon als Jugendlicher ein Gegner des Staates, konnte die Hochschulreife so erst während einer Lehre erlangen. Ich versuchte immer, etwas gegen diesen Staat zu machen, aus dem mein Bruder 1955 schon illegal ausgereist war.

In der Gemeinde der Frauenbergkirche fanden meine Frau und ich einen Ort, in dem sehr offen diskutiert, die Unterdrückung Andersdenkender offen angesprochen werden konnte. Seit 1983 pflegten wir eine von Pfarrer Rüther initiierte Partnerschaft mit der holländischen Pfarrgemeinde Pniel Kerk aus Utrecht.

Dass jemand von der Stasi immer dabei war, wussten wir. In einem Bauwagen auf dem Parkplatz vor der Kirche saßen die Herren. Wie ich später erfuhr, standen meine Frau und ich auch auf einer Internierungsliste der Stasi.

Das Neue Forum zu gründen, war eine illegale, staatsfeindliche Handlung. Trotzdem: Bei der Gründungsveranstaltung am 22. Oktober in der Frauenbergkirche waren mehr als 500 Menschen gekommen. Da fühlte ich mich auch etwas euphorisch. Denn es lag in der Luft: Wir werden etwas schaffen. Dabei war die Situation nicht ungefährlich. Eine ganze Hundertschaft der Staatsmacht war mit Autos in der Sangerhäuser Straße aufgereiht. Ob sie bewaffnet waren, sahen wir nicht. Dass sie nicht eingreifen würden, war nicht klar. Als wir nach der Gründung des Neuen Forums hinausgingen, haben meine Frau und Jutta Wehmann manchen Leuten Steine aus der Hand genommen und Kerzen in diese gegeben.

Noch am selben Abend bildeten wir eine Sprechergruppe des Neuen Forums. Wir wollten bewusst keine Partei, sondern eine Plattform für all jene sein, die die DDR verändern wollten. Unser Ziel war nicht die Einheit Deutschlands. Es ging uns um Reise-, Presse- und Meinungsfreiheit. Wir wollten die Kampfgruppen aufgelöst, den Wehrkundeunterricht abgeschafft, die Stasi abgebaut sehen.

Das Neue Forum initiierte die Demonstrationen auf dem August-Bebel-Platz, es war bei den Podien ab 9. November in der Halle der Freundschaft dabei, ebenso bei den ab Dezember stattfindenden Runden Tischen.

Wir hatten zunächst starken Zulauf, viele sind zu uns gekommen. Aber viele sind auch wieder gegangen, in Parteien. So saß ich letztlich mit Holger Wengler ziemlich allein da. Und auch die Mehrheit der Menschen wählten schon im März die Parteien CDU und SPD – Bündnis 90 mit dem Neuen Forum kam im Kreis auf gerade einmal 1,6 Prozent.

Geld hat sehr schnell regiert.

Auf die Straße

3 Matthias Jendricke ging bei der ersten Demo vom Altendorf zum Rathaus mit voran:

Mein Protestbanner für die erste Demonstration in Nordhausen hat meine Mutter jetzt tatsächlich noch in ihrem Keller gefunden. Etwas Nesselstoff aus der damaligen Polsterwerkstatt meines Vaters, mit Reißzwecken an zwei Besenstielen befestigt: So baute ich mir das selbst. Den Schriftzug musste ich zweimal draufschreiben, damit er auch gut zu sehen war.

Ich hatte das Banner eigentlich schon vor dem 17. Oktober gemacht, aber beim Fürbittgottesdienst an diesem Tag in der Altendorfer Kirche trauten sich die Nordhäuser noch nicht auf die Straße. Mir ging das hier damals alles viel zu langsam: Sich in die Kirche zu setzen und zu denken, mit Friedensgebeten die Welt verändern zu können, das reichte mir damals zu dieser Zeit im Oktober nicht mehr. In Leipzig gingen die Leute doch schon seit Anfang September auf die Straße, nachdem einige Bürgerrechtler – darunter auch die Nordhäuserin Katrin Hattenhauer – verhaftet worden waren. Auch ich war dort jede Woche seit Anfang September dabei, meist gegen den Willen meiner Eltern. Sie sorgten sich sehr um mich, man wusste ja tatsächlich nicht, ob man lebend nach Hause kommt, welche Blessuren man davon trägt.

Meine Risikobereitschaft war vermutlich größer, auch wegen meines jugendlichen Alters. Ich war 17, hatte für niemanden Verantwortung zu tragen. Aber mir war klar, dass ich in dieser DDR nicht leben konnte. Meine Schulzeit war manchmal auch eine Zeit mit Tränen. Als Kind eines selbstständigen Handwerkers, der auch noch Gemeindekirchenratsvorsitzender in der Frauenbergkirche ist, hatte ich es nicht immer leicht. Erst recht nicht, als ich mich gegen den dreijährigen Wehrdienst aussprach.

Montag für Montag stand ich also in Leipzig der Polizei gegenüber, erlebte mit, wie sie uns auseinandertrieb. Und endlich, am 24. Oktober, gab es auch hier die erste Demo. Nicht alle der etwa 2500 Menschen an diesem Abend passten in die Altendorfer Kirche. Nach dem Fürbittgottesdienst rief Dietlinde Rüther zur Demo auf. Ich entrollte mein Banner, Matthias Türp und ein anderer führten damit den Zug von etwa 2000 Leuten durch die Altstadt an. An der damaligen Polizei am Pferdemarkt vorbei ging es zum Rathausplatz: Das Neue Rathaus war damals Sitz vom Rat des Kreises.

An den Kreuzungen hielten wir immer wieder an, sangen Lieder, es wurden kurze Ansprachen gehalten. Schon damals erklang „Wir sind das Volk!“. Wir versuchten, alle dicht beieinander zu bleiben, um den zivilen Kräften der Stasi keine Chance zu geben, dazwischenzugehen. Auch gab es eine Grundregel, die ich schon aus Leipzig kannte: Sollte es doch zu Verhaftungen kommen, sollte man laut seinen Namen rufen, damit die anderen bescheid wissen. Denn war man weg, wurde einem kein Anwalt zur Seite gestellt. Und die Angehörigen hat man für dumm verkauft, stellten sie Fragen.

Viele hatten Angst an jenem 24. Oktober. Ich spürte dieses Gefühl nicht, erlebte eher Befriedigung darüber, dass auch wir endlich den Mut hatten rauszugehen. Endlich waren wir auf Augenhöhe mit den Leipzigern. Nordhausen war an jenem Tag längst keine Ausnahme mehr – in allen größeren Städten gab es Demos, das Westfernsehen berichtete darüber.

Warum ich auf mein Banner „Pluralismus“ schrieb? Nun, wir hatten versucht, moderate Begriffe zu finden. Meinungsfreiheit klang damals wie eine Kampfansage. Wir wollten unsere Friedlichkeit und eine wohlwollende Veränderungsbereitschaft in den Raum stellen. Und Pluralismus heißt zu akzeptieren, dass es nicht nur die Parteimeinung gibt, dass es vielmehr offene Diskussionsräume braucht.

Es ist eine gute Formulierung, wenn Manfred Schröter einschätzte, dass an diesem 24. Oktober die Nordhäuser Entscheidung um die Macht zwischen den Waffenträgern beziehungsweise den Befehlshabern und den Kerzenträgern in den Kirchen und auf der Straße fiel.

Friedenssymbole

4 Ilona Glashagel denkt an die Kerzen vorm Wehrkreiskommando zurück:

War die Rede vom Wehrkreiskommando, wurde es den meisten mulmig zumute: Hier wurden die jungen Männer kurz vor Ende ihrer Schulzeit gemustert. Das hieß auch für meinen Sohn Mario, dass er sich zu drei Jahren Wehrdienst bei der NVA verpflichten musste, um danach überhaupt studieren zu dürfen. Sein Wehrdienst wurde nur gekürzt, weil er einen Tag vor Dienstantritt einen Motorradunfall und sich dabei den Arm ausgekugelt hatte.

Der Dienst bei der NVA war bei vielen verhasst, manche Kaserne ob der Schikanen durch Vorgesetzte schon bei den Schülern gefürchtet. Aber man wurde zu diesem Dienst gezwungen – auch in den Wehrkreiskommandos geschah Unrecht.

Im Herbst 1989 war das Haus am Taschenberg eine der Stationen bei den Dienstags-Demonstrationen: Wenn ich mich recht erinnere, nicht gleich bei der ersten am 24. Oktober, aber schon eine Woche später. Hier stellten wir Kerzen auf die Stufen, die zum Eingang führten. Kerzen strahlen Ruhe aus, sind Symbol für Frieden und Friedlichkeit. Damit wollten wir uns vom Militarismus der DDR distanzieren.

Am Eingang sahen wir einmal einen Mann, der der Pförtner gewesen sein könnte. Er beschwerte sich, dass die abgestellten Kerzen die Stufen verunreinigen würden. Ansonsten ließ sich niemand aus dem Haus blicken. Aber bestimmt waren die Mitarbeiter an den Dienstagen in Alarmbereitschaft.

Wir hatten im Wendeherbst unendlich viel Glück – hätte nur einer den Schießbefehl gegeben, hätte es in der gesamten Republik gerumst.

Ich hatte viel Angst, vor allem bei der ersten Demo von der Altendorfer Kirche zum Rat des Kreises im Rathaus. Wir waren ja nicht wirklich viele Leute. Ich hatte auch nie den Mut gehabt, etwas zu sagen – aber ich hoffte, ein kleines Körnchen im Getriebe des DDR-Staats sein zu können. Denn dieser Staat hatte mich enttäuscht, er hatte mir viele Sorgen gebracht: Mein Sohn Mario war im Juli 1989 in den Westen gegangen, sein Fehlen schmerzte danach sehr. Als das System anfing zu wackeln, sah ich endlich die Chance, etwas zu tun: Im Krankenhaus druckten wir Flugblätter für die Demos, wir gingen in die Altendorfer Kirche zu den Fürbittgottesdiensten, trugen schließlich auch Kerzen vors Wehrkreiskommando.

Massenprotest

5 Gisela Hartmannerinnert an die erste Demonstration auf dem August-Bebel-Platz am 31. Oktober:

Mit einem Mal wurde das Ereignis der politischen Wende sichtbar: Dieser Abend des 31. Oktober auf dem August-Bebel-Platz war wie ein Befreiungsschlag, die Menschen drückten mit einer unglaublichen Intensität ins politische Geschehen. Der Freiheitswille wurde größer als all die Angst vor Stasi und Staatsgewalt in der DDR.

Dem 31. Oktober vorausgegangen war unsere illegale Demo am 24. Oktober von der Altendorfer Kirche aus. Entschlossene Menschen, die ihren Freiheitswillen mit unzähligen Kerzen zum Ausdruck bringen wollten, gingen auf die Straße, verließen den Schutzraum Kirche.

Danach wollten wir mit der Demo auf den Bebelplatz. Es folgte eine Nacht zäher Verhandlungen im Ratskeller mit Vertretern der Stadt, des Rates des Kreises, der Kirche und Vertretern des Sprecherrates vom Neuen Forum.

Am Ende stand das für uns unakzeptable Angebot, die Nutzung der öffentlichen Räume wie Kino und Theater für einen öffentlichen Dialog.

Es kam, was kommen musste. Tief in der Nacht weckte mich ein Anruf: „Ihr habt das Volk verraten.“ Da ich als Moderatorin für den Bürgerdialog gewählt wurde, war das die Aufforderung für mich, am nächsten Morgen zur SEDKreisleitung zu starten.

Ich trug unsere Forderung vor, Technik für die öffentliche Demo am Abend auf dem Bebelplatz zu installieren. Nur war davon um 18 Uhr auf dem Bebelplatz keine Spur.

Kurze Beratung vor Ort, es durfte nicht eskalieren. Unsere Forderung stand: Demo auf dem Bebelplatz mit Podium und Technik . Es blieb der Kreisleitung eine knappe Stunde Zeit, den Auftrag auszuführen.

Unterdessen führte unser Demonstrationszug über Töpferstraße, Rautenstraße, Sangerhäuser Straße und Taschenberg zurück zum Bebelplatz.

Würde die SED-Kreisleitung unserer Forderung folgen? Offensichtlich hatten alle den Ernst der Lage verstanden. Podium und Technik standen.

Neben mir stand J. Franz, ein staatlicher Vertreter, als Moderator. Udo Mann und Klaus Hummitzsch für die Partei und den Rat des Kreises stellten sich der Menge mit einer schlechten Technik, die im Nieselregen kleine Schläge an uns alle Vier verteilte. Es gab Redebeiträge, konkrete Forderungen und immer wieder wie aus einem Mund „Wir wollen raus, Pressefreiheit, Stasi in die Produktion, wir sind das Volk.“

Die Menge war aufgeladen und trotzdem sehr diszipliniert. Als ich nach etwa zwei Stunden fragte, ob man langsam zum Schluss kommen wollte, schrie die Menge: „Wir sind das Volk!“ Ich versprach, bis zur letzten Minute zu bleiben.

Es war ein Verdienst der unzähligen Menschen, die nach Veränderung drängten – auch in Nordhausen –, der Symbolkraft der Kerzen, der übervollen Kirchen im ganzen Land, nicht zuletzt der klugen Politik Michael Gorbatschows, dass heute nach 30 Jahren alle Welt immer noch vom Wunder der Friedlichen Revolution 1989 spricht.Die Gefahr der Eskalation war groß, auch in Nordhausen gab es aggressive Kräfte.

Die „Dienstags-Demos“ waren im gesamten November jede Woche auf dem Bebelplatz: am 7. November mit 40.000 Teilnehmern, schon eine Woche später kamen deutlich weniger, die Angaben schwankten zwischen 7500 und 20.000. Inzwischen war die Mauer gefallen.

Hitzige Debatten

6 Peter Heiter denkt an die Podiumsdebatten in der Halle der Freundschaft auf dem Petersberg zurück:

Auch im Wendeherbst war ich Bürgermeister der Stadt – bei den Podien in der Halle der Freundschaft saß ich trotzdem gern unter den Nordhäusern, nicht vorn an den Mikrofonen.

Fast immer war ich dabei, von November bis zum 3. Januar 1990 gab es in der Halle der Freundschaft fast aller ein bis zwei Wochen so eine Diskussion. Nur bei der ersten am 9. November war ich nicht da, wegen einer zwei Wochen vorher angetretenen, lange geplanten Mittelmeer-Schiffsreise. Als mich meine Tochter am 10. November anrief und meinte, ich müsse schnell nach Hause kommen, wurde mir klar, dass ich die Lage vollkommen unterschätzt hatte.

Ich war überrascht, wie schnell der Protest wuchs, ziehe den Hut vor jenen, die den Mut hatten, die ersten Schritte in die Öffentlichkeit zu gehen, die mit Kerzen umherzogen, für Ruhe sorgten. Respekt habe ich aber ebenso vor den Angehörigen der bewaffneten Organe. Auch sie hatten dazu beigetragen, dass die Revolution friedlich ablief.

Diskutiert wurde in der Halle der Freundschaft auf dem Petersberg sachlich, zugleich sehr kritisch. Hier war im Gegensatz zu mancher Demo auf dem Bebelplatz niemand, der nur provozieren wollte. Davon abgesehen ist eine echte Debatte ja auch nicht mit 10.000den Leuten möglich, dafür eignen sich geschlossene Räume eher.

Die Stimmung war in der Halle der Freundschaft trotzdem aufgeheizt. Kritik wurde laut am Bildungssystem samt Wehrkundeunterricht, an Stasi und Justiz, auch Umweltprobleme kamen zur Sprache, ebenso die Führungsrolle der SED und die Kampfgruppen.

Das Neue Forum hatte die Themen festgelegt. Vor allem Klaus Hummitzsch, der Chef vom Rat des Kreises, hatte sich darum zu kümmern, dass die Verantwortlichen Rede und Antwort standen. Dazu gehörten der Kreisstaatsanwalt Enzian, die Kreisschulrätin Völkel, der Stasi-Kreischef Kurzbach. Ihnen gegenüber kam es manchmal auch zu Anfeindungen.

Dass die Halle der Freundschaft bald für Flohmärkte zweckentfremdet und im Jahr 2001 schließlich abgerissen wurde, erfüllt mich noch heute mit Wehmut. Sie war ein wichtiges Kulturzentrum, hier fanden auch die Stadtverordnetenversammlungen statt.

Übergangsregierung

7 Joachim Jaeger,1986 bis 1994 evangelischer Propst in Nordhausen, war Moderator des Runden Tisches :

Viele Christen haben bei politischen Machtfragen einen Satz im Ohr, der ihnen Mut gibt: „Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen“ – so heißt es im biblischen „Lobgesang der Maria“. Die Diktatoren dieser Welt mussten schon immer mit Gottes langem Arm rechnen. Bei jeder Sitzung des Runden Tisches im Sitzungssaal der SED-Kreisleitung, wo es ein großes Lenin-Wandbild an der Stirnseite gab, musste ich daran denken: Lenin, der die Lehre von Marx für allmächtig hielt, könnte eines Tages vom Sockel geholt werden. So geschah es ja dann auch.

Der Runde Tisch in Nordhausen tagte zwischen Dezember 1989 und 2. Mai 1990 etwa 20 Mal. Er stellte den Führungsanspruch der SED mit jeder weiteren Sitzung zunehmend infrage. Die Mächtigen mussten mit uns reden. Als Moderator hatte ich meinen Platz an der Stirnseite des „Runden Tisches“. Links von mir saßen die Vertreter der „Machtorgane“ des Kreises, der Leiter des Volkspolizeikreisamts, der Vorsitzende des Rates des Kreises und so weiter. Rechts saßen die Vertreter der neuen Parteien wie Neues Forum, SDP oder Grüne, der alten Parteien SED, NDPD, CDU, DBD und LDPD, ebenso Vertreter von Organisationen wie dem FDGB, dem DFD und der FDJ.

Es galt, die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, mit Strom, Gas und Wasser und anderen Dienstleistungen wie Telefon sicherzustellen. Zugleich musste der alte Herrschaftsapparat abgebaut werden. Die Volkspolizei, die Mitarbeiter des MfS und die Grenztruppen waren noch vorhanden. Im Falle der Polizei war deren Handlungsfähigkeit auch unentbehrlich.

Eingeleitet wurden am Runden Tisch aber die ersten Entmilitarisierungsschritte – eine große Errungenschaft vor dem Hintergrund, dass Militär-und Sicherheitsfragen in der DDR oberste Priorität hatten. In diesen Bereich wollten sich Partei und Staat niemals hineinreden lassen, aber genau das tat der Runde Tisch!

Für den Vollzug unserer Beschlüsse waren die noch im Amt befindlichen Staatsvertreter verantwortlich. Auf deren Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit verließen wir uns. Ich gebe unumwunden zu, dass wir es versäumt haben, kontrollierend tätig zu werden. Das war naiv, aber im Nachhinein ist mir kein Fall bekannt geworden, bei dem wir grob getäuscht oder hintergangen wurden.

Ich kann nicht sagen, dass sich die Vertreter des SED-Staates am Runden Tisch arrogant oder anmaßend verhalten hätten. Sie waren sich ihres dahinschwindenden Einflusses bewusst. Aber wie diese „Funktionäre“, die vorher in ihrer Machtausübung unantastbar und von niemandem hinterfragbar waren, immer kleinlauter wurden, das war schon beeindruckend. Diesen offensichtlichen Machtverfall von Partei und Staat hatte ich mir niemals vorstellen können.

Dass es zu verbalen Ausfällen kam oder die Sitzung aus dem Ruder lief, passierte nach meiner Erinnerung kein einziges Mal. Anfänglich gab es natürlich noch Widerstand gegen einzelne Anträge der Mitglieder des Runden Tisches. Der Widerstand wurde aber mit der Zeit schwächer. Und man bedenke: Im Februar war klar, dass es im März zu freien und wirklich geheimen Volkskammerwahlen kommen würde. Allen war klar, auch auf Kreisebene wird es ab Mai Volksvertreter geben, die dann die öffentlichen Dinge, die res publicae, in die Hand nehmen würden. So konnte der Runde Tisch mit einer gewissen Gelassenheit Dinge schlichten und klären, und zwar in der begründeten Hoffnung, es wird zu keiner Zeit zum Chaos kommen.

Als wir uns vom Runden Tisch am 2. Mai 1990 verabschiedeten, konnten sich alle Teilnehmer die Hand geben.

Asche statt Akten

8 Dietlinde Rüther stürmte die Nordhäuser Stasi-Zentrale in einer Dezembernacht mit:

Am Morgen des 4. Dezember hatten Bürgerrechtler die Stasi-Bezirksverwaltung in Erfurt gestürmt – am Abend folgen wir. Gegen 22 Uhr ruft Dagmar Jendricke bei uns an. „Treffpunkt Stasigebäude, sofort“, höre ich. Mein Mann und ich ziehen die Mäntel über und ab durch die Nacht. Meine Gedanken arbeiten, es läuft mir kalt über den Rücken. Mit wie viel Abscheu bin ich an diesem Haus immer vorbeigegangen, wenn ich unbedingt musste. Aus den Schornsteinen des Stasi-Gebäudes quillt dicker Rauch. Sofort ist mir klar, dass Akten verbrannt werden.

Doch wir – vor uns kamen schon acht andere – harren am verschlossenen Tor aus, warten wie uns geheißen auf den Kreisstaatsanwalt.

Wenn wir es auf eigene Faust versuchen würden, könnten sie skrupellos zur Waffe greifen. Das bestätigen uns die Wachhabenden später ganz cool. Aber ob sie es wirklich getan hätten?

Unsere Akten brennen und brennen. Wir stehen und frieren. Der Herr Staatsanwalt lässt sich Zeit. Er habe ja schon 20 Uhr alles versiegelt, will er uns nach seinem Eintreffen beruhigen. 23 Uhr werden wir endlich eingelassen. Wir eilen vorbei an den sieben Wachhabenden in den Keller, wo wir den Ursprung für den Rauch vermuten. Da stehen sie: drei glühende Öfen, in aller Hektik vollgestopft mit Papieren, die vom Leben der Anderen Auskunft geben. Wir sollen nicht in Augenschein nehmen, wie akribisch sie uns beobachtet und beschnüffelt haben. Beweismaterial wurde verbrannt.

Wir ziehen aus den Öfen, was zu retten ist, klopfen das Papier aus, entdecken Namen uns vertrauter Menschen, deren Stasi-Tätigkeit uns erschrickt. Im Hof der Stasi sehen wir einen zwei mal drei Meter großen Ascheberg. Klammern und Aktendeckel in reicher Zahl. Die Schränke in den Kellerräumen sind leer, auch die in den versiegelten Räumen. Dann Säcke mit zerrissenem Papier, hand- und maschinengeschriebene Dossiers. Außerdem säckeweise abgefangener Briefe.

Am Ende des Kellergangs stoßen wir auch einen feuchten, fensterlosen Raum mit sieben Doppelstockbetten – ein „Überlebensraum“, wird uns später erklärt. . . An der anderen Kellerseite sehen wir die Funkstelle mit Telefontechnik, Abhöranlagen, Weiterschaltungen, die Abhörzentrale war in der Post.

Wir gehen durch die Büroräume und finden in den Papierkörben Zeichnungen und Anweisungen, mit Namen versehen, dass einem die Haare zu Berge stehen. An manche Wand des Stasi-Gebäudes entdecken wir Urkunden und Belobigungen für tüchtige Bespitzelung. Alle Stasi-Mitarbeiter hatten ja einen lebenslänglichen Eid geschworen, von dem niemand sie entbinden konnte. Den Eid auf Dzierzynski, den Begründer der Tscheka, die 1917 gegründete Staatssicherheit Sowjetrusslands.

Auf unsere Fragen nach Fotos und Verhörmitschnitten zucken die Stasi-Leute nur mit den Achseln. Kassetten und viel anderes Gefundene übergeben wir dem Kreisstaatsanwalt: wie fürchterlich dumm und naiv! Wir respektierten das Gesetz bei den Gesetzlosen!

Am nächsten Tag fanden wir im Stasi-Gebäude Akten aus der NS-Zeit – damit hatten sie Leute zur Mitarbeit gepresst. Sie ließen keine Gelegenheit aus, Menschen in ihre Gewalt zu bekommen.

Nach Auflösung des MfS in Nordhausen berichteten uns Menschen noch lange immer wieder, dass sie da und dort Stasi-Einheiten entdeckt hätten, so im Kohnstein und im Ellricher Bahnhof. Und tatsächlich: Wir fanden sogar Waffen wieder, die wir schon einmal eingesammelt und bei der Polizei abgegeben hatten.

Stich-Wort

Wer mehr zur Friedlichen Revolution im Südharz erfahren will, dem sei das Buch „Die Wende in Nordhausen“ von Kristin Müller und Thomas Müller empfohlen. Es basiert unter anderem auf 60 Zeitzeugeninterviews und erschien 2009 im Verlag Atelier Veit.

So lief die friedliche Revolution in Nordhausen ab

7. Mai 1989

99,6 Prozent für die Kandidaten der Nationalen Front: Diese Fälschung der Kommunalwahl im Kreis decken einige auf.

20. Oktober 1989

Nach der Verhaftung von Bürgerrechtlern in Leipzig lädt Peter Kube zur 1. Fürbittandacht in die Altendorfer Kirche.

10. Oktober 1989

14 couragierte Nordhäuser unterschreiben einen Aufruf zur Gründung des Neuen Forums in der Rolandstadt.

22. Oktober 1989

700 Leute sind bei der Gründung des Neuen Forums am Frauenberg dabei. Eine Hundertschaft Soldaten steht bereit.

24. Oktober 1989

Noch als illegal gilt die erste Demonstration, zu der sich etwa 2000 Menschen in der Altendorfer Kirche aufmachen.

31. Oktober 1989

Sie ist beim Rat des Kreises angemeldet, die erste Demo auf dem Bebel-Platz. Mit 25.000 Menschen hatte niemand gerechnet.

7. November 1989

Mit rund 40.000 Menschen erreicht die Teilnehmerzahl der Dienstagsdemos in Nordhausen ihren Höhepunkt.

9. November 1989

Das Neue Forum initiiert die erste Podiumsdebatte in der Halle der Freundschaft. Rechtsstaatlichkeit ist das Thema.

9. November 1989

In Berlin fällt die Mauer, die Grenze zwischen DDR und BRD ist offen, erfahren die Nordhäuser aus dem Fernsehen.

1. Dezember 1989

Der Runde Tisch von Nordhausen kommt erstmals zusammen. Bis zum 2. Mai 1990 wird es weitere 19 Treffen geben.

4. Dezember 1989

Ein knappes Dutzend Oppositioneller stürmt friedlich das Stasi-Gebäude in der heutigen Ludolfinger Straße.

18. März 1990

Das Volk der DDR wählt zum letzten Mal die Volkskammer, erstmals nach demokratischen Grundsätzen.

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