Nordbrand investiert 4 Millionen Euro in Nordhäuser Werk

Nordhausen  Ziele: höhere Effizienz und Qualität bei Spirituosen. Ministerpräsident Bodo Ramelow sieht Brennerei als Vorbild für Thüringer Marken

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) macht auf seiner diesjährigen Sommertour am Mittwoch Station bei Nordbrand in Nordhausen.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) macht auf seiner diesjährigen Sommertour am Mittwoch Station bei Nordbrand in Nordhausen.

Foto: Marco Kneise

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Es ist die wohl größte Investition der vergangenen fünf Jahre: Stolze 4 Millionen Euro will Nordbrand bis Frühjahr kommenden Jahres in das Werk in der Bahnhofstraße stecken. Zuletzt war 2015 so viel Geld geflossen, als die Brennerei 2,7 Millionen Euro für den Neubau einer Maischekolonne in die Hand nahm. Das Ziel damals: Alkoholveredelung und die nachhaltige Sicherung der Produktion.

Und auch dieses Mal hätten die Pläne mit einer Steigerung von Effizienz und Qualität zu tun, erklärt Betriebsleiter Robert Becke, dessen Haus mittlerweile 97 verschiedene Produkte und rund 200 Artikel verlassen. Diese Vielfalt ist ein wesentlicher Grund der Bauvorhaben: So sollen die Behälter-Volumen erweitert werden, kündigt Robert Becke an. Eine weitere Neuerung: moderne Etikettiertechnik. So werde ein Prototyp mit optoelektronischer Sensortechnik installiert. „Das erlaubt es uns, bald noch anspruchsvollere Flaschen zu etikettieren“, erläutert Becke den Hintergrund der Anschaffung mit Verweis auf Flaschen mit geprägten Siegeln und immer kreativeren Formen.

Einer novellierten Handelsnorm, die Kartongrößen von 12 und 24 Flaschen vorschreibt, wollen die Nordhäuser indes mit einer weiteren Verpackungslinie Rechnung tragen. Die wird übrigens unter einem frisch gedeckten Dach entlang laufen. Das alte habe seit 1986 bestanden und sei nun ersetzt worden, sagt Becke, der sich nicht zuletzt auf eine moderne Reinigungs- und Filtrationstechnik freuen darf. Optimiert wird damit die Reinigung von Anlagen und Rohren, die bei jedem neu abzufüllenden Produkt behandelt werden müssen.

Auch hier ist also wieder die Produktvielfalt ein Motivationsgrund. Und von der durfte sich am Mittwoch sogar ein prominenter Gast überzeugen: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) machte auf seiner Sommertour Halt in der Brennerei. „Wo sind den die Hühner für den Eierlikör?“, scherzte der Landesvater zu Beginn der Werksbesichtigung. Und Ramelow dürfte gleich einmal ins Staunen geraten sein, hätten die für die jährlich verarbeiteten rund 25 Millionen Eier nötigen Hühner doch gar keinen Platz in der Nordhäuser Bahnhofstraße. „60.000 Hühner werden bei zertifizierten Zulieferern für die Farbe unseres Likörs mit eigens pigmentiertem Futter gefüttert“, lüftete Becke ein Geheimnis über den ostdeutschen Marktführer in diesem Likör-Segment.

Destillateurmeister Tobias Neumeyer wiederum durfte Ramelow zu einer der vier in diesem Jahr neu eingeführten Produkte einladen. Kaffee- und Heidelbeerlikör gehören seit Ende 2018 ebenso zum Portfolio wie Pistazien- und Haselnusslikör. Folgen soll noch ein spezieller Gin, der extra für die Traditionsbrennerei entwickelt wird. „Zwischen sechs Monaten und anderthalb Jahren dauern bei uns die Produktentwicklungen“, erläutert Neumeyer zu einer Phase im Unternehmensjahr, die gerade wieder anläuft.

Ramelow will Steuer auf Branntwein fair verteilen

Der übrige Weg der Werkbesichtigung am Mittwoch gehört dann jedoch ernsten politischen Themen: Allein 124 Millionen Euro Branntweinsteuer würden in Nordhausen erwirtschaftet, weiß der Ministerpräsident. „Davon hat die Region aber nichts. Nordbrand ist ein Steuereintreiber nur für den Bund“, ärgert er sich und plädiert deshalb für eine neue Erhebungssystematik für Steuern, sodass diese besser in die Regionen der Erwirtschaftung ausgeschüttet werden können. „Das ist eine Frage der Gerechtigkeit“, findet Ramelow. Aber auch Becke und Rotkäppchen-Geschäftsführer Christof Queisser können eine passende Botschaft mit nach Erfurt geben: „Eine Erhebung der Branntweinsteuer würde den Nordhäuser Produkten im Absatz erheblich schaden“, fürchtet Becke. Dass die Politik ein offenes Ohr für solche Sorgen habe und das Werk besuche, empfindet er daher als gutes Signal an seine Branche. Queisser sieht es ähnlich: Als „Privileg“ bezeichnet er den Ramelow-Besuch. Zudem sei er eine Form der Anerkennung gegenüber den Angestellten. „Mit Herzblut und Innovationsgeist haben sie die Fahne des Korns schon über 500 Jahre nach oben gehalten“, schwärmt Queisser.

Es ist die Erfolgsgeschichte des deutschen Marktführers im Spirituosengeschäft, die Ramelow hergelockt hat. Mit dem Motto „ZukunftThüringen – Kluge Köpfe, innovative Prozesse“ ist seine Sommertour überschrieben. Und genau dafür stehe Nordbrand auch. „Wie schafft man es in den Neuen Bundesländern, eine erfolgreiches Unternehmen im Markt zu behalten und wie entwickelt man eine Marke?“, wiederholt er die Fragen, mit denen er angereist ist. Das sei kein banales Thema und einige Nordhäuser Unternehmen seien prädestiniert, sie zu beantworten. Neulich erst habe er bei einem Besuch in der südvietnamesischen Ho-Chi-Minh-Stadt das Logo einer Schachtbau-Tochterfirma auf einer U-Bahn erspäht. „Im Ausland steht unser Land für Innovation und Wirtschaftskraft“, sagt der Ministerpräsident.

„Doch wir selbst reden uns immer wieder zu schlecht.“ Er will dieser Stimmung Zahlen entgegenhalten: „Stünde Thüringen allein im Vergleich mit 28 EU-Ländern, würden wir Rang 19 bei der Wirtschaftskraft erreichen.“ Einseitige Berichterstattung wie am Montagabend in den Tagesthemen ärgere ihn daher. Er wolle die Gegenbotschaft senden: „Wir sind ein Wirtschaftszentrum.“

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