Nordhäuser Bibliotheksfest lockt nicht nur Leseratten

Nordhausen  Der Buchautor Michael Ende und das Bauhaus stehen im Mittelpunkt dank ihrer diesjährigen runden Geburtstage.

Die Geschichte von der Schildkröte Tranquilla Trampeltreu stellte Christina Voigt den Kindern beim Bibliotheksfest vor.

Die Geschichte von der Schildkröte Tranquilla Trampeltreu stellte Christina Voigt den Kindern beim Bibliotheksfest vor.

Foto: Christoph Keil

Wozu bin ich da? Nichts weniger als diese gewichtige Frage steht im Raum – und zwei Mädchen im Kindergartenalter hören zu.

Keine philosophische Debatte zum Thema ist am Samstag in der Bibliothek anberaumt, sondern eine Lesung aus einem Kinderbuch. „Teddy und die Tiere“ heißt es, geschrieben von Michael Ende, diesem genialen Schriftsteller, der selbst die großen Themen der Existenz in so einfache Geschichten brachte, dass Millionen Kinder auf der ganzen Welt zuhören oder seine Bücher verschlingen.

Michael Ende – 1995 verstorben – steht im Jahr seines 90. Geburtstags neben dem Bauhaus im Mittelpunkt des diesjährigen Bibliotheksfests. Also liest Antonia Wolf vom kleinen Teddybären Washable. Ob Maus, Biene, Kuckuck, Schwan oder Affe: Sie alle können ihm nicht sagen, wozu er da ist. Washable ist verzweifelt – bis ein kleines Mädchen ihn in den Arm nimmt.

Mitglieder des Bibliotheks-Fördervereins lesen stündlich aus einem von Endes Büchern. „Die gesichtslosen Graumänner fand ich als Kind bei ‚Momo‘ so abgefahren“, erinnert sich die Ärztin Thekla Höpker. Marion Heinecke, ebenfalls Fördervereinsmitglied, hört‘s und berichtet von 1989: „Das erste Buch, das ich mir nach der Wende gekauft habe, war ‚Die unendliche Geschichte‘.“ Heinecke erzählt begeistert von Phantásien, das durch das Nichts zerstört wird. Diese Geschichte sei hochaktuell, schlägt sie den Boden zur Klimadebatte. Die erkrankte Herrscherin dieses Reichs, die Kindliche Kaiserin, könnte unsere Erde sein.

Bibliotheksleiterin Hildegard Seidel sieht „Momo“ als Spiegel unserer Zeit, da auch Heute alle immer schneller werden, weil sie meinen, dann noch mehr zu schaffen. Und doch laufen sie nur der Zeit hinterher.

Das Bibliotheksfest lässt sich auch als Angebot zur Entschleunigung verstehen. Wer hier nicht auf die Uhr schaut, kann bei den Lesungen eintauchen in fantastische Welten. Die Abenteuer von Jim Knopf zeigt ein Film im Lesesaal, ums Bauhaus geht es im Ratssaal.

Selbst aktiv werden können die Besucher vor der Bibliothek: Aus Socken, Watte und Wackelaugen werden hier Hunde gebastelt. Mit Kartoffelstempeln können Baumwollbeutel bedruckt werden, und zwar mit den Bauhausformen Rechteck, Kreis und Dreieck, in den Bauhausfarben Blau, Rot und Gelb. Um Papier zu bedrucken, hat die Bibliothek extra Stempel anfertigen lassen. Die sollen im Rahmen einer für alle offenen Bauhaus-Werkstatt am 1. und 31. Oktober auch im Kunsthaus Meyenburg zum Einsatz kommen, erklärt Museumspädagogin Astrid Lautenschläger. Weitere Werkstätten sind für Schulen und Kindergärten geplant. Beim Bibliotheksfest greift der Bastelstand nicht zuletzt Michael Endes Geschichten auf: Hölzerne Kaffeebecherrührlöffel können als Jim-Knopf-Lokomotivführer bemalt werden. Clara (7) und ihr Vater sind darin ziemlich vertieft. „Man kann sich mal Zeit für die Kinder nehmen“, lobt Chris Nagler das Fest. Außerdem gehe seine Tochter ja nun in die Schule. Da sei es Zeit, sie an die Bibliothek heranzuführen.

Hildegard Seidel zufolge hat das Haus inzwischen rund 90.000 Besucher pro Jahr. Zum Vergleich: Im ersten Jahr ihres Bestehens waren es rund 70.000. Vor fünf Jahren war der Bibliotheksneubau hinter dem Rathaus eröffnet worden. Für rund 14 Millionen Euro war ein Jahrhundertbauwerk entstanden. Ein viel zu wenig in die Planungen einbezogener Stadtrat, ein ausgesessenes Bürgerbegehren zur Namensgebung der Bibliothek, die geplatzte Unterbringung der Himmelgarten-Bibliothek: Vieles sorgte damals für negative Schlagzeilen. Nicht zuletzt war auch die Architektur nicht unumstritten.

Längst aber hat sich die Bibliothek als beliebter Aufenthaltsort vieler Nordhäuser etabliert, als Ort der Begegnung. So kann Seidel zufrieden sagen, dass nicht nur beim Bibliotheksfest ziemlich viele da sind.

Stich-Wort

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