Nordhäuser Historiker mit neuen Erkenntnisse zu Lili-Jacob-Album

Nordhausen.  Die 1945 bei Nordhausen im KZ Mittelbau-Dora entdeckten Fotos aus Auschwitz sind erstmals vollständig analysiert und wissen noch immer zu erschrecken.

Die Bilder aus dem im Lager Mittelbau-Dora bei Nordhausen gefundenen Lili-Jacob-Album dokumentieren die Abläufe im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau aus Sicht der SS . Neue Erkenntnisse zum Entstehungszeitraum der Fotos lassen eine Identifizierung der beiden Kinder als Brüder der Lili Jacob eher unwahrscheinlich erscheinen.

Die Bilder aus dem im Lager Mittelbau-Dora bei Nordhausen gefundenen Lili-Jacob-Album dokumentieren die Abläufe im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau aus Sicht der SS . Neue Erkenntnisse zum Entstehungszeitraum der Fotos lassen eine Identifizierung der beiden Kinder als Brüder der Lili Jacob eher unwahrscheinlich erscheinen.

Foto: Gedenkstätte Yad Vashem

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Am Ende der gut 270-seitigen Arbeit steht eine düsteres Fazit: Das 1945 im KZ Mittelbau-Dora entdeckte Auschwitz-Album ist nicht nur fotografische Inszenierung, sondern Teil des größten Verbrechens der Geschichte. So sehr haben die 1945 von Lili Jacob gefundenen Aufnahmen unsere Vorstellung der Shoah geprägt und das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau als schrecklichen Symbolort in seiner Wirkmächtigkeit verstärkt. Zu lesen ist das weltbekannte Album als ein zynischer Arbeitsnachweis für die perfekte Tötungsmaschinerie des nationalsozialistischen KZ-Systems.

Zu dieser Erkenntnis gelangt ist jetzt der ehemalige Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Stefan Hördler. Gemeinsam mit Christoph Kreutzmüller und seinem französischen Kollegen Tal Bruttmann und hat der Historiker das Album bald fünf Jahre lang in aufwendiger Kleinstarbeit untersucht. Herausgekommen ist mit „Die fotografische Inszenierung des Verbrechens“ ein erst kürzlich erschienenes Buch, das die historischen Aufnahmen zweier SS-Fotografen erstmals vollständig analysiert.

Eindrucksvoll sichtbar macht das Team hierbei das auf Fotos Unsichtbare: Bei der Deportation tausender ungarischer Juden und ihre Selektion müsse es laut und stickig zugegangen sein, Angst- und Hilfeschreie müssen die berühmt gewordene Rampe von Auschwitz erfüllt haben, gibt Hördler zu bedenken. Was bei oberflächlicher Betrachtung schnell übersehen wird, zeigen die Wissenschaftler mit Bildausschnitten, auf denen sich Deportierte die Nase zuhalten. Andere Details der Bilder zeigen die psychische Gewalt, denen die Menschen im Lager ausgesetzt gewesen sein müssen, etwa durch orthodox-gläubige Männer, denen die Bärte abgeschnitten wurden und die diese Blöße mit Verbänden verdecken wollten.

Bei der Untersuchung haben Hördler, Bruttmann und Kreutzmüller außerdem festgestellt, dass viele der Deportierten schon in Auschwitz Häftlingsnummern unter anderem für das nahe Nordhausen gelegene KZ erhielten. Die abgebildete Selektion im Sommer 1944 habe also dazu gedient, Zwangsarbeiter für die deutsche Rüstungsindustrie zu gewinnen. „Die Rampe fungierte damit als Drehscheibe eines Verteilungssystems, mit dem Menschen in Hunderte Lager verschleppt wurden.“ Dora und Auschwitz könnten Hördler zufolge nicht mehr losgelöst voneinander betrachtet werden, auch weil die Kommandantur von Auschwitz auf der Flucht vor der Roten Armee kurz vor Kriegsende bei Nordhausen Unterschlupf fand.

So gelangte auch das Album in den Südharz, das Lili Jacob am Ende ihrer Haft in Dora als Zufallsfund entdeckte und in dem sie Teile ihrer verschleppten Familie wieder erkannte. Wer das Buch, das sich als ein „Pilotprojekt für neue Fotoanalysen“ versteht, genau liest, wird aber auch zu einer weiteren bitteren Erkenntnis kommen: Denn die Historiker haben jedes Foto noch einmal hinsichtlich ihrer Entstehungszeit untersucht. Mit Hilfe von Bauakten der Firma, die die Rampe errichtete, und den Waggonnummern im Bildhintergrund sei es gelungen, die Fotos in die richtige Reihenfolge zu bringen und jedem ein Datum zuzuordnen. Jacobs Glaube, ihre Brüder in einem der Bilder zu sehen, gerät durch diese neuen Erkenntnisse ins Wanken. Während die beiden Kinder das Lager schon Mitte Mai aus Nyíregyháza erreicht haben müssen, wurde die Finderin des Albums erst einige Tage später aus Beregszász deportiert.

Wohl aus Pietät der Lili Jacob gegenüber betonen die Historiker dies nicht. Die Menge neuer Detailinformationen aus eigentlich bereits so lange bekannten Fotos ist auch so enorm.

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