So lief die Nacht der Entschärfung des Bombenblindgängers in Nordhausen

Nordhausen  Nach Fund von Fliegerbombe am Theater: Rund 15.000 Nordhäuser müssen am Mittwoch ihr Zuhause verlassen. Gegen 2.20 Uhr vermeldete Sprengmeister Andreas West die Entschärfung. Es dauerte bis in die Morgenstunden des Donnerstages, bis alle Evakuierten zurückkehren konnten.

Die Mitarbeiterin eines Pflegeheims teilt Essen an evakuierte Heimbewohner in der Wiedigsburghalle aus.

Die Mitarbeiterin eines Pflegeheims teilt Essen an evakuierte Heimbewohner in der Wiedigsburghalle aus.

Foto: M. Kneise

„Jetzt bin ich tiefenentspannt“, sagt Oberbürgermeister Kai Buchmann (pl) am Mittwochnachmittag gegen 16 Uhr. Seine Stadt weiß da schon seit etwa zwei Stunden, dass Nordhausen abermals die Entschärfung einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg bevorsteht, Sprengmeister Andreas West ist da aber gerade erst zwei Minuten im Lagezentrum. Zuvor habe er mehrere Stunden auf der Autobahn verbracht, ist von Münster eigens hergeeilt, sagt Buchmann.

Seine Entspannung soll trotzdem noch viele Stunden auf eine harte Probe gestellt werden: Bis zum Andruck dieser Zeitung ist nicht klar, ob die Entschärfung glücken wird. Denn die 227 Kilogramm-Bombe ist bei Sondierungen im Zuge der geplanten Theatersanierung gefunden worden. Sprich: mitten in der Stadt. Ihre Lage und der chemische Langzeitzünder des britischen Modells machen eine unverzügliche Evakuierung im Umkreis von 1000 Metern um den Fundort nötig. Rund 15.000 Menschen müssen ihr Zuhause verlassen. Das kostet Zeit.

Für Tobias Mielke, den Leiter der Rettungsleitstelle, ist der Tag daher ein Novum: An eine Entschärfung mit 8000 Evakuierten kann er sich erinnern, vor allem an solche mit 2000 bis 5000, wie zuletzt im August am Zorgeufer. Die aktuelle Lage übersteigt daher auch seine Erfahrungen. „Innenstadt ist das Schlimmstmögliche, der komplizierteste Fall“, sagt er und greift wieder zum Funkgerät, wo seine Expertise gefragt ist.

Alle Fäden laufen dieses Mal im Regenbogenhaus zusammen. Das übliche Lagezentrum im Ratssaal liegt im gesperrten Gebiet. Dennoch wissen die rund 200 Einsatzkräfte mit einem Serverkoffer starke Technik im Rücken, wie sich vom leitenden Administrator im Rathaus, Torsten Drößler, erfahren lässt. Das transportable System sichert den Zugriff auf Informationen aus dem hauseigenen Netz, ist durch einen unterbrechungsfreien Stromversorger von Netzausfällen geschützt, erklärt er.

Drößlers Kollegen im Lagezentrum sind derweil Mädchen für alles. Hauptamtsleiter Dirk Praetorius beispielsweise sucht nach einem Kurierfahrer, der Babynahrung kauft. Rathaus-Sprecher Lutz Fischer weiß von Bauhof-Mitarbeitern, die im Großmarkt weitere Rationen für die Evakuierten einkaufen.

Ihr Strom will nicht enden: Eine Blechlawine quält sich seit Beginn der Evakuierung um die Innenstadt herum. Polizeibeamte sperren alle Zufahrten, helfen zugleich bei der Umfahrung des sensiblen Bereichs. Für 250 bis 300 Bewohner aus drei Pflegeheimen wird die Wiedigsburghalle zum Ausweichquartier. In der übrigen Evakuierungszentren wird es eng: Zu den vier ursprünglichen Unterkünften schafft die Stadt gegen 19 Uhr zwei weitere, kurz nach 20 Uhr noch die Lessingschule. Martin Juckeland steht der Schweiß auf der Stirn und viele Menschen ihm gegenüber: Der Leiter im Amt für Stadtentwicklung organisiert an diesem Abend die Ankunft der Evakuierten in der Förstemann-Turnhalle. „Jeder muss registriert werden, das macht alles zeitaufwendig.“ Auch Stühle müssen nachbestellt werden, erklärt er, warum die Menschen warten müssen.

Um ihn rum spielen sich die wahren Dramen ab: Isabelle Schirdewahn wiegt ihren dreijährigen Sohn im Schoß. Die Evakuierung habe ihm seinen Mittagsschlaf gekostet. Völlig übermüdet kämpft der Kleine gegen die Tränen. „Die Menschenmasse überfordert ihn“, sagt die Mutter, die selbst mit der Ungewissheit hadert. Abgebrühter wirken da viele der Senioren: Günther Hinsching ist 14 Jahre jung und in einem Schutzkeller am Taschenberg, als über Nordhausen die Bomben niedergehen. Als die Stadt in Schutt und Asche liegt, kommt er in Urbach auf dem Stroh eines Bauern unter. Am Mittwochabend sitzt er dagegen in einem Metallstuhl aus alten Beständen der Landesgartenschau und löst Kreuzworträtsel. Drei Evakuierungen nach dem Krieg hätten den 88-Jährigen aus der Frankenstraße routiniert gemacht, außerdem sei ja alles gut kommuniziert worden, erklärt er trocken. „Die Nordhäuser sind kampferprobt“, kommentiert Michael Kramer (CDU) diese Szenen. Der Zweite Beigeordnete des Oberbürgermeistes ist eigens aus Hesserode gekommen, um sich ein Bild zu machen. Und er ist nicht der Einzige, der Zuversicht ausstrahlt: „Uns zeichnet aus, dass wir zusammenstehen und das gemeinsam lösen wollen“, charakterisiert Bürgermeisterin Jutta Krauth (SPD) die Helfer und die Nordhäuser, denen da noch ein langer Abend bevorsteht.

Zum Hintergrund:

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