Steckt der Südharz in der Sackgasse?

Nordhausen  Prognos-Zukunftsatlas zeichnet düsteres Bild für den Südharz. Landrat Matthias Jendricke (SPD) betont dagegen Chancen und Nordhausens Rolle als Motor der Region.

Treppauf oder treppab für den Südharz? Landrat Matthias Jendricke jedenfalls betont die Chancen.

Treppauf oder treppab für den Südharz? Landrat Matthias Jendricke jedenfalls betont die Chancen.

Foto: Marco Kneise

Im Osten mehr ­Risiken als Chancen – so titelt unsere Zeitung am 5. Juli über die Ergebnisse des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos. Seit 2004 erstellt dieses alle drei Jahre einen Zukunftsatlas für die 401 Kreise und kreisfreien Städte der Republik. Und der Landkreis Nordhausen? Der ist wieder einmal eines der Schlusslichter, belegt nur Rang 368, was seine Demografie, den Arbeitsmarkt, Wohlstand oder etwa die regionale Innovation angeht.

Lediglich der Kyffhäuserkreis (Rang 386) und einige ostthüringische Landkreise wie das Altenburger Land (389) sind im Freistaat laut Zukunftsatlas schlechter aufgestellt. Und wäre das nicht genug der Schmach für das Südharzer Selbstvertrauen zeigen drei Tage später auch die Tagesthemen beim Thema „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ Nordhausen als eines der Negativbeispiele, sprechen von einer abgehängten Region.

Nicht mehr Mut macht da eine Pressemitteilung des Landesamtes für Statistik nur drei Tage darauf: Bis 2040, so die Prognose, werde der Landkreis um 14.300 Menschen schrumpfen. Von 83.800 Einwohnern im vorigen Jahr würden nur noch 69.500 übrig bleiben, während zeitgleich der Anteil der über 65-Jährigen von 22,1 Prozent auf 24 Prozent steigen soll. Der Anteil junger Menschen bis 20 Jahre – derzeit ist das etwa jeder Fünfte im Südharz – könnte demnach bis 2040 um 3,5 Prozent sinken.

Steckt der Landkreis also in der Sackgasse, hat er noch Zukunft? Mit dieser Frage haben wir Landrat Matthias Jendricke (SPD) konfrontiert. Denn auch ihn beschäftigen die Zahlen und die Berichterstattung. „Die negativen demografischen Prozesse lassen sich nicht schönreden. Das ist kein gutes Signal“, betont er. Eine schrumpfende und älter werden Gesellschaft mindere schließlich die Kaufkraft und die Zahl möglicher Arbeitskräfte.

Jendricke sieht Nordhausen als Motor

Doch er will die Zahlen auch relativieren. So sieht er die Ursachen nicht allein hier, sondern auch in schwächelnden Nachbarregionen wie Mansfeld-Südharz, die sich negativ auswirken. Tatsächlich sticht der sachsen-anhaltinische Nachbarkreis beim Zukunftsatlas als drittletzte Region hervor. In Sachen Demografie ist er gar Vorletzter und hat massiv mit Abwanderung zu kämpfen. Ein Fakt, der hier wesentlich weniger dramatisch sei, erklärt Jendricke.

Die Statistiken geben ihm Recht: Voriges Jahr verzeichnete das Landesamt 34,3 Fortzüge je 1000 Einwohner. 2892 Abwanderungen standen 2697 Zuzügen gegenüber. Das ist ein Saldo von 195, andere Regionen Deutschlands stünden aber deutlich schlechter da. Außerdem nehme die Zahl der Kinder an Kindergärten und Schulen zu. „Das ist ein wesentlicher Baustein für unsere Zukunftsfähigkeit“, ist Jendricke überzeugt.

Nicht unzufrieden wirkt er auch beim Thema Arbeitslosigkeit. „Wir kamen nach der Wende von dramatischen Zahlen“, sagt er über die momentan rund 2.875 Arbeitslosen bei einer Erwerbslosenquote von 6,8 Prozent. „Wir sind also weit besser als das Ruhrgebiet.“ Laut Jendricke wachse zudem die Zahl der Industriearbeitsplätzen.

Was die Wirtschaftsstärke angeht, übertreffe Nordhausen zudem mit Eisenach vergleichbare Städte im Land. Nicht verhehlen will der Landrat aber auch, dass es noch immer ein starkes Stadt-Land-Gefälle gibt, was Finanzkraft und Zahl der Unternehmen angeht. Über ein wirtschaftlich so starkes Umland wie Gotha etwa könne sich die Rolandstadt nicht freuen. „Wir brauchen Nordhausen deshalb als Motor für die gesamte Region, Teile des Harzes mit eingeschlossen“, appelliert Jendricke.

Ein Appell, den kürzlich gar Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) bei Unternehmensbesuchen von Maximator und Nordbrand unterstrich. Auch ihn habe die Berichterstattung der Tagesthemen geärgert, erklärte er. Er sehe er den Südharz nicht als abgehängte Region. Nicht umsonst habe der Bundespräsident erst dieses Jahr ein Unternehmen wie Schachtbau besucht. „Andere schauen vorurteilsfrei auf die hiesige Wirtschaftskraft, sehen Thüringen als Land der Innovation.“ Nur den Thüringern selbst gelinge das nicht, fordert er mehr Selbstvertrauen ein.

Damit Nordhausen ein selbstbewusster Motor sein kann, sieht der Landrat jedenfalls die Stadtpolitik mit in der Pflicht. Gedanken machen muss die sich aus seiner Sicht über einen Zukunftsplan, der die 40.000-Einwohnermarke hält. Auf Landesebene seien solche Zahlen wichtig zur Klassifizierung von Städten. Jendrickes Vorschlag hierfür ist kein neuer, spielte bereits im Kommunalwahlkampf eine Rolle: „Wir brauchen mehr Wohnbauflächen im Reihenhausstil, um junge Menschen durch Eigentum an die Region zu binden.“ Kleinere Orte könnten dem Bevölkerungsrückgang und der Wanderung weniger gut entgegenwirken, befürchtet Jendricke, hat aber auch für diese Kommunen einen Rat: So könnten Dörfer unansehnliche Brachflächen und Abrisshäuser räumen, um Ortsbild und Stimmung zu bessern.

Investitionen sollen Grundstimmung heben

Überhaupt ist für ihn die Stimmung ein wesentlicher Punkt, wenn es um die Perspektiven der Region geht. „Wir müssen Erfolge und Bemühungen der Politik wie 20 Millionen Euro hohe Investitionen wieder in positive Grundhaltung ummünzen. Dann fühlen sich die Leute auch nicht abgehängt.“ Auch da sieht er die Kreisstadt als möglichen Vorreiter, der sich nicht nur auf Pflichtaufgaben konzentrieren dürfe. Es ist ein Credo Jendrickes: Investitionen bringen die Region voran. Bei Fördermittelanträgen, sagt er, dürfe nicht die Selbstbeschränkung gegenüber der Weitsicht überwiegen. Ein touristisches Familienangebot wie der als Hexenbesen gestaltete Aussichtsturm, der bei Rothesütte geplant ist, kann seiner Ansicht nach das Ansehen steigern.

Und auch für Nordhausen hat er eine Idee, den zuletzt wieder um Gästezahlen geschrumpften Tourismus zu stärken: „Wir nutzen die Nähe zur Autobahn noch zu wenig“, leitet er seinen Vorschlag ein, die Rolandstadt als attraktiven Wohnmobilzwischenstopp zum Harz ins Spiel zu bringen. Einen möglichen Standort hierfür sieht er an den Bielener Kiesgewässern. Die könnten durch Rutschen oder ein beheiztes Becken für Kinder an Attraktivität gewinnen und um einen Parkplatz für Caravans ergänzt werden. „Ich jedenfalls würde in so etwas investieren“, lockt er die Stadtpolitik.

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