Störenfriede lassen Nordhausen ausharren bis spät in die Nacht

Nordhausen  Mehrere Unbelehrbare erschweren Entschärfung von Weltkriegsbombe in Nordhausen. 15.000 Evakuierte zeigen Grenzen auf.

Schon wenige Minuten nach der Entschärfung war der Blindgänger auf einem Container für den Abtransport bereit.

Schon wenige Minuten nach der Entschärfung war der Blindgänger auf einem Container für den Abtransport bereit.

Foto: Marco Kneise

Um 2.20 Uhr, also erst am Donnerstagmorgen, kommt endlich die erlösende Nachricht: Die Bombe ist entschärft. Nordhausen kann aufatmen, nach vielen Stunden des Bangens. Nach einem Tag, der eigentlich völlig normal begonnen hatte: Wie für Baggerfahrer Colin Fanghänel. Der unterstützt derzeit Archäologen vom Landesamt für Denkmalpflege bei Grabungen auf der Baustelle am Theater. Als sich Fanghänel vorsichtig mit seinem Bagger durch die Erdschichten arbeitet, stößt er am frühen Nachmittag auf etwas, das er für eine Mauer hält. Doch ein Mitarbeiter des Räumkommandos Tauber, das die Arbeiten begleitet, sieht „etwas Metallenes hervorblitzen“, erzählt Andreas Egold vom Landesamt. Für den Archäologen endet damit ein Arbeitstag.

Und auch in den Stunden danach hat keiner mehr den Nerv, sich mit Geschichte zu befassen. Oberbürgermeister Kai Buchmann (pl) spricht angesichts von rund 15.000 Menschen, die daraufhin ihre Wohnungen verlassen mussten, dennoch von der wohl „größten Bombenentschärfung“ in der Historie der Stadt. Zusätzliche Ausweichquartiere werden geschaffen, so am Abend die Lessing- und die Förstemannschule. „Die Menschen strömten in die Räume. 700 waren es zum Beispiel in der Wiedigsburghalle, 600 in der Ballspielhalle“, so Buchmann.

Die am frühen Abend offiziell geschätzte Zahl von rund 200 Helfern soll sich deshalb bis auf 500 hinaufschrauben. Aus drei Nachbarlandkreisen kommen Kräfte. Allein das THW stellt mit vier Ortsverbänden gut 80 Männer und Frauen, darunter gar Kameraden aus Erfurt. Versorgungstechnisch sei man an die Grenzen gekommen: „Ausgestattet sind wir etwa für 5000 zu Versorgende“, sagt der OB.

Dass seine Stadt so lange auf gute Kunde warten muss, dafür trägt vor allem eine Schar an Unbelehrbaren die Verantwortung: Gegen 21.30 Uhr schätzt Rathaus-Sprecher Lutz Fischer, dass die vollständige Evakuierung nur noch etwa 30 Minuten brauche. Er soll irren. Nach der von ihm prognostizierten Zeit müht sich die Polizei noch immer mit Störern, die nicht ihre Wohnungen in Ufer- und Hardenbergstraße verlassen wollen.

Knapp eine Stunde später geht ein Licht in einer Wohnscheibe der Töpferstraße an, wieder geht Zeit verloren. In den sozialen Netzwerken köcheln Wut und Ungeduld, Forderungen nach drakonischen Strafen werden laut. Möglichkeit dazu gibt es sogar: Wie Ordnungsamtsleiter Christian Kowal bestätigt, könne man das Auflehnen gegen Maßnahmen zur Gefahrenabwehr mit Strafen bis zu 5000 Euro ahnden. Doch den Vorsatz nachzuweisen und die tatsächliche Strafhöhe zu kalkulieren, ist schwer. Zumal der OB eine Abschreckungswirkung infrage stellt, wie er sagt.

Und so bleibt Polizei und Ordnungsamt die Macht der Argumentation. Nur einige Wenige habe die Polizei per Verbringungsgewahrsam in Notunterkünfte zwingen müssen, erklärt eine Polizeisprecherin.

Dass einer dennoch durch das dichte Netz an Sperrungen schlüpft, lässt das sechsköpfige Team um Andreas West dann allerdings schon staunen: Etwa um 1 Uhr erspäht das Räumkommando aus ihrem Container, von dem sie die Schneidautomatik steuern, einen verwirrten Mann. Ganz nahe der Fliegerbombe! Den Schutz ihrer Stahlpanzerung und den etwa 30 Zentimeter dicken Bullaugen müssen sie verlassen, um den Mann vor seinem Unglück zu retten. Auch ihn von der Polizei abführen zu lassen, kostet wieder Zeit. Zumal durch die Störung Wasser aus dem Schneidsystem verloren geht, das erst wieder aufgefüllt werden muss.

Zeit, in der die Konzentration schwindet? Anderthalb Stunden nach dieser seltsamen Begegnung verneint West diese Frage. Hinter ihm wird da gerade die Bombe für die Abfahrt nach Wernrode vorbereitet. Man habe das Warten für Vorbereitungen am Kamera- und Schneidsystem genutzt und sich dazu noch gut von der Feuerwehr versorgen lassen, lächelt Andreas West.

Diese Ruhe schätzen die Nordhäuser, sie ziert Wests Gesicht auch noch, als er über die Gefahr des soeben entschärften Langzeitzünders spricht. Jederzeit könne der explodieren. Wäre die Bombe bewegt worden, hätte sein Team sie kontrolliert sprengen müssen, erklärt er umringt von Gratulanten aus Rathaus und Presse. Und wieder sagt er, was er schon so oft gesagt hat und sicher noch sagen wird, das jeder Nordhäuser aber etwas heroischer sieht: „Wir machen hier nur unseren Job.“

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