Unterwegs auf dem Dampfloksteig (Teil 1): Im Zick-Zack durch den Südharz

Sophienhof  Nicht parallel zur Bahnlinie führt die Route des Dampfloksteigs, dafür aber durch wunderbare Täler und zu ganz besonderen Drohnen.

Wer von Nordhausen zum Haltepunkt Sophienhof, dem Ausgangspunkt der Tour, will, nimmt am besten den Dampfzug. In Eisfelder Talmühle wird Wasser getankt.

Wer von Nordhausen zum Haltepunkt Sophienhof, dem Ausgangspunkt der Tour, will, nimmt am besten den Dampfzug. In Eisfelder Talmühle wird Wasser getankt.

Foto: Kristin Müller

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Nach zwölf Stunden und 23 Minuten könnte alles vorbei sein. Länger braucht es nicht, die knapp 42 Kilometer zwischen Sophienhof und Nordhausen zu Fuß zu nehmen. So jedenfalls hat es der Tourismusverband ausgerechnet.

Ich rechne anders, getrieben von der Lust, den neuen Südharzer Dampfloksteig in Ruhe zu entdecken: In vier Etappen will ich den seit vorigem Herbst neu ausgeschilderten Weg erwandern. Nicht am Stück, sondern wie die freien Tage eben fallen. Der große Bergwanderrucksack kann daheim bleiben.

Dass die Regenjacke bei Sonnenschein in Nordhausen nicht umsonst eingepackt war, ist mir in Eisfelder Talmühle eine halbe Stunde später klar. Hier, am Fuße des Harzes, bleiben die Wolken hängen, einzelnen Tropfen folgt ein steter Landregen. Die Eisenbahnschienen, die Meter um Meter unter meinen Füßen vorüberziehen, glänzen noch mehr als sonst.

Der Dampfzug ist das Fortbewegungsmittel an verheißungsvollen Tagen. Auch heute spüre ich auf der Wagenplattform die Vorfreude auf etwas Schönes. Supermärkte, Autoschlangen an roten Ampeln, der Alltag: All dies bleibt zurück. Im Zug geht es zum Tourenstart am Haltepunkt Sophienhof.

Nach 50 Minuten Fahrt stehe ich allein im Wald. Das schnaufende Ross verschwand zwischen den Bäumen. Was blieb, ist Vogelgezwitscher und das Tropfen des Regens auf meiner Jacke. Einen halben Kilometer später folgt Schafsblöken, irgendwo hantiert jemand mit der Motorsäge.

Der Weg durchs Dorf führt an der dicken Linde vorbei, die schon Hans Dietrich von Zanthier im 18. Jahrhundert begleitet haben soll. Jenen Forst- und Jagdmeister also, der damals die Reviere hier betreute und den Nachhaltigkeitsgedanken bereits verinnerlicht hatte: „Es ist gewiss, dass kein Mensch bloß für sich, sondern auch für Andere und die Nachkommenschaft leben muss“, soll Zanthier einmal erklärt haben.

Eine Menschenseele treffe ich in Sophienhof nicht, für eine Einkehr im „Braunen Hirsch“ oder in der Ziegenalm bin ich noch nicht weit genug gelaufen. Hinab also ins Beretal auf einem schmalen Pfad, gesäumt vor allem von Buchen. Dann eine Lichtung, so schön wie eine Kulisse für einen Märchenfilm. Eine Forststraße folgt bis zur B 4 im Tal.

An der Holzbrücke über die Bere werde ich das erste Mal auf die Probe gestellt: Der offizielle Wegweiser leitet auf den Weg Richtung Eisfelder Talmühle, zum Bahnhof in Netzkater sollen es noch 7,9 Kilometer sein. Ein anderer hat das Schild ergänzt: Gleiches Ziel sei in entgegengesetzter Richtung nach nur einem Kilometer zu erreichen. So ist das auf dem Dampfloksteig: Der Weg schlängelt sich durch die Landschaft wie ein Zug einen Berg nach oben in vielen Schleifen nimmt.

Der Weg ist das Ziel — nicht der Bahnhof in Netzkater. Er führt bis Eisfelder Talmühle immer an den Gleisen entlang, etwa ein Dutzend Mal am Tag rollt zumindest ein Triebwagen über diese. An der früheren Mühle treffen sich Harzquer- und Selketalbahn und damit auch regelmäßig Triebwagen und Dampflok. Wer mag, kann länger bleiben: Im 1905 erbauten Empfangsgebäude des Bahnhofs gibt es eine Gaststätte und Ferienzimmer.

Meine Aufmerksamkeit indes liegt bei bunten Holzkästen am Waldrand. Der Sangerhäuser Imkerverein betreibt hier hinter einem Zaun eine Bienenbelegstation: Drohnenvölker wohnen in den Kästen, Imker bringen ihre Königinnen, auf dass diese begattet werden.

Denn diese Drohnen sind besonders sanftmütig, sammel- und putzfreudig, was die Varoamilbe bestenfalls fernhält, erklärt Imkerin Ines Berrenrath. Die Farben der Kästen erleichtern den Bienen die Orientierung – so, wie es auf diesem Wanderweg die Schilder mit der roten Dampflok tun.

Bergan führen die mich zum Christianenhaus, schon bald zieht es mächtig in den Waden: mal links, mal rechts. Auch der Merkelsbach wechselt die Seiten am Wegrand, sein Gurgeln begleitet mein Schnaufen. „Urig“ soll hier der Wald sein, „stille Lichtungen“ soll es geben, heißt es im Infomaterial zum Dampflok-steig.

Ich aber sehe vor allem viele Holzpolder an der Forststraße und Unmengen an Bruch- und Wurfholz. Mitunter sieht es aus, als hätten Riesen hier Mikado gespielt.

Bei diesem stupiden Bergan frage auch ich mich, ob diese Schleife übers Christianenhaus wirklich sein musste. Auch die missglückte Aufforstungsfläche mit leeren Wuchshüllen, die lärmende Holzerntemaschine auf der Höhe und die Alpakas am ziemlich verfallenen Gebäudeensemble von Christianenhaus sind es nicht wert. Ganz zu schweigen vom Hund dort, der einen vom Privatgelände verbellt.

Dann aber muss ich gedanklich klein beigeben: Durch das Große Hagental führt ein schmaler Pfad mitten durch eine Naturwaldparzelle. Hier wird kein Holz eingeschlagen, bleibt Totholz liegen: Der „Urwald von morgen“ soll entstehen. Ich steige über große Äste, beobachte Käfer an rindenlosen Stämmen, laufe durch braunes Buchenlaub bis hinunter zum Bach dieses Kerbtals.

Das breite Bett lässt erahnen, dass hier oft viel mehr Wasser durchfließt. Hinunter zum Brandesbach, der dem mehr als 200 Hektar großen Naturschutzgebiet seinen Namen gab. Wildkatze, Schwarzstorch und Großer Schillerfalter leben hier. Ganz in der Nähe, im angrenzenden Hufnageltal, soll 908 die letzte Schlacht zwischen Thüringern und Ungarn gewesen sein.

Für mich soll der Kilometer durchs Brandesbachtal der letzte des ersten Tages sein. Der Fahrplan am Bahnhof Netzkater allerdings lehrt mich Besseres: Weil der nächste Triebwagen erst in zwei Stunden kommt, die herrlich nostalgische Gaststätte auch zuhat, wandere ich bis Ilfeld. Immer an den Schienen entlang.

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